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aus Heft 03/2014 Sport

Wer oder was hilft Ihnen bei Niederlagen?

Ronald Reng (Interview)  Illustrationen: Ward Schumaker, Jungyeon Roh, Domitille Collardey, Damien Florebert Cuypers, Ping Zhu, Daniel Heidkamp

Am Beginn des WM-Jahres: 45 Prominente befragen Joachim Löw.


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Wenn in fünf Monaten die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien beginnt, entscheidet sich auch das Schicksal von Joachim Löw: Mit einem Titel reiht er sich ein in die Riege so legendärer Trainer wie Sepp Herberger oder Franz Beckenbauer. Scheiden die Deutschen früh aus, wird er auch in Erinnerung bleiben - für seinen badischen Dialekt und die taillierten Hemden; dann zählt nicht mehr, dass er es war, der unserer Nationalmannschaft beigebracht hat, attraktiv, rasant und aufregend zu spielen. Dass er von allen zehn Bundestrainern die beste Bilanz vorweisen kann (69 Siege in 101 Spielen).

In den acht Jahren als Bundestrainer hat Joachim Löw beides kennengelernt: übertriebene Ovationen und überzogene Kritik, aber noch nie stand er so unter Druck wie heute. Wir fanden: der ideale Zeitpunkt, um ihm ein paar Fragen zu stellen. Also haben wir Prominente gebeten, uns zu schreiben, was sie schon immer von Jogi Löw wissen wollten. Wir haben uns nicht nur Fußball-Fragen gewünscht, sondern auch private, absurde, heikle, provokative. Die 45 besten haben wir dem Bundestrainer gestellt. Natürlich geht es um unseren Kader in Brasilien, aber auch um Liebeskummer, Homosexualität, Mode und Spielerfrauen.
Andreas Gursky, Fotograf
»Wie viele Minuten oder Sekunden am Tag denken Sie zurZeit nicht an Fußball?«
Löw: »Während einer Weltmeisterschaft übernimmt der Fußball Tag und Nacht meinen Geist und meinen Körper. Selbst wenn ich mitten in der Nacht aufwache, ist das nächste oder letzte Spiel sofort präsent. Ich habe aber gelernt, in den Wochen ohne Wettkampf nach zwei, drei Stunden konzentrierter Arbeit im Büro ganz bewusst eine Pause einzulegen. Ich schalte dann den Computer und das Telefon aus und gehe einen Espresso trinken oder ein bisschen laufen. Ich habe gelernt, mir bewusst Freiräume zu nehmen. Nur so kann ich mein Pensum bewältigen.« 
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Sahra Wagenknecht, Die Linke-Politikerin
»Der ehemalige argentinische Nationaltrainer César Luis Menotti sagte einmal sinngemäß, ›rechter Fußball‹ sei der Terror der Taktik, beim ›linken Fußball‹ gehe es auch um die Ästhetik des Spiels und die Freude der Menschen. Ist Deutschlands Fußball linker geworden?«

Löw: »Mir ist wichtig, dass meine Spieler mit links und rechts gut schießen können.«
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H.P. Baxxter, Sänger von Scooter
»Wie sprechen die Spieler Sie an: Sie? Du? Trainer?«
Löw:
»Ein Trainer hat nicht mehr oder weniger Autorität, weil er sich siezen oder duzen lässt. Und mit ›Herr Löw‹ muss mich ganz sicher keiner ansprechen. Manche duzen mich, zum Beispiel Lukas Podolski, weil der mich noch aus der Zeit als Assistenztrainer von Jürgen Klinsmann kennt. Die meisten sagen einfach ›Trainer‹, um das Du zu umgehen.«
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Frank Plasberg, TV-Moderator
»Werden Titel im Fußball überschätzt?«
Löw: »Nein. Titel sind das Wichtigste, für einen Trainer wie für die Fans. Nur Titel verschaffen vollkommene Zufriedenheit. Für mich als Trainer gibt es aber auch jenseits von Pokalen eine große Befriedigung: Wenn ich das Gefühl habe, dass die Elf oder auch einzelne Spieler besser geworden sind. 2004 war Deutschland weit weg von den besten Mannschaften der Welt, die Nationalelf lag am Boden. Damals haben wir gesagt: Wir müssen unseren Spielstil umstellen, wir müssen die anderen auch mal fußballerisch, nicht nur kämpferisch vor Probleme stellen. Inzwischen gehören auch Kreativität, Technik und Spielwitz zu den deutschen Tugenden, und das gibt mir schon ein gutes Gefühl.«
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Maria Höfl-Riesch, Skifahrerin
»Warum ist Ihre Frau nie bei einem Spiel dabei?«
Löw:
»Sie täuschen sich. Meine Frau ist relativ häufig dabei. 2012 in Polen, 2010 in Südafrika und bei der EM 2008 in Österreich und der Schweiz war sie bei fast jedem unserer Spiele im Stadion. Allerdings sitzt sie meistens nicht auf der VIP-Tribüne, sondern irgendwo mit Freunden.«
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Wim Wenders, Filmregisseur
»Viele Fußballspiele haben eine irre spannende Dramaturgie. Natürlich auch deswegen, weil sie sich, im Gegensatz zum Kino, niemand ausgedacht hat. Denken Sie, dass Sie die Dramaturgie eines Spiels voll im Griff haben?«
Löw:
»Während des Spiels kann ich nur bedingt Einfluss darauf nehmen, was auf dem Platz passiert. Ich stelle die Mannschaft ein, entwerfe einen Plan, versuche die Übersicht zu bewahren - und muss am Ende doch improvisieren, weil sich die Dinge auch mal ganz anders entwickeln. Bei diesen Änderungen in der Hitze des Spiels entscheide ich meistens nicht rational, sondern intuitiv. Es ist genau diese Unberechenbarkeit, die Fußball so faszinierend macht. Im Handball oder Basketball ähneln sich die Spielzüge mehr, man kann sie besser planen und vorhersehen, weil wir Menschen einen Ball mit den Händen einfach besser kontrollieren können als mit den Füßen. Im Fußball stehe ich permanent vor der Frage: Was jetzt? Aber auch ins Kino gehen wir doch genau deshalb: weil wir das Ende des Films nicht kennen.« 
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Christiane Hörbiger, Schauspielerin
»Was war der bisherige Höhepunkt Ihres Lebens?«
Löw:
»Die Besteigung des Kilimandscharo. Wir nahmen einen schwierigen Aufstieg, über fünf Tage, und in der letzten Nacht geriet ich körperlich und psychisch an meine Grenzen. Wir waren tagsüber bereits zwölf Stunden gegangen und marschierten, nach einer nur kurzen Pause, bei minus 30 Grad über Eis und Stein durch die Dunkelheit. Ich wollte permanent umkehren, aber irgendwas trieb mich weiter. In dieser Nacht passierten Dinge in meinem Kopf, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Bei Sonnenaufgang waren wir auf dem Gipfel. Und ich spürte dieses Glücksgefühl, dass man fast alles schaffen kann auf der Welt.«
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Cem Özdemir, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen
»Haben Sie schon einmal an einer politischen Demonstration teilgenommen? Wenn ja, an welcher?«
Löw:
»Noch nie, nein. Meine demokratischen Rechte nehme ich wahr, indem ich immer zur Wahl gehe.«
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Daniel Brühl, Schauspieler
»Wer ist neben Poldi der lustigste in der Kabine?«
Löw: »Man unterschätzt vielleicht, wie ruhig es da vor einem Spiel oder in der Halbzeit zugeht. Da herrscht eine konzentrierte und angespannte Stille. Nach Siegen sieht es natürlich anders aus: Marco Reus kann sehr locker sein. Und Thomas Müller ist unglaublich schlagfertig, auch mir gegenüber.«
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Nachdem die Prominenten ihre Fragen an uns geschickt hatten, machte sich unser Autor Ronald Reng damit auf den Weg in die DFB-Zentrale nach Frankfurt am Main. Zum Interview kam Joachim Löw mit drei Stück Kuchen auf einem Teller und bot Reng auch gleich vom Bienenstich an, ehe er selbst zuschlug. Was Rengs älteste Fußball-Erkenntnis bestätigte: Niemand isst mehr Süßes als Profisportler.

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