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aus Heft 07/2014 Liebe & Partnerschaft

Die unglaubliche Geschichte von Wolfgang und Elisabeth

Andreas Wenderoth  Foto: Fabian Zapatka

Kurz nach dem Krieg ging er nach Israel, den neuen Staat aufbauen, sie wartete in Deutschland auf ihn. Dann kam sein wichtigster Brief nicht bei ihr an. Alles schien vorbei. Aber viele Jahre und Ehen später wurden sie doch noch ein Paar.

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Von der Hauptstraße fällt Licht herein, ihm ist es im Schlafzimmer eigentlich zu hell, aber sie wollte keine schweren Gardinen. Sie hat sich durchgesetzt. Deshalb trägt er jetzt immer eine von diesen Brillen, die man im Flugzeug kriegt. Na ja, es gibt schlimmere Dinge, sagt Wolfgang Nossen, 83, im vierten Stock in der Erfurter Wohnung.

Zum Beispiel, dass sie den Schlüssel immer von innen stecken lässt. »Kann es ihr nicht abgewöhnen.« Erst gestern Abend wieder. Er kommt die Treppe hoch, klingelt, sie reagiert nicht, die Tür ist zu. Er sofort Herzrasen, er denkt, sie liegt irgendwo in der Ecke. Dabei war sie bloß mal wieder Wäsche aufhängen auf dem Balkon. Eigentlich sollte er sich daran gewöhnt haben, im Grunde kennen sie sich ja schon fast ein Leben lang. Wenn auch mit Pausen, die eine durchschnittliche Liebe wahrscheinlich nicht überstanden hätte. Die Weltpolitik stand ihnen im Wege. Ihre Jugend. Und ein großes Missverständnis.

Sie frühstücken. Nossen, bis vor zwei Jahren noch Landesvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Thüringen, trägt eine große Metallbrille, aus der Zeit gefallene Koteletten und ein gestreiftes Hemd. Sie, so strahlend weiß gekleidet wie die Perle an ihrem Ohr und die Möbel im Wohnzimmer. Auf dem Tisch eine Kerze, Stollen und alkoholfreier Sekt. »Wir sind froh, dass wir uns haben«, sagt Wolfgang Nossen und spricht für seine Frau praktischerweise gleich mit. Sie war das Ziel seines Lebens, er hat es erreicht. Aber die Umwege, die er dafür gehen musste. Und das Warten. Vierzig Jahre lang.

Sie erzählen von der gestohlenen Zeit.

1947 lernen sie sich kennen. Es ist einer seiner ersten Tage an der Volkshochschule in Erfurt, Englischunterricht, die Lehrerin ist noch nicht da, als es an der Tür klopft und ein Mädchen hereintritt, das mit leiser Stimme sagt: »Im sorry Im late.« Die Stimme trifft ihn direkt ins Herz: »Dieses Mädchen sollte es sein!« Natürlich, auch die anderen Jungs bemühen sich um sie. Aber er ist es, der sie nach Hause begleiten darf: »Hab das dann öfters gemacht.« Elisabeth wohnt am anderen Ende der Stadt, in den Jahren nach dem Krieg herrscht Ausgangssperre. Sie dürfen sich nicht von den Russen erwischen lassen.

Sie hüten ihr Geheimnis. Sagen auch den Geschwistern nichts. An den Wochenenden gehen sie wandern, fahren Fahrrad auf der leeren Autobahn, Autos gibt es ja keine mehr. Wenn sie ins Ufa-Kino gehen, kauft er vier Logenplätze, damit sie ungestört sind.
 
Sie ist damals 18, er zwei Jahre jünger als sie, »aber stand ja nicht drauf«, sagt sie, so erwachsen wirkt er und überraschend fürsorglich für einen Jungen seines Alters. Vielleicht deshalb, weil er unfreiwillig früh zum Familienvorstand geworden war. Als sein Vater ins KZ deportiert wurde. Als man ihm hundert Verwandte nahm und er das Überleben im Ghetto lernen musste. Als er, der jugendliche Zwangsarbeiter, Panzergräben ausheben musste. Als der Gestapo-Chef von Breslau ihnen die Nachricht vom Tod des Vaters überbrachte und seine Mutter kein Wort glaubte, denn sie hatte geträumt, der Vater komme zurück in der Uniform eines sowjetischen Soldaten. Und dann war er auf einmal tatsächlich zurückgekommen – als Übersetzer der Russen. Und Wolfgang hatte das Akkordeon gespielt, damit die Schmerzensschreie des Gestapo-Chefs bei der Vernehmung übertönt wurden.

Aber all das erzählt er ihr damals nicht.
 
Deshalb trifft sie seine Mitteilung im Herbst 1948 unvorbereitet: Er sei Jude, deshalb müsse er nun nach Israel. Er habe sich als Freiwilliger gemeldet, den neuen Staat im Unabhängigkeitskampf zu unterstützen. »Da wird unser Bett gemacht und das will ich mitmachen«, verkündet er. Und dass er sie nachholen wolle. Sie zuckt zusammen, darüber diskutieren hätte er schon mit ihr dürfen, aber je länger sie darüber nachdenkt, desto mehr findet sie Gefallen an dem Plan, der nach Aufbruch und Abenteuer klingt. Sie sind jung und unternehmungslustig und wünschen sich beide, dass ihr gemeinsames Leben weitergehen möge. Er gibt ihr das Versprechen, bald mitzuteilen, wie sie nachkommen könne.

Dann fährt er weg. Und sie hört nichts von ihm.

Ein gemeinsamer Freund erhält eine Postkarte aus dem Kibbuz – ohne jeden Bezug zu ihr. Sie wartet vergeblich, die Zeit, die sie füreinander reserviert hatten, verrinnt. Enttäuscht von ihm, aber zu stolz und auch zu vorsichtig, es ihm mitzuteilen, schickt sie ihm auf einen unverbindlichen Gruß, der irgendwann eintrifft, einen ebensolchen zurück. Ihr Traum scheint zu Ende.

Hätte sie gewusst, dass er ihr zuvor einen glühenden Liebesbrief mit genauen Anweisungen für ihre Einreise nach Israel geschrieben hat, würde sie darüber anders denken. Aber der Brief des 18-jährigen Einwanderers, den er, weil ihm der Postweg zu unsicher erscheint, dem späteren Vorsitzenden und Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, mitgibt, verfehlt seine Adressatin. Das wird er freilich erst drei Jahrzehnte später erfahren. Als er seine Militärkarriere in der israelischen Armee längst beendet hat. Und Geschäftsführer mehrerer Gaststätten ist.

Da ist er bei seiner Schwester in Nürnberg zu Besuch. Die steht gerade in der Küche und kocht. Er zieht eines der Fotoalben aus dem Regal und stößt dabei auf ein Bild, das ihn in einem Orangenhain in Israel zeigt. Auf der Rückseite steht: »Zur Erinnerung an deinen Wolfgang, Israel«, das letzte Wort auf Hebräisch. In diesem Moment weiß er, dass sein Brief nie bei Elisabeth angekommen ist. Dass er nicht weitergeleitet wurde – er hatte ihn vorsichtshalber an seine eigene Familie adressiert. Dass seine damals 15-jährige Schwester den Brief offenbar geöffnet und ihn, um es zu vertuschen, danach weggeworfen haben muss. Die Schwester sagt bis heute, sie könne sich nicht daran erinnern.

Hätte er gewusst, dass sein Brief nicht ankam, sein Leben wäre ein anderes geworden. Und auch das von Elisabeth. So aber denken beide schlecht voneinander. Jeder formuliert seine Enttäuschung für sich, doch nicht für den anderen. Kein: Ich vermisse dich. Stattdessen Stolz und die Angst, sich zu weit vorzuwagen. »Man war auch verklemmt mit seinen Gefühlen«, sagt Elisabeth heute. »Jugendliche Dummheit«, nennt es Wolfgang Nossen.

Stattdessen: neue Beziehungen. 1952 heiratet sie, er drei Jahre später. Sie verdrängen sich gegenseitig aus ihrem Leben. Aber ein Glimmen bleibt zurück. Unerfüllt. Und abrufbar.

Er: »Ich bin heute noch verrückt nach ihr.«
Sie: »Hilfe!«
Er: »Na ja, die Liebe in der Jugend ist natürlich ein bisschen anders.«
Sie: »Das Näherkommen haben wir ja schon hinter uns.«
Er: »Das Wollen ist noch geblieben …«
Was ist die Liebe?
Er: »Gegenseitiges Verstehen, so sehe ich das.«
Sie: »Man ist in dem anderen aufgehoben.«

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»Fermina, auf diese Gelegenheit habe ich über ein halbes Jahrhundert gewartet, um Ihnen erneut ewige Treue und stete Liebe zu schwören« - nach dem Gespräch mit den Nossens hatte Andreas Wenderoth sofort das Bedürfnis, Gabriel García Márquez’ Die Liebe in den Zeiten der Cholera wieder zu lesen.