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aus Heft 08/2014 Gesellschaft/Leben

Aufs Kreuz gelegt

Max Fellmann 

Kreuzworträtsel können einen wahnsinnig machen. Nichts als komplizierte Fragen, endloser Hirnquirl, zerkaute Bleistifte. Viele Menschen finden, Rätsel seien völlig nutzlos. Aber genau das ist das Gute daran! Annäherung an ein rätselhaftes Phänomen.


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Manchmal muss man Worte falsch verstehen, um zu verstehen, was sie wirklich bedeuten. »Neueröffnung«. Ein einfacher Begriff, kein großes Geheimnis. Aber was meinte CUS, der Rätselautor des SZ-Magazins, der nie seinen vollen Namen nennt, als er neulich schrieb: »Dazwischen ist die Neueröffnung«? Gesucht war ein Wort mit sieben Buchstaben. Tausende von Lesern standen auf dem Schlauch. Was wird eröffnet? Und wieso dazwischen? Zwischen zwei Terminen? Heraus kam schließlich das Wort »Pfosten«. Immer noch alle auf dem Schlauch. Bis irgendwann der Groschen fiel: Man musste das Wort anders trennen, gemeint war Neuer-Öffnung. Die Öffnung, vor der der Torwart des FC Bayern steht – und die befindet sich zwischen zwei Pfosten.

Ja, man kann da ein bisschen Kopfweh kriegen. Aber: Nach einer schier endlosen Gedankenspirale endlich draufzukommen ist für leidenschaftliche Rätsellöser ein Hurra-Erlebnis, das es mit einer Bestzeit beim Triathlon aufnehmen kann. Alle anderen legen das Rätsel kopfschüttelnd zur Seite. Kein Mensch hat was gegen die sogenannten Schwedenrätsel, also die ganz einfache Form (»Hauptstadt von Italien«, drei Buchstaben), so was kann man immer mal machen, als Zeitvertreib am Strand oder im Wartezimmer. Aber warum tun sich so viele die komplizierte Version an? Warum quälen sie sich mit immer neuen Ecken, um die sie irgendwie herumdenken sollen?

Vor hundert Jahren wurde das Kreuzworträtsel erfunden. Bis heute sind Rätsellöser ein eigenartiges Volk. Sie verbringen halbe Sonntage über ein komisches Gitter gebeugt, buchstabieren Wörter im Geiste, kauen auf ihren Bleistiften rum. Weltfremde Eigenbrötler, Freaks, auf endloser Schatzsuche im Silbensee. So scheint es. Die Realität sieht anders aus. Rätselautoren wie CUS oder Will Shortz (New York Times) wissen durch Berge von Leserbriefen, wen sie vor sich haben, und das sind bei Weitem nicht nur die sprichwörtlichen pensionierten Oberstudienräte. Sondern: Studenten, Taxifahrer, Bankangestellte und Schüler. Frauen, Männer, Kinder. Mittelständler, Arbeiter, Professorinnen. Also: alle. »Wobei ich die Erfahrung gemacht habe, dass es doppelt so viel Frauen wie Männer sind«, sagt Shortz.

Will Shortz ist so etwas wie der Rätselkönig der Welt. Für die Rätsel bei der New York Times ist er schon seit zwanzig Jahren verantwortlich. Der 61-Jährige hat gut hundert Bücher verfasst und besitzt eine Sammlung von mehr als 20 000 Bänden und Zeitschriften zum Thema, angeblich die größte Sammlung ihrer Art. Shortz sagt: »Was alle Rätsler verbindet, ist die Liebe zur Sprache. Man muss ein Gefühl für Doppeldeutigkeiten haben, man muss bereit sein, Wörter falsch zu betonen, Silben zu zerpflücken.«

Aber warum lösen Menschen überhaupt Rätsel? Die Psychologie des Kreuzworträtsels ist erstaunlich unerforscht. Einer der wenigen Experten in Deutschland, die sich damit befasst haben, ist der Personalpsychologe Rüdiger Hossiep von der Universität Bochum. Er benutzt zur Erklärung Fachbegriffe, die eigentlich weniger helfen als ihre Übersetzung: »Es geht beim Rätsellösen um den intrapersonalen und den interpersonalen Vergleich – im ersten Fall prüfe ich, was ich selbst weiß, wie zufrieden ich mit meiner Bildung bin, im zweiten Fall schaue ich, wie gut ich gegen andere abschneide.«

Im Gegensatz zur Schulprüfung wird beim Rätseln auch Wissen abgefragt, das auf den merkwürdigsten Wegen zu uns kommt. »Nehmen Sie Wörter wie sternum und pilum«, sagt Hossiep, »die wissen Sie vermutlich nicht mal, wenn Sie Latein in der Schule hatten. Aber dann kommen doch erstaunlich viele auf die Lösungen ›Brustbein‹ und ›Speer‹ – weil es einen berühmten Asterix-Dialog gibt, in dem die auftauchen. Das verschafft beim Rätsellösen ein Erfolgserlebnis, hat aber mit klassischer Bildung nichts zu tun.«

Andere Psychologen beobachten beim Rätsellösen den sogenannten Zeigarnik-Effekt. Damit ist in der klassischen Psychologie gemeint, »dass man sich an unterbrochene, unerledigte Aufgaben besser erinnert als an abgeschlossene, erledigte Aufgaben« (Wikipedia). Kann auch bedeuten, dass einen die unerledigten Aufgaben gar nicht mehr loslassen – das belegen die vielen Mails von verzweifelten SZ-Magazin-Lesern, die CUS um einen Tipp bitten, weil sie nach drei Tagen immer noch nicht auf das Lösungswort 13 senkrecht gekommen sind.

Möglicherweise aber liegt das Geheimnis des Rätselratens ganz woanders begründet: in seiner Nutzlosigkeit. Das Kreuzworträtsel kostet Anstrengung, aber es dient keinem Zweck. Es muss nichts. Es soll nichts helfen, es soll nichts voranbringen. Es ist eine Möglichkeit zum völlig verpflichtungsfreien Denken.
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Ganz unten, waagrecht - gesucht: kurzer Text mit zirka 200 Buchstaben für diese vier Zeilen hier. Max Fellmann rätselt immer noch, was in diesem Fall die ideale Lösung sein könnte.