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aus Heft 50/2013 Kino/Film/Theater

Das Schweiger-Dilemma

Tobias Haberl  Fotos: Armin Smailovic

Deutschlands erfolgreichster Filmstar wird 50, und immer noch gilt: Die einen verehren Til Schweiger, die anderen lehnen ihn ab. Warum spaltet dieser Mann so sehr? Wir haben ihn über mehrere Monate begleitet - und Antworten gefunden.


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Es ist Spätsommer und Til Schweiger denkt nach. Ein Porträt im SZ-Magazin? »Mit so was bin ich schon ganz schön auf die Schnauze gefallen«, sagt er. Letztes Jahr habe er deutschen Soldaten in Afghanistan seinen Film Schutzengel gezeigt, mit dabei ein Reporter vom Spiegel. »Dem habe ich vertraut«, sagt er, »ich mochte den wirklich gern.« Als Schweiger zwei Wochen später den Text liest, mag er ihn nicht mehr. »Der hat meinen Humor nicht kapiert.« Auf dem Flughafen habe er die St. Pauli Nachrichten gekauft und so getan, als würde er sie den Soldaten als Gastgeschenk einpacken, aber aus Spaß, offensichtlich ironisch gemeint. Im Text klang es so, als habe Schweiger, der alte Macho, nichts Besseres zu tun, als den armen Teufeln in Masar-i-Scharif ein Tittenheft mitzubringen. Was soll er sagen? Er ist skeptisch, wirklich skeptisch. Er muss nachdenken.

Vier Wochen später, kurz nach sieben Uhr abends, Til Schweiger ist unterwegs in ein Hamburger Fernsehstudio. Ein Fahrer in einer dunklen Limousine hat ihn abgeholt. Er sitzt hinten. In einer Stunde beginnt die Aufzeichnung von Markus Lanz. »Können Sie kurz an der Tankstelle halten?«, fragt er, springt raus, kommt zurück, in der Hand: den neuen Playboy. Was soll man sagen? Er ist widerspenstig, er ist trotzig. Journalisten will er es auf keinen Fall zu leicht machen, ihn gut zu finden, im Gegenteil, er lädt sie ein, sämtliche Vorurteile über ihn gleich mal bestätigt zu sehen. Til Schweiger hat sich entschieden. Er macht dieses Porträt, und er wird wieder den schwierigen Weg gehen: lieber Angriffsfläche bieten als sich verstellen, lieber missverstanden werden als jedem gefallen. Die meisten Prominenten machen es umgekehrt.
 
Aber diesmal hat er ein Argument: Auf dem Playboy-Cover ist Tina Ruland, 47 Jahre alt, Schauspielerin, mit der er vor 22 Jahren seinen ersten Kinofilm Manta, Manta gedreht hat. Wenn sich eine alte Schulfreundin oder frühere Kollegin auszieht, kann man schon mal hinschauen. Also blättert er sich durch die Fotos, flüchtig, zehn, zwanzig Sekunden lang. »Kann man herzeigen«, brummt er. Als er aussteigt, lässt er das Heft einfach liegen.

Til Schweigers Gesicht ist gebräunt, interessant verknittert, er sieht verdammt gut aus, und er weiß es: Als er vorhin das Haus verlassen hat, hat er nicht in den Spiegel geschaut. Er ist einfach raus, in Jeans und Pulli, drüber ein Mantel, die nackten Füße in nicht ganz sauberen Leinenschuhen, obwohl es gerade mal 16 Grad hat. Ein bisschen quatschen im Fernsehen, so was macht er nebenbei. Jetzt sitzt er in seiner Garderobe, trinkt Weißwein mit Eiswürfeln, raucht eine nach der anderen und wartet auf Lanz, dem er, bevor es losgeht, unbedingt noch was sagen möchte. Als ihn die Stylistin schminken will, wiegelt er ab. Als sie insistiert, lenkt er ein: »Aber nur Puder«, sagt er, »lieber seh ich unausgeschlafen als zugekleistert aus.« Er geht also mit in die Maske. Es sieht lässig, fast nachlässig aus, wenn Schweiger sich bewegt, wie ein bockloser Jugendlicher. Einen Anzug trägt er nur, wenn es unbedingt sein muss. Selbst zu seinen eigenen Premieren kommt er in Jeans und Pulli, immer ohne Bündchen, die hasst er. Warum sollte er sich fesch machen, nur weil die anderen denken, es würde sich eventuell gehören?

Als Lanz zu Schweiger in die Garderobe kommt, wie so oft mit dem nach vorn gestreckten Zeigefinger voran, fragt ihn Schweiger, ob es möglich sei, ihn nicht auf Marcel Reich-Ranicki anzusprechen, der am Tag zuvor gestorben ist. »Ich möchte nicht sagen müssen, dass er mir fehlt oder so, ich hatte mit dem doch nichts zu tun.« Die Welt hat Til Schweiger mal eine »groteske Gier nach Wertschätzung« unterstellt. Viel größer aber ist sein innerer Zwang, authentisch zu sein. Til Schweiger möchte verzweifelt als der Mensch erkannt werden, der er ist. Deswegen verstellt er sich nie, deswegen mutet er anderen seine Ehrlichkeit, auch seine Widersprüchlichkeit zu, und deswegen hat er dauernd Schwierigkeiten mit den sogenannten seriösen Journalisten. Entweder sie verstehen ihn falsch, dann lästern sie. Oder sie verstehen ihn richtig, dann lästern sie auch, weil er mal wieder was Unerhörtes gesagt hat. Ein Satz wie »Ich bin absolut gegen Gewalt, aber ich glaube auch, dass es Situationen gibt, die man nur mit Gewalt lösen kann« kommt in unserer politisch überkorrekten Gegenwart gar nicht gut an. Schweiger sagt ihn öffentlich, auf die Frage, ob er Pazifist sei, weil er ihn für wahr hält. Als die Deutschen über Karl-Theodor zu Guttenberg empört sind, weil der seine Doktorarbeit gefälscht hat, sagt Schweiger: »Also ich hab an der Uni auch abgeschrieben.« Es ist, als ziehe er Energie daraus, sich gegen die Mehrheit zu verhalten. Vor zwei Jahren hat er dafür den Querdenker-Award verliehen bekommen. Konsequenterweise war er schon bei der Dankesrede besoffen.

Wo eine wie Veronica Ferres je nach Anlass das passende Gesicht aufsetzt, ist er immer nur: Til Schweiger. Er ist nicht als Vater fürsorglich und als Chef autoritär. Er ist nicht als Privatmann ein Weiberheld und in der Talkshow ein Frauenversteher. Er ist immer alles auf einmal: Der Til, der sich in der Kneipe prügelt, und der Til, der sich die Ärmel des Wollpullis über die Handknöchel zieht und lieb dreinschaut. Der Til, der über das deutsche Gutmenschentum herzieht, und der Til, der zu Hause Seitenbacher-Müsli stehen hat. Der Til, der alle paar Jahre ein neues Model küsst, und der Til, der seine vier Kinder jeden Morgen zur Schule bringt. Die Bild mag ihn, Bunte und Gala auch, die Feuilletonisten zeigen ihm regelmäßig, dass er ihnen auf den Wecker geht. Als kleine Rache lädt Schweiger sie nicht mehr zu seinen Pressevorführungen ein, was kindisch, aber irgendwie auch amüsant und konsequent ist, weil es das ja fast nicht mehr gibt, dass ein berühmter Mensch öffentlich undiplomatisch ist. Als vor einem Jahr bekannt wurde, dass er neuer Tatort-Kommissar wird, jubelte die Taz, dass er jetzt endlich weniger Zeit habe, Drehbücher zu schreiben. Nach dem Film Inglourious Basterds fand der Kabarettist Urban Priol, das sei Schweigers bisher bester Auftritt gewesen: »Er hatte drei Sätze und wurde danach erschossen.«

Seit dreißig Jahren wird Til Schweiger als schlichter Zeitgenosse beschrieben, aber das ist nicht wahr: Schweiger ist ein uneindeutiger, ein vielschichtiger Mensch. Das macht ihn angreifbar, aber auch wahrhaftiger als die Welt, in der er sich bewegt: Es ist die Welt des Films, des Boulevards, der Echo- und Bambi-Verleihungen. Zu ihm hat jeder eine Meinung, meistens ist sie eindeutig bewundernd oder eindeutig ablehnend. Bei Lanz hat er während der neunzig Minuten Sendezeit kaum zwanzig Sätze gesagt. Michel Friedman, Hellmuth Karasek und der PR-Berater Klaus Kocks haben sich so oft gegenseitig unterbrochen, dass er nicht zu Wort kam. Er hat es aber auch nicht versucht. »Dafür kommst du im Dezember allein in meine Sendung«, hat Lanz ihm am Ende versprochen. Man kann auch schweigend eine Talkshowrunde gewinnen.

In letzter Zeit hat er gefaulenzt. Sagt er selbst. In erster Linie hat er Häuser gekauft, eines in Hamburg, um bei seinen Kindern zu sein, und eines auf Mallorca, um gelegentlich weiter weg von Deutschland zu sein. Gedreht hat er wenig, einen Werbespot, einen Tatort. Nach vier Filmen im vergangenen Jahr wollte er mal zur Ruhe kommen. Trotzdem wird gerade viel über ihn geschrieben: Erstens ist wieder mal eine seiner Beziehungen gescheitert. Zweitens wurde er mit irgendeiner Blondine auf irgendeinem Flughafen gesehen. Und drittens wird er in wenigen Tagen – 24 Stunden nach Brad Pitt – fünfzig Jahre alt. Sat.1 hat eine Geburtstagsshow für ihn produziert, der Stern hat ihn zu seinem Alter und seinen Frauen befragt, eine Biografie ist erschienen: Til Schweiger – der Mann, der bewegt. Als er im Frühjahr davon gehört hat, hat er den Autor angerufen und gesagt: »Wenn du schon was über mich schreibst, kommst du vorbei und wir unterhalten uns.« Alles andere sei doch Quatsch und unseriös.
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Am Tatort-Set belauschte Tobias Haberl folgenden Dialog zwischen Schweiger und seinem 13-jährigen Schauspielkollegen. Schweiger: »Dein erster Dreh?« Junge: »Ja. Deiner auch?« Schweiger: »Nee, mein zweiter.« Schweigers zweiter Tatort wird nächstes Jahr in der ARD ausgestrahlt.