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aus Heft 50/2013 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Sollte man in Webshops Bewertungen abgeben, wenn man vor eigenen Bestellungen stets die Bewertungen anderer Leute studiert?

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»Wenn ich im Internet Kleidung bestelle oder ein Hotel buche, achte ich immer auf die Bewertungen anderer Käufer. Ich selbst bin allerdings meist zu faul, um nach dem Kauf oder dem Urlaub auch eine Bewertung abzugeben. Wäre ich dazu verpflichtet, wenn ich für meine Kaufentscheidung die Meinung anderer, die weniger faul waren, berücksichtige?« Knut R., Wolfsburg


Sie bringen mich in Verlegenheit. Dabei ist Ihre Frage im Grunde leicht zu beantworten. Und das auch noch mit einem Werkzeug, dessen ich mich oft und gerne bediene: Kants kategorischem Imperativ. In der Formel des allgemeinen Gesetzes lautet er: »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.« Ihre Maxime wäre hier: »Ich will keine Bewertung abgeben (weil ich zu faul bin)«. Das Gesetz hieße also: »Du sollst keine Bewertung abgeben.« Ein derartiges Gesetz können Sie nicht wollen, weil Sie ja selbst die Bewertungen gerne nutzen. Keine Bewertung abzugeben fällt deshalb bei der Prüfung am kategorischen Imperativ durch.
 
Warum dann meine Verlegenheit? Weil ich mich diesem Ergebnis nicht anschließen will. Bewertungen zu nutzen, aber selbst keine abzugeben, stellt zwar streng genommen das Verhalten eines Trittbrettfahrers dar; hier aber liegt meines Erachtens ein Sonderfall vor, was man erkennt, wenn man es mit dem Klassiker des Trittbrettfahrens, dem Schwarzfahren, vergleicht. Während niemand gerne für seinen Fahrschein bezahlt, gibt es eine Menge an Menschen, die mit Freude jede Möglichkeit nutzen, sich im Netz zu äußern, ja nachgerade danach lechzen. Sie handeln also nicht auf deren Kosten. Und während jedes nicht gelöste Ticket auf die Bilanz des Verkehrsunternehmens durchschlägt, funktionieren viele Bewertungsportale auch dann, wenn nicht jeder Nutzer oder Käufer mitmacht. Ich zögere deshalb, eine allgemeine Pflicht zu konstatieren.

Anders hingegen, wenn Ihre Bewertung die Information für die anderen Nutzer merklich verbessert, etwa weil es erst wenige Bewertungen gibt oder Ihre Einschätzung von den bisher abgegebenen stark abweicht. Dann wird es schwieriger für Sie, sich vor dem Bewerten zu drücken. Dafür aber einfacher für mich: Ich kann mich wieder Kant anschließen.


Quellen:
Immanuel Kants Kategorische Imperativ findet sich in der Formel des allgemeinen Gesetzes in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Akademie Ausgabe S. 421
Online zu lesen hier.

Empfohlen wird:
Kant für Anfänger. Der kategorische Imperativ. Eine Lese-Einführung von Ralf Ludwig, dtv München 1999

Sowie das Kapitel „Die kantische Ethik" in der auch sonst empfehlenswerten Einführung in die Ethik von Herlinde Pauer Studer, facultas WUV/UTB, Wien 2. Auflage 2010

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