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aus Heft 02/2014 Gesellschaft/Leben

Die eingebildete Trinkerin

Else Buschheuer  Illustration: Yann Kebbi

Prosecco hebt ihre Laune. Rotwein macht sie kreativer. Mit Wodka Lemon ist sie geselliger - aber irgendwann merkt unsere Autorin: Der Alkohol ist drauf und dran, ihr Leben zu bestimmen. Die Geschichte einer nüchternen Entscheidung.


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»I wish I could drink like a lady,
I can take one or two at the most.
Three and I’m under the table,
four and I’m under the host«
Dorothy Parker

Bei den alten Germanen war es Brauch, zur Stärkung der Kampfkraft Alkohol aus den Hirnschalen der Feinde zu trinken. Ich kann das gut verstehen. 2005 moderierte ich eine Talkshow, die mir in jeder Beziehung Angst machte. Bevor ich zur Sendung fuhr, trank ich einen Prosecco, für den Blutdruck. Kurz vor Sendebeginn stießen wir mit den Gästen an, um ihnen die Scheu zu nehmen. Während wir live sendeten, wurde Alkohol serviert. Niemand fand etwas dabei, ich am allerwenigsten. Wenn nach der Sendung der Druck von mir abfiel, wurde gefeiert. Prost!

Eine der stärksten Szenen von Rio Bravo ist die, in der Dean Martin, der einen Säufer spielt, vor der Whiskyflasche sitzt und in Selbstmitleid zerfließt. Seine Hände zittern, er kann sich nicht mal eine Zigarette drehen, geschweige denn ordentlich schießen – der Teufel hat den Schnaps gemacht! Und John Wayne, der Sheriff, hat jetzt auch noch Ricky Nelson, dieses Milchgesicht, als Hilfssheriff engagiert. Dean Martin ist gedemütigt. Er reißt seinen Stern von der Brust, entkorkt die Flasche, gießt sich ein Glas voll und hebt es zum Mund, als draußen die Männer von Joe Burdette beginnen, den Deguello zu spielen, das mexikanische Todeslied, eine alte Zermürbungstaktik noch aus Alamos Zeiten. Dean Martin hört die Melodie und lässt das volle Glas sinken. Seine Haltung strafft sich, er gießt den Whisky zurück in die Flasche und nicht einen Tropfen daneben. Odysseus widersteht den Sirenen.

Ein bereits angesetztes volles Glas wieder abzustellen, ohne es zu trinken – das wäre mir damals nie in den Sinn gekommen. Einen Drink abzulehnen, das war ein Kampf, den ich nicht ausfechten musste. Dosenprosecco, den ich anfangs als ironisches Statement zur Desavouierung von Champagner-Snobs benutzt hatte, trug ich bald palettenweise aus dem Lidl raus und trank ihn wie Brause, ganz ironiefrei. Im Kino, im Auto, beim Spazierengehen, ich hatte immer ein, zwei Dosen Prosecco in der Handtasche. Ich trank in Gesellschaft, in angenehmer und unangenehmer, in langweiliger und in anregender, ich trank zu Hause, beim Telefonieren, beim Rauchen, beim Schreiben, und draußen bei Dinners, Partys und Empfängen sowieso.

Hey, und warum auch nicht? Was geht das euch an, wie viel ich saufe? Verdiene ich nicht mein eigenes Geld, das ich ausgeben kann, wofür ich will, Trink-Geld sozusagen? Torkle ich etwa, werde ich ausfällig, baue ich ab? Mache ich meinen Job nicht ordentlich? Lasse ich andere warten? Na also! Immerhin bin ich erwachsen. Immerhin bin ich Schriftstellerin. Ich muss Wege finden, den inneren Zensor auszuschalten. Ich schulde meinen Lesern waidwunde Texte, die sich in einsam durchzechten Nächten quasi von selbst schreiben. Es ist der Alkohol, der mich ins Herz beißt, der undenkbare Gedanken denkbar macht, der Worte wie Fontänen aus mir herausschießen lässt, sie erst in Unordnung bringt und dann kühn wie noch nie kombiniert. Schreiben ist Krieg. Der Schreiber ist ein Soldat. Und Soldaten, das weiß man seit dem Dreißigjährigen Krieg, kämpfen besser mit einer Extra-Ration Branntwein. Was sonst heißt »frei von der Leber weg«?

Um den Effekt des Trinkens auf mein Schreiben zu vergrößern, erhöhte ich mitunter die Dosis, von Dosenprosecco über Weißwein zu schwerem Bordeaux, von dort über Whisky und Cognac zu Wodka. Voda ist Russisch und heißt Wasser, Vodka ist das Wässerchen, klar wie ein Bergsee, kalt wie der Atem der Nacht. Wodka macht aus allen Menschen Russen, sagte Ivan Rebroff. Wodka macht keine Fahne, sagen die Trinker, er ist rein, sagen die Veganer, keine Fuselöle, keine Aromen, keine fermentierten Stoffe – nur der Alkohol selbst. Aspirin mit Wodka runterschlucken. Schlafmittel mit Wodka runterschlucken. Ärger mit Wodka runterschlucken. Sperma mit Wodka runterschlucken. Wodka, mon amour.

Das Wässerchen und ich. Ich proste meinem Spiegelbild zu. »Ich trinke niemals, wenn ich allein bin«, hatte Leander Haußmann mal in einer Talkshow gesagt, »aber ich bin auch nie allein.« In Gesellschaft trinkt der Mensch, um dazuzugehören. Es gibt einen Namen dafür: sozial akzeptierter Alkoholismus. Aber warum trinkt der Mensch allein? Weil es schmeckt? Weil er einsam ist? Oder aus demselben Grund, aus dem der Hund mit dem Schwanz wackelt: weil er es kann?

In Wolfgang Joops Roman Im Wolfspelz hatte ich gelesen, dass in den Evian-Flaschen, mit denen Models herumlaufen, Wodka ist. Das gefiel mir. Vor einem Nachtdreh goss ich einen Schwapp Wodka in eine Wasserflasche, nahm die Flasche mit ins Teamauto und trank auf der Fahrt daraus. Was ich nicht wusste: Wenn man Wodka mit Wasser vermischt, beginnt er zu stinken. Das ganze Auto war von einem seltsam stechenden Geruch erfüllt. Vom Beifahrersitz aus sah ich im Rückspiegel, wie meine Kollegen Blicke tauschten. Ich tat, als wär nix, aber der Geruch schien mir anzuhaften. »Warst du beim Zahnarzt?«, fragte die Maskenbildnerin. Ich schämte mich, aber nicht lange. Man musste es geschickter anstellen.

Zum Beispiel kann man Wodka mischen mit Bitter Lemon, dann riecht er nicht und schmeckt wie Brause. Und wie angenehm er durch die Adern pritzelt, wie beschwingt und geistreich er macht, wie mutig, wie tollkühn, wie geil. Besoffensein fetzt. Meg Ryan und Andy Garcia schmeißen in When a Man Loves a Woman Eier auf den Porsche des Nachbarn, dessen ständig anspringende Alarmanlage sie stört. Meg Ryan kriecht im Nachthemd auf dem eierbeschmierten Porschedach herum und lallt ihrem Mann Anfeuerungen zu. Oder Quentin Tarantino in From Dusk till Dawn – Sie kennen die Szene? Nach ihrem Schlangentanz schreitet Salma Hayek leicht bekleidet über
den Kneipentisch, gießt eine Flasche Whisky auf ihr Bein und steckt Tarantino den Fuß hin. Gierig schnappt er danach und saugt den Whisky ein, er hängt an Hayeks großem Zeh wie ein Baby an der Flasche. So ein Spaß! Bruce Willis torkelt sternhageldicht durch das Fegefeuer der Eitelkeiten, grabscht auf eine Lachsplatte, stopft sich den Mund voll und lacht vergnügt wie ein Kind.

Oft ist der Beschwipste der Einzige, der lacht. Und überhaupt! Wie gut er es aushält, in der Gesellschaft von Napfsülzen zu sein! Schon Hemingway wusste das: »Ein intelligenter Mann ist manchmal gezwungen, sich zu betrinken, um Zeit mit Narren zu verbringen.« Correctamundo! Man kriegt sogar zum Singen Lust. Sogar Nichtsänger und Nichtsingenkönner kriegen zum Singen Lust. »What shall we do with the drunken sailor, what shall we do with the drunken sailor, what shall we do with the drunken sailor early in the morning?«
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Else Buschheuer schreibt Prosa nur an Trinktagen (aktueller Roman: Zungenküsse mit Hyänen). An alkoholfreien Tagen trinkt sie Kirschsaft aus Rotweingläsern und täuscht auch schon mal einen Schwips vor, um nicht als moralinsaure Spaßbremse dazustehen.

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