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aus Heft 04/2014 Gesellschaft/Leben

Der Schein und das Bewusstsein

Marianne Moesle  Fotos: Andy Kania

Betrug oder Kavaliersdelikt? Schwarzfahren ist Volkssport. Jetzt versuchen Städte und Verkehrsverbände, mit neuen Methoden gegen die »Transporterschleichung« vorzugehen. Aber vieles weist darauf hin, dass der Kampf schon so gut wie verloren ist.

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Der Platz an der Tür ist bei Schwarzfahrern besonders beliebt - vielleicht kann man der Kontrolle entkommen.


Die Zahl ist ein bisschen erschreckend: Nahezu eine Million Schwarzfahrer sind jeden Tag in Deutschland unterwegs. Betont unauffällig drücken sie sich am Busfahrer vorbei, stehen in der U-Bahn nahe der Tür, nach Kontrolleuren Ausschau haltend, oder haben eine gefälschte Marke auf ihre Monatskarte geklebt. Eine Million Schwarzfahrer, mit ganz unterschiedlichen Gründen für ihr Verhalten: Schusseligkeit oder Bequemlichkeit, Armut oder Geiz, politischer Protest oder sportlicher Ehrgeiz. Was auch immer dahintersteht – den Kontrolleuren ist es egal. Etliche Tausend Fahrscheinprüfer versuchen jeden Tag, so viele Schwarzfahrer wie möglich zu erwischen. Bis am nächsten Morgen das große Spiel von Neuem beginnt.

Nur dass es kein Spiel ist: Den Verkehrsunternehmen entgehen durch Schwarzfahrer 250 Millionen Euro im Jahr; die Kosten für Kontrolleure summieren sich auf weitere 100 Millionen Euro. Weder moralische Appelle noch ausgeklügelte Prüfkonzepte haben bisher verhindern können, dass die Zahl der Schwarzfahrer seit Jahren steigt. Erheblich sind auch die Folgekosten für die Justiz. Fast jedes dritte Gerichtsverfahren in Berlin bezieht sich inzwischen auf »Beförderungserschleichung« und mehr als tausend notorische Schwarzfahrer sitzen hinter Gittern, weil sie ihre Strafen nicht bezahlen können. Schwarzfahren ist nämlich kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat nach Paragraf 265a StGB. Wird man drei Mal im Jahr erwischt, gibt es eine Anzeige, und der Fall landet vor Gericht.


Tübingen, Amtsgericht, Doblerstraße. »Sechs Mal innerhalb eines einzigen Monats beim Schwarzfahren erwischt. Frau L., können Sie sich daran erinnern?«, fragt die Richterin im Saal 27. Die Angeklagte hebt widerwillig den Kopf. Anna L. ist 21, Nofretete-Profil. »Ja, schon«, murmelt sie und malt mit ihrem Zeigefinger eine Acht auf den Tisch. »Das war eine Phase, da bin ich nirgendwo stehengeblieben.«

Es fing harmlos an. Anna war neun oder zehn. Meistens ging sie mit ihren Freundinnen zu Fuß zur Schule. Regnete es, stiegen sie in den Bus. Waren ja nur vier Haltestellen. Kontrolliert wurden die Mädchen nie. Als Anna in die Pubertät kam und mit ihren Freundinnen in die Stadt wollte, stieg sie wieder ein. Ohne Fahrschein, sonst hätte sie ja zu Hause um Geld und Erlaubnis fragen müssen.

Im Zug auf dem Weg von Tübingen nach Reutlingen wurde Anna zum ersten Mal erwischt und von der Bundespolizei nach Hause gebracht. Peinlich, aber schnell wieder vergessen. Zumal die Eltern sich Verantwortungslosigkeit vorwarfen, anstatt ihr die Leviten zu lesen.

In ihrer Clique war es cool, schwarzzufahren. Fahrscheine wurden so manipuliert, dass sie mehrmals gestempelt werden konnten, mit den Kontrolleuren spielte man Katz und Maus. Der billige Kick: Werde ich erwischt oder nicht? Wurde sie, schämte sich Anna, nahm sich vor, endlich damit aufzuhören, und machte doch weiter wie bisher. »Es dauert viel zu lang, bis ernsthaft etwas passiert«, sagt sie heute.

Als ihr Vater auszog, pendelte das Mädchen, machte den Hauptschulabschluss und begann eine Lehre als Hotelfachfrau. Schwarz fuhr sie weiterhin. Die Briefe vom Amtsgericht stapelten sich ungeöffnet. Bis der Vater sie doch aufschlitzte und Anna zum Gericht schleppte: zuerst gab es 60 Tagessätze, jetzt »drei Monate auf Bewährung«.

»Höchste Zeit, dass Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen«, sagt die Richterin nach dem Urteil. »Wie geht das?«, fragt Anna.

Ausländische Besucher wundern sich oft darüber, dass es Schwarzfahrern in Deutschland so leicht gemacht wird: In Paris, London oder New York verhindern Zugangssperren, dass man ohne Fahrschein auf den Bahnsteig tritt. In New York kann es vorkommen, dass Schwarzfahrer, die über die Sperre springen, in Handschellen in den Knast wandern. Noch brutaler geht die indonesische Eisenbahngesellschaft vor. Sie hat Gerüste über Bahnstrecken montiert, von denen schwere Betonpendel hängen, die Schwarzfahrer von Zugdächern fegen. In Japan vereinbaren sich Schwarzfahren und Kontrollen hingegen nicht mit der Mentalität der Fahrgäste; den Ticketpreis bezahlt man beim Aussteigen am Automaten.

Hamburg, Hühnerposten 1. Während die meisten Verkehrsbetriebe ein Geheimnis um ihre Kontrollstrategie machen, spricht man beim Hamburger Verkehrsverbund gern darüber. Arndt Malyska, Geschäftsführer der Hochbahn-Wache und somit Chef von 100 Fahrscheinprüfern und 300 Wachleuten, hat nämlich Erfolge zu vermelden: In Hamburg ist die Schwarzfahrerquote von fünf Prozent im Jahr 2000 auf inzwischen 2,5 Prozent der Fahrgäste zurückgegangen, damit haben sich die jährlichen Verluste der Fahrgeldeinnahmen um zehn Millionen Euro reduziert. »Wir können uns zeigen!«, sagt Malyska und zieht seine dichten Augenbrauen hoch. Unter seinem Tisch liegt der Dobermann Paulchen, an der Wand zeugen Gastgeschenke wie ein Polizeiabzeichen aus New York vom Austausch mit Kollegen in aller Welt.

Hit des neuen Prüfkonzepts: In die Hamburger Busse darf man seit zwei Jahren nur noch vorne einsteigen. Klingt simpel, wirkt aber erstaunlich abschreckend, zumal zusätzlich Fahrscheinprüfer in Zivil unterwegs sind. In den Bahnen gibt es die Zugangs- und Abgangsprüfung, die Durchgangskontrolle und die Großkontrolle. Durchgangskontrollen verteilen sich stichprobenartig auf den ganzen Tag, ebenso die Zugangsprüfungen auf Bahnsteigen. Bei den sogenannten Abgangskontrollen werden U-Bahnhöfe komplett dichtgemacht und ein größeres Prüfteam kontrolliert in den Aufgängen. Entern hingegen zwanzig bis fünfzig Prüfer auf einmal den Bahnsteig und durchkämmen ratzfatz den Zug, ist man in eine Großkontrolle geraten. »Hunderprozentige Kontrolldichte«, nennt das Malyska, »mit Signalwirkung.« Wer eine solche Kontrolle erlebt, vergisst sie nicht so schnell wieder.

Ist das Schwarzfahren ein politischer Akt? Seit den Sechzigerjahren wurde immer wieder versucht, aus dem Fahren ohne Fahrschein eine Form des zivilen Ungehorsams zu machen. In den Comics von Gerhard Seyfried übertölpeln pfiffige Freaks die tumben Kontrolleure, aus dieser Zeit stammt auch der Spruch: »Mir wird immer wieder gesagt, wer schwarzfährt, fährt auf meine Kosten. Da kann ich nur sagen, ich lad euch alle ein.«

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Als Marianne Moesle nach ihrem Treffen mit dem App-Entwickler Lorenz Edtmayer in Wien in die U-Bahn stieg, schaute sie auf der »Schwarzkappler«-App nach Kontrolleuren auf ihrer Strecke - nichts. Trotzdem tönte es drei Stationen später durch den Waggon: »Ihren Fahrschein, bitte!« Aber Marianne Moesle hatte ein Ticket gelöst.

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