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aus Heft 11/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Unsere Leserin möchte keinesfalls, dass ihr Freund in der Kneipe einer Fremden einen Drink ausgibt. Sie selbst hat jedoch kürzlich ein Getränk spendiert bekommen und auch angenommen. War das falsch?

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»Wenn mein Freund in einer Kneipe einer Fremden einen Drink ausgeben würde, wäre ich verärgert und eifersüchtig. Letztens wurde mir ein Drink angeboten, und ich habe ihn ohne nachzudenken angenommen. Später jedoch geriet ich ins Zweifeln. Hätte ich das Getränk doch ablehnen sollen?« Birgit L., Hamburg

In seinem Buch Ethik widmet der australische Philosoph John Leslie Mackie ein Kapitel dem, wie er meint, im Grunde unbestrittenen Prinzip der »Universalisierbarkeit« moralischer Urteile: »Jeder, der ernsthaft behauptet, irgendeine Handlung (Person, Sachverhalt usw.) sei sittlich richtig oder falsch, gut oder schlecht, geboten oder verboten, ist damit gehalten, dieselbe Ansicht hinsichtlich jeder in den relevanten Gesichtspunkten ähnlichen Handlung (usw.) zu vertreten.« Die erste Stufe dabei sei, so Mackie, dass ein moralisches Urteil nicht davon abhängen darf, wen es betrifft: »Etwas, was für dich falsch ist, kann nicht für mich nur deshalb richtig sein, weil ich ich bin und du du bist.«

Danach sieht es jedoch sehr aus, wenn Sie bei Ihrem Freund verurteilen würden, dass er einer Frau einen Drink ausgibt, umgekehrt aber selbst einen annehmen. Es sei denn, Ausgeben und Annehmen wären »in relevanten Gesichtspunkten« unterschiedlich. Inwiefern? Zu Recht verärgert darüber, dass Ihr Freund eine Fremde einlädt, können Sie eigentlich nur sein, wenn Sie das für eine Form des Flirtens halten. Der Unterschied wäre dann, dass Ihr Freund, wenn er ein Getränk ausgibt, das Flirten aktiv betreibt – also was auch immer beabsichtigt –, während Sie den Drink ja nur annehmen und sich vorbehalten können, nichts zu wollen, den Flirt also nicht weiter mitzumachen.

Unter diesen Voraussetzungen wäre eine unterschiedliche Beurteilung der beiden Verhaltensweisen gerechtfertigt. Mit einem Haken: Wenn dem so ist, tun Sie zwar Ihrem Freund nicht Unrecht, wohl aber dem Fremden, auf dessen Einladung Sie sich einlassen. Sie spielen ihm damit – nach Ihrer eigenen Einschätzung, was die Einladung bedeutet – etwas vor. Falsch ist Ihre unterschiedliche Bewertung also auf jeden Fall, Sie müssen sich nur noch entscheiden, wem gegenüber.

Literatur:

John Leslie Mackie, Ethik. Die Erfindung des moralisch Richtigen und Falschen. Reclam Verlag, Stuttgart 1981.
Dort insbesondere Kapitel 4: Universalisierung, S. 104-130.

Mackie führt darin zu dem hier interessierenden Punkt weiter aus: „Etwas, was für dich falsch ist, kann für mich richtig sein; doch sollte dies der Fall sein, so muss irgendein qualitativer Unterschied der Art nach zwischen dir und mir, zwischen deiner Situation und meiner bestehen, der unter den gegebenen Umständen als sittlich relevant anzusehen wäre.“

Dieter Birnbacher, Analytische Einführung in die Ethik, Walter de Gruyter Verlag, Berlin, 2. Auflage 2007 Dort insbesondere S. 31ff., 409ff.

Rainer Wimmer, Universalisierung, in: Marcus Düwell, Christoph Hübenthal, Micha H. Werner, Handbuch Ethik, Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 2002, S. 517-521.

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