Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 11/2014 Männer

Willem Dafoe

Marc Baumann (Interview) 

Sieben Geschwister und zwei Vollzeit arbeitende Eltern. Die Schauspielerei war für den jungen Willem, geboren 1955 in Wisconsin, erst mal vor allem ein Weg, Aufmerksamkeit in der Großfamilie zu bekommen. Auf den Straßen des alten, gemeinen New York lernte er dann, finster zu schauen, »als Schutz«, wie er sagt - eine ideale Vorbereitung auf die bösen Rollen, für die er heute berühmt ist.

Anzeige
Nach einer Jugend in der Provinz findet Willem Dafoe, dass die Großstadt der richtige Ort ist, um Kinder aufzuziehen.


SZ-Magazin: Herr Dafoe, auf dem Weg zu diesem Interview saß ich in der Berliner U-Bahn einem Kerl gegenüber, der mich die ganze Zeit bedrohlich anstarrte, da dachte ich: Jetzt müsste man so böse schauen können wie Willem Dafoe.

Willem Dafoe: Die Wahrheit ist: I am a lover, not a fighter. Aber ja, ich würde das gut hinkriegen.

Sie haben viele Verbrecher und Psychopathen gespielt, zuletzt in Wes Andersons Grand Budapest Hotel. Wie viel Böses steckt in Ihnen?
Ich bin in einer Mittelklassefamilie in Appleton im Mittleren Westen der USA aufgewachsen, in einer harmlosen, verträumten Welt. Als ich über die Theaterspielerei Anfang der Siebzigerjahre nach New York gekommen bin, war New York eine gefährliche Stadt. Die Zeiten waren hart, wirtschaftlich schlecht. Ich hatte überhaupt kein Geld, lebte in einer schlechten Gegend: Ich war hier plötzlich nicht mehr Mittelklasse. Zu der Zeit habe ich mir die Maske des harten Kerls zugelegt. Die habe ich nicht nur auf der Bühne gebraucht, sondern tatsächlich auf der Straße, als Schutz.

Warum tragen Sie diese Maske des Fieslings so gern?
Wenn man Angst erzeugt, werden die Dinge oft erst interessant, in einem schauspielerischen Sinne. Die intensivsten Momente im Leben sind oft die, in denen man Grenzen erreicht und überschreitet – und wenn man das auf der Leinwand zeigen will, sind Gewalt und Verbrechen oft der beste Weg. Und es ist lustiger, den Diabolischen zu spielen als einen sensiblen, weichen Charakter.

Wäre es möglich, einen großartigen Film zu drehen, in dem einfach mal kein Mord, keine Tragödie, kein Schicksalsschlag vorkommt?
Ich glaube nicht. Ich überlege, fällt Ihnen ein solcher Film ein?

Mary Poppins?
Denken Sie an den strengen Vater! Nein, wir brauchen Probleme im Film, dann erst können wir uns mit den Figuren identifizieren, eine Handlung ohne Sorgen würde uns nicht berühren.

Sie haben Appleton erwähnt, die Stadt, in der Sie aufgewachsen sind. Sie reden in Interviews immer nur davon, wie Sie die Stadt verlassen haben – aber nie davon, wie es dort war. War es nicht ein guter Ort zum Aufwachsen?
Vielleicht. Ich erinnere mich an die frühen Jahre nicht mehr so. Aber ich möchte gar nicht, dass Sie so viel von meiner Kindheit wissen, weil das Ihre Wahrnehmung von mir als Schauspieler verändert. Das haben Sie immer im Hinterkopf und interpretieren es vielleicht in die Rolle hinein. Als ich ein junger Schauspieler war, fand ich es fast beleidigend, dass Journalisten so besessen von meinem Privatleben waren. Es nimmt mir meine Wandlungsfähigkeit als Darsteller, wenn die Öffentlichkeit ein bestimmtes Bild von mir als Mensch hat. Ich schütze meine Privatsphäre nicht obsessiv, aber ich muss mir Teile davon bewahren.

Ich habe auch nach Ihrer Kindheit gefragt, weil ich überlege, ob ich mit meiner Familie in der Großstadt bleiben soll oder lieber aufs Land ziehe. Wie haben Sie es gehalten?
Ich habe einen Sohn und ich habe es geliebt, ihn in einer Großstadt aufzuziehen. Man kann doch trotzdem in die Natur rausfahren. Es gibt diese romantische Idee des unschuldigen Kindes auf dem Lande, aber ich glaube, eine Stadt ist ein guter Ort, um Kinder zu haben. In einer Stadt, einer großen Stadt, lernt ein Kind, wie viele verschiedene Lebensentwürfe es gibt. Das ist eine mindestens ebenso wichtige Erfahrung. Die Großstadt macht Kinder offener. Und sie können besser entscheiden, was sie selber einmal machen möchten. Es heißt doch: »Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.« Mein Sohn ist am Theater aufgewachsen, darum hatte er nicht nur seine Eltern als Vorbilder, was einengend sein kann. Er hat Menschen kennengelernt, die politisch, sozial, sexuell total unterschiedlich waren. Und hat Toleranz und Offenheit gelernt, die im Leben sehr wichtig sind.

Ihr Vater war Chirurg, Ihre Mutter Krankenschwester, Sie haben sieben Geschwister. Was prägt mehr: Arztkind zu sein oder so eine große Familie?
Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der Ärzte wie Götter behandelt wurden. Die Leute sagten: »Oh, Onkel Joe lag im Sterben und dein Vater hat ihn gerettet.« Ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, dass mein Vater magische Kräfte hat, eine Art Superheld ist, das war seltsam. Entscheidender für mich war, dass beide Eltern so viel arbeiteten. Ich habe sie selten gesehen. Meine Schwestern haben mich großgezogen. Ich habe sehr früh gelernt, für mich selber zu kochen, selbstständig zu sein. Später habe ich bei meinem Vater gearbeitet, um etwas Geld zu verdienen, als Putzkraft. Wissen Sie, ein Krankenhaus zu reinigen, ist sehr spannend.

Ein ganz schön verantwortungsvoller Nebenjob, mangelnde Hygiene im Krankenhaus kann tödlich sein.
Definitiv. Ich habe dabei auch gelernt, nicht zimperlich zu sein. Ich hatte jeden Tag – hart gesagt – mit Blut und Scheiße zu tun.

Ich dachte immer, dass jeder Arzt abends nach Hause geht mit dem Gefühl, ein Held zu sein, bis mir ein befreundeter Arzt sagte, das wäre auch nur ein Job wie jeder andere.
Ärzte entwickeln schnell diesen Pragmatismus im Umgang mit Leben und Tod. Wenn mein Vater wusste, dass einer seiner Patienten sterben würde, ging er sehr sachlich damit um. Ich fand es fast schockierend, dass er nicht aufgewühlter war. Aber das wird wohl zum Alltag, wie Autos reparieren.

Was ist die bessere Kindheit, um Schauspieler zu werden: als Einzelkind permanent im Scheinwerferlicht der elterlichen Aufmerksamkeit zu stehen – oder, wie Sie, als ein Kind von acht um die Aufmerksamkeit der Eltern zu kämpfen?
Ich war der Clown der Familie, das war meine Überlebenstaktik. Mein Weg, um meinen Eltern aufzufallen. So habe ich mit dem Schauspielern begonnen.

Ihr Sohn ist am Theater aufgewachsen und dennoch nicht Schauspieler geworden. Seine Art der Rebellion?

Ich glaube nicht. Obwohl. Hollywood ist voll mit Nachwuchsschauspielern, die Kinder großer Stars sind. Man sieht ja als Kind, dass Schauspieler ein sehr gutes Leben führen, Aufmerksamkeit bekommen, Geld, Ruhm. Aber mein Sohn ist Anwalt für Umweltschutzrecht geworden, Politik interessiert ihn mehr.
Anzeige

Seite 1 2

Marc Baumann war überrascht, als Willem Dafoe ihm beim Interview den Arm auf die Schulter legte, um gemeinsam eine Filmszene nachzuspielen. Dafoe war grandios, Baumann noch verschreckter als beim Krippenspiel 1983 in der Grundschule.

  • Männer

    Mit dem Taxi in die Freiheit

    Ein ehemaliger Kämpfer des Islamischen Staates erzählt, wie er sich ein Mädchen kaufte – um dann mit ihr gemeinsam vor dem Terror zu fliehen.

    Protokoll: Matthias Kessler
  • Anzeige
    Männer

    Angeschmiert

    Mit Duschgel den Kater loswerden, mit Shampoo die Frauen rumkriegen: Auch Männern verspricht die Kosmetikbranche heute viel mehr als bloß Schönheit. Wie viel Wahrheit steckt darin? Ein Selbstversuch

    Von Moritz Baumstieger
  • Männer

    »Er war ein Benz, ich bin ein VW Käfer«

    Gleicher Name, gleicher Beruf - und inzwischen singt er auch die gleichen Lieder: Frank Sinatra Jr. über die Bürde und das Glück, im langen Schatten seines Vaters zu leben.

    Interview: Lars Reichardt