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aus Heft 51/2013 Wissen

Weltfremd

Patrick Illinger  Fotos: Andri Pol

Die Wissenschaftler am Forschungsinstitut CERN erforschen die großen Geheimnisse des Universums. Die kleinen Dingen des Alltags überforden sie schnell mal. Zu Besuch bei Menschen, die manchmal abends ihre Kinder in der Kita vergessen.



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Lächerlich, was für Vorstellungen das Teilchenforschungszentrum CERN mitunter in der Öffentlichkeit erzeugt: In Dan Browns Thriller Illuminati fliegt der Generaldirektor mit einem Überschalljet durch die Gegend. Ein jüngst ausgestrahlter RTL-Film machte das CERN gar zum Zentrum einer globalen Katastrophe, bei der ein schwarzes Loch entsteht. Überhaupt war von schwarzen Löchern viel zu viel die Rede, nachdem ein skurriler Professor aus Tübingen dazu bizarre Thesen in die Welt gesetzt hat. Die Wahrheit ist: Am CERN gibt es jede Menge schwarze Löcher, allerdings keine bedrohlichen. In diesen Löchern gehen Kaffeetassen, USB-Sticks, Papierstapel verloren, und gelegentlich auch Geistesblitze, die man eben noch hatte. Da verschwindet auch mal ein Bündel tausende Euro teurer Kabel, das, in der Nähe des Mülleimers abgelegt, von der Putztruppe auf Nimmerwiedersehen beseitigt wird. Oder ein Doktorand schließt sich nächtelang in seinem Zimmer ein. Die schwarzen Löcher im CERN sind kein physikalisches Phänomen, sondern ein Symptom des kreativen Chaos, auf dem dieses einzigartige Forschungszentrum beruht.

Fast 3000 Techniker und Wissenschaftler sind am CERN angestellt. Nachdem die Anlage jedoch als Dienstleistungsbetrieb für Universitäten und Institute in aller Welt dient, sind es mitunter an die 10 000 Forscher, die auf dem Gelände westlich von Genf, zwischen dem Flughafen und dem auf französischer Seite aufragenden Jura-Gebirge zusammenkommen. Oberirdisch ähnelt das CERN einer in mehr als fünfzig Jahren gewachsenen Kleinstadt, einer verwirrenden Ansammlung zugiger Baracken neben modernen mehrstöckigen, energieoptimierten Bürogebäuden. Dazwischen ausgediente Vakuumkammern und der Dampf von flüssigem Stickstoff. In manchen der scheinbar unendlichen Gänge könnte man Fernsehserien drehen, die in den Sechzigerjahren spielen, anderswo sieht es nach Science-Fiction aus. Und in vielen der Werkstätten und Experimentierhallen hat man den Eindruck, als könne hier nur noch ein militärisches Räumkommando für Ordnung sorgen.

Die Physik eine exakte Wissenschaft? Am CERN wird das Gegenteil bewiesen. Da wischen die Theoretiker mit bloßen Händen auf ihren Tafeln herum, Asiaten kochen neben Oszillatoren Reis. Hinter mancher Tür wummert ein anarchistisches Miniatur-Experiment, ein Kessel mit tiefgekühltem flüssigen Argon zum Beispiel, in dem der Betreiber nach Spuren Dunkler Materie aus dem Universum sucht. Auch der inzwischen 92-jährige Nobelpreisträger Jack Steinberger kommt noch immer fast täglich in sein Büro, das er mit einem Kollegen teilt. Das Mittagessen bringt er in einer Tupperware-Dose mit. Manchmal trägt er einen Pullover, auf dem die Schimpfwörter von Kapitän Haddock aus den Tim und Struppi-Comics stehen. Nicht selten hat man den Eindruck, dass manche der Schlauköpfe am CERN derart mit ihren hochkomplexen Theorien beschäftigt sind, zum Beispiel jener, wonach das Universum aus Myriaden winziger Fädchen besteht, dass sie mit den eigenen Schuhbändern Probleme bekommen. Andere wiederum basteln exzentrische Sportwagen oder organisieren den wöchentlichen Tango-Abend.

Das CERN ist ein perfekter Ort, um den Niederungen des Alltags zu entfliehen. Es gibt mehrere Kantinen, eine Bank, ein Postamt, ein Reisebüro. Angestellte sind automatisch krankenversichert, jeder kann ein Auto steuerfrei kaufen, steuerfrei anmelden, und dank konsularischer Nummernschilder spielt auch der TÜV keine Rolle. Die Erzieherinnen des Kindergartens haben mitunter Mühe, am Abend Mama oder Papa aufzutreiben, wenn die Kinder mal wieder vergessen wurden, weil die Eltern gerade einem Neutrino nachjagen.

Betrachtet man die kaum vorstellbare Vielfalt unterschiedlicher Charaktere aus fast siebzig Nationen, die am CERN arbeiten, grenzt es an ein Wunder, dass die mehrere Milliarden Euro teure Beschleunigeranlage tief unter der Erde tatsächlich funktioniert. Dass zwei gegenläufige Protonenstrahlen mit der Energie von ICE-Zügen in jeder Sekunde 11 250-mal durch den 27 Kilometer langen Ringtunnel im Kreis rasen. Dass diese Protonen an vier Stellen punktgenau aufeinandertreffen und einige von ihnen kollidieren. Dass diese Kollisionen eine Vielzahl neuer Partikel hervorbringen, die wie in einem kleinen Urknall auseinanderstieben. Dass diese Kollisionssplitter von kirchenschiffgroßen Detektoren aufgefangen und vermessen werden. Dass in diesem Wust an Teilchen und Daten tatsächlich neuartige Partikel gefunden werden, das Higgs-Boson zum Beispiel, das wohl dafür verantwortlich ist, dass alle Dinge im Universum eine Masse haben. Für die theoretische Vorhersage dieses Teilchens gab es in diesem Jahr den Nobelpreis.

Zwei Starkstromleitungen aus dem europäischen Verbundnetz führen in die Region am Westende des Genfer Sees. Die eine versorgt den gesamten Kanton Genf mit Energie, die andere speist das CERN. Eigentlich möchte man diesen Physikern das alles nicht in die Hand geben. Andererseits ist das Forschungszentrum der endgültige Beweis, dass kreatives Chaos möglich ist. Ein bisschen Nachsicht ist daher angebracht. Wer gerade das Higgs-Teilchen gefunden hat, der darf schon mal vergessen, wo die verdammten Kaffee-Kapseln wieder geblieben sind.
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Patrick Illinger, Leiter des Ressorts Wissen der Süddeutschen Zeitung, war selbst drei Jahre lang Teil des kreativen Chaos am CERN. Für sein zweites Leben als Journalist musste er ein paar Marotten ablegen. Aber zum Glück nicht alle.

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