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aus Heft 03/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Darf man die Teilnahme am Junggesellinnenabschied einer guten Freundin absagen, wenn man an diesem Tag eigentlich arbeiten müsste? 

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»Ist es in Ordnung, dem Junggesellinnenabschied einer guten Freundin fernzubleiben, weil die Mehrheit der Gruppe für ein Datum gestimmt hat, an dem man arbeiten möchte oder muss? Nun sagen alle, dass das nicht gehe und man sich für dieses – für die Braut wohl einmalige – Ereignis freinehmen müsse.« Jana R. Eisenach


Als ich mich daran machte, auf Ihre Frage zu antworten, fiel mir auf, dass sie nicht eindeutig gestellt ist. Üblicherweise ist das einer Antwort abträglich, hier aber weist es gerade den Weg zur Lösung.

Inwiefern nicht eindeutig? Wenn sich die Mehrheit für einen Tag entschieden hat, an dem Sie arbeiten müssen, mag das für Sie bedauerlich sein, aber einfach zu entscheiden. Müssen verstehe ich so, dass es Ihnen unmöglich ist, an diesem Tag freizunehmen, ohne den Job zu verlieren, oder dass sonstige Folgen es Ihnen verwehren. Etwa weil Sie Dienst haben und dann blutende Patienten vor einer nicht besetzten Notaufnahme darben würden. In einem derartigen Fall wären Sie natürlich entschuldigt.

Nun schreiben Sie aber von einem Datum, an dem man »arbeiten möchte oder muss«. Und genau dieser Gegensatz zeigt das Problem. Da sich nämlich die Frage streng genommen gar nicht stellt, wenn Sie wirklich arbeiten müssen, scheint es so, dass Sie arbeiten möchten, oder, um es härter zu formulieren, lieber arbeiten möchten. Bei mir persönlich stießen Sie zwar auf vollstes Verständnis dafür, keinen Urlaubstag für eine meist eher bemühte als lustige Veranstaltung zu opfern. Aber ich bin nicht Ihre gute Freundin, die sich vermutlich wünscht, dass Sie dabei sind.
 
Damit wären wir beim Punkt: Es geht um die Abwägung, ob Ihnen der Junggesellinnenabschied Ihrer guten Freundin wert ist, einen Urlaubstag zu opfern. Bei dieser Abwägung zählt neben dem Vergnügen, das man an einer derartigen Veranstaltung haben mag, und Ihrem durchschimmernden Unmut über die Terminfestlegung gegen Ihren Willen, in erster Linie die Freude Ihrer Freundin darüber, Sie dabeizuhaben. Dieser Freude Gewicht beizumessen, gebietet die Freundschaft. Wie groß wiederum deren Gewicht ist, müssen Sie wissen.

Literatur:

Zur Freundschaft nach wie vor unerreicht sind die Ausführungen von Aristoteles im VIII. und IX. Buch seiner Nikomachischen Ethik. Gute Übersetzungen gibt es von Olof Gigon bei dtv, München 1991 und von Ursula Wolff bei rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006

Eine gute Zusammenstellung zum Thema Freundschaft: Klaus-Dieter Eichler (Hrsg.), Philosophie der Freundschaft, Reclam Verlag Leipzig 1999 (Leider nur mehr antiquarisch erhältlich)


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