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aus Heft 11/2014 Männer

Johann König

Gabriela Herpell (Interview)  Fotos: Claudia Klein, Michael Dannemann

Seine Berliner Galerie gilt als eine der wichtigsten für Gegenwartskunst in Deutschland: König, 32, gründete sie bereits mit 22 Jahren. Das Besondere: Er ist der Sohn des Kunstprofessors und Kurators Kasper König, der bis 2012 das Museum Ludwig in Köln leitete. Noch viel besonderer: Mit elf Jahren hatte Johann König einen Unfall, durch den er jahrelang fast blind war. Ein Gespräch über das Trotzdem.

Johann König ist sehr beschäftigt und telefoniert, wo er geht und steht, hier am Fuß der Kirche St. Agnes in Berlin-Kreuzberg. Das Beton-Ungetüm aus den Sechzigerjahren lässt er gerade für viel Geld umbauen, um mit seiner Galerie einzuziehen.
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SZ-Magazin: Diese Kirche ist ja riesig. Sie ziehen mit Ihrer Galerie Johann König dort ein. Manche bezeichnen Sie als tollkühn. Wie finden Sie das?

Johann König: Hier ist weniger Tollkühnheit gefragt als Ausdauer. Wenn man baut, sind ein langer Atem und Gelassenheit das Wichtigste. Es passieren so viele unvorhergesehene Dinge.

Können Sie sich Ihre Ausdauer erklären?
Nach meinem Unfall musste ich mich entscheiden, ob ich in meinem Leid aufgehe oder ob ich versuche, damit umzugehen. Ich habe mich für die Ausdauer entschieden.

Sie waren elf und haben mit der Munition einer Startschusspistole gespielt. Waren Sie sich einer Gefahr bewusst?
Überhaupt nicht. Ich hatte nicht mal vor, was zu basteln. Diese Startschusspistole war kaputt. Da habe ich die Munition umgefüllt, denn ich brauchte die Kiste für was anderes, Baseballkarten oder so. Ich habe immer schon Sachen umgefüllt, von einer Kiste in die nächste. Die kleinen Knallkörper waren in Styropor-Kapseln drin, ich habe die Kapseln alle aufgebrochen und die Kügelchen in eine Dose für Anglerblei getan, wo schon Bleikügelchen in derselben Größe drin waren. Ich weiß bis heute nicht, warum die Schachtel explodiert ist. Ob sich was erhitzt hat oder es eine Reibung gab oder sich was verkantet hat. Keiner weiß genau, wie es passiert ist.

Wie kann das sein? Es ist doch sicher alles untersucht worden.
Das Problem ist: Die Munition in diesen Kapseln stammt aus der Waffenproduktion. Und sie ist jedes Mal anders. Man geht von einer Verkettung unglücklicher Umstände aus. Das Schlimmste daran war die Dose aus Hartplastik. Durch die Explosion ist das Plastik gesplittert und durch das Lid in meine Augen rein. Bei einer Streichholzschachtel wäre das nicht passiert. Da wäre die Pappe gerissen.

Wie schnell war Ihnen klar, dass Sie fast blind sein würden?
Direkt nach dem Unfall sagte ich zu meinem Vater: Ich bringe mich um, wenn ich blind bin.

Wie hat er reagiert?
Er hat mich aus dem Zimmer gezerrt und gesagt: die waschen dir die Augen aus und morgen gehst du wieder zur Schule. Obwohl es schlimm ausgesehen haben muss, mein Zimmer voll Blut, meine Hand zerfetzt, im Gesicht hatte ich lauter Verletzungen, wie von einer Schrotkugel. Im Krankenhaus wurde ich notoperiert und habe von da ab nicht mehr viel mitbekommen. Ich wurde 20 Stunden operiert, wieder 15 Stunden, noch mal 20 Stunden. Ich war über ein Jahr im Krankenhaus.

Wie ging es Ihren Augen da?
Anfangs sah ich gar nicht so wenig, aber es verschlechterte sich. Ich bekam eine Spenderhornhaut, sah drei Wochen wieder ganz gut, dann hat das Immunsystem sie als Fremdkörper erkannt und abgestoßen. Das Auf und Ab war schlimm. Ich hatte über die Jahre acht Hornhauttransplantationen, schöpfte immer wieder Hoffnung. Die letzte hat geklappt: Seit vier Jahren sehe ich deutlich besser, vorher war es fast nichts.

Hätten Sie sich ohne die Hoffnung leichter getan?
Zu wissen, ich habe das Potenzial, mehr zu sehen, aber es klappt nicht, war sehr frustrierend. Ich habe nicht akzeptiert, blind zu sein, und mich geweigert, die Blindenschrift zu lernen, obwohl mir das sehr geholfen hätte.

Sind Sie nach dem Krankenhaus wieder zur Schule gegangen?
Ich war auf einer Sehbehindertenschule in Frankfurt, der Albtraum. Eine Sammelstelle für Behinderte, die auch schlecht sehen konnten. Dann lag ich ein halbes Jahr lang viel im Bett und tat mir leid, eine beschissene Zeit. Ich war in einem Alter, in dem ich alles wollte, nur nicht mit meiner Mutter Zeit verbringen. Aber ich war total abhängig von ihr. Und ich hatte das Gefühl, dass sie sich fast eingerichtet hatte in der Kümmer-Rolle. Mein Vater war der, der sagte, so, jetzt mal den Arsch aus dem Bett. Das war gut für mich. Da kam ich an den Punkt, an dem ich mich dagegen entschieden habe, Opfer zu sein und beschlossen habe, nach Marburg aufs Blindeninternat zu gehen.

Was wurde aus Ihren alten Freundschaften?
Vor dem Unfall hatte ich schon eine Freundin – also wir gingen miteinander – und einen besten Freund, wir waren eine richtige Clique. Nach dem Unfall gingen die beiden miteinander. Das war bitter. Aber im Blindeninternat habe ich neue Freunde gefunden. Das Internat war super.

Sie haben noch vor dem Abitur Ihre Galerie am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin gegründet. Wie haben Sie das angestellt?
Ich hätte gern ein Praktikum oder so was gemacht, aber ich wäre keine Hilfe gewesen. Ich habe mich oft damit beschäftigt, was ich werden kann. Habe mich selber unter Druck gesetzt, weil ich wusste: Wenn ich nicht sofort was mache, falle ich wieder in das Selbstmitleidsloch. Ich hatte Angst, ein zweites Mal nicht mehr da rauszukommen. Ich wusste auch, ich verstehe mich mit Künstlern und habe eine Haltung zur Kunst. Ich wollte keine Galerie machen. Aber das war das Einzige, was ich konnte.

Was hätten Sie lieber gemacht?
Ich glaube, am liebsten wäre ich selber Künstler geworden, hab mich aber nicht getraut.

Irgendwas mit Kunst muss man in Ihrer Familie machen, oder?
Ich hatte eigentlich eine Aversion gegen die Kunst. Sie war so dominant, so lebensbestimmend für meinen Vater. Er war ständig weg. Ich habe ihn sehr vermisst. Ich saß in Köln am Fenster und habe die Taxis gezählt und mich gefragt, aus dem wievielten er wohl steigen wird. Und die Museumsbesuche haben mich genervt. Ich habe mir einen Sport draus gemacht, die Aufmerksamkeit so vieler Museumswärter wie möglich auf mich zu lenken.

Wie haben Sie das gemacht?
Ich bin zu nah an die Bilder ran getreten, damit mir die Wärter folgten. Das fand ich lustig.
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Gabriela Herpell wurde von ihren Eltern auch durch jedes erdenkliche Museum geschleust. Ihr Trick: Schnell im Museumsshop verschwinden und Postkarten anschauen.