Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 25°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 51/2013 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Der siebenjährige Paul fragt, ob er seinem Opa zu Weihnachten einen Hund schenken darf - auch wenn der gar kein Haustier haben möchte?

Anzeige
»Ich möchte meinem Opa einen Hund zu Weihnachten schenken. Er will aber gar keinen haben, obwohl es ihm sehr gut tun würde, jeden Tag mit ihm spazieren zu gehen. Darf ich ihm vorflunkern, der Hund sei uns zugelaufen, damit er ihn erst einmal aufnimmt? So könnten sich die beiden anfreunden, und dann würde er ihn bestimmt haben wollen.« Paul M., 7 Jahre, Aachen


Kennst Du Dich etwas in den griechischen Sagen aus? Da gibt es das Rätsel der Sphinx: »Was geht am Morgen auf vier Füßen, am Mittag auf zwei Füßen und am Abend auf dreien?« Die Antwort ist: »Der Mensch.« Am Morgen seines Lebens, als kleines Kind, kann er nur krabbeln, also auf vier Füßen gehen. Dann, in der Mitte seines Lebens, kann er auf zwei Beinen gehen, so wie Du und Deine Eltern. Und wenn ein Mensch älter wird, so wie Dein Großvater, braucht er vielleicht einen Stock, also einen dritten Fuß.

Warum erzähle ich Dir diese Geschichte? Weil in den griechischen Sagen immer eine tiefere Wahrheit versteckt ist. Hier, dass ein alter Mensch bei manchen Sachen Hilfe braucht – auch Du willst Deinem Großvater mit dem Hund ja helfen –, und das ist ein bisschen wieder so wie bei einem Kind. Deshalb kannst Du Dir überlegen, wie Du es fändest, wenn Deine Eltern Dich anflunkern, weil Sie meinen, etwas tut Dir als Kind gut, obwohl Du es nicht willst. Wenn Du zum Beispiel Spinat eklig findest, und Deine Mutter sagt, das Grüne in den Teigtaschen sei gar kein Spinat, damit Du ihn isst, weil sie meint, dann wird er Dir schon schmecken. Wahrscheinlich hättest Du das Gefühl, dass sie Dich nicht ernst nimmt. Und das ist immer das Problem beim Anlügen, auch wenn man es nur »Flunkern« nennt und gut meint.

Außerdem ist ein Hund kein toter Gegenstand, sondern ein Lebewesen. Was ist denn, wenn Dein Großvater den Hund doch nicht will? Soll der dann nach ein paar Wochen ins Tierheim? Das wäre nicht gut. Deshalb sollte man kein Tier zu Weihnachten schenken; schon gar nicht, wenn man nicht sicher weiß, ob es der, der es bekommt, wirklich will. Besser wäre, wenn Du Deinem Opa einen Gutschein dafür schenkst, dass Ihr zusammen mit einem Hund aus dem Tierheim Gassi geht. Das ist ehrlich, Ihr macht etwas zusammen, und dann könnt Ihr sehen, ob Dein Opa nicht vielleicht doch einen Hund haben will.

Quellen:

Die Geschichte mit dem Rätsel der Sphinx findet man in der Sage von Oedipus. Klassischerweise zu lesen in: Gustav Schwab, Sagen des klassischen Altertums. In vielen unterschiedlichen Ausgaben erschienen.

Hier online abrufbar, oder auch hier

Anzeige


Haben Sie auch eine Gewissensfrage? Dann schreiben Sie an Dr. Dr. Rainer Erlinger: gewissensfrage@sz-magazin.de

  • Die Gewissensfrage

    Malen, dann zahlen

    Muss man einem Straßenkünstler Geld geben, wenn man ihm zuvor zugesehen hat?

    Von Dr. Dr. Rainer Erlinger
  • Anzeige
    Die Gewissensfrage

    Traust du dich?

    Sollte man seinen Partner auf dessen Wunsch hin heiraten, auch wenn man überzeugter Ehegegner ist? Unser Moralexperte weiß Rat.

    Von Dr. Dr. Rainer Erlinger
  • Die Gewissensfrage

    Wer billig schenkt, schenkt zweimal

    Wenn Kinder ein Geschenk bekommen – sollen die Eltern dann bei der Auswahl ein Wörtchen mitzureden haben? Die Gewissensfrage.

    Von Dr. Dr. Rainer Erlinger