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aus Heft 12/2014 Musik

»Ich muss unsicher sein«

Gabriela Herpell (Interview)  Fotos: Adrian & Alexis

Die französische Pianistin Hélène Grimaud wird auf der ganzen Welt gefeiert. Aber am besten geht es ihr, wenn sie sich wie ein Staubkorn im Universum fühlt. Sagt sie. Und das meint sie ernst.


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SZ-Magazin: Kürzlich haben Sie Brahms’ Klavierkonzert Nr. 1 gespielt und wurden von Andris Nelsons dirigiert. Sie beide haben sich oft zugelächelt, sich geradezu angestrahlt. War das Konzert besonders gut?

Hélène Grimaud: Das Lächeln feiert nicht das Gelingen eines Konzerts. Ich hole mir damit auch nicht das Lob oder die Bestätigung des Dirigenten. Das Lächeln ist Ausdruck eines Zusammengehörigkeitsgefühls. Es gibt mittlerweile Tests, die bestätigen, was wir Musiker längst wussten: dass Musik die Menschen verbindet. Wenn Leute zusammen musizieren, gleichen sich ihre Gehirnströme an, das haben Messungen gezeigt.

Der Dirigent ist der Chef des Orchesters, das Sie begleitet. Empfinden Sie ihn auch als Ihren Chef?
Ich denke nicht in solchen Begriffen. Wenn man zusammen Musik macht, geht es nicht um Hierarchie. Es geht um gegenseitige Inspiration. Darum, der anderen Person Flügel zu verleihen. Und die Flügel anzunehmen, die der andere einem verleiht.

Aber sind Orchester nicht ausgesprochen hierarchisch organisiert?
Andris setzt Hierarchien außer Kraft. Er hat etwas Unwiderstehliches. Er ist so ausdrucksstark in seiner Körpersprache und Mimik, dass er jedes Orchester mitreißt, das ich ihn habe dirigieren sehen. Für ihn geben die Musiker alles.

Sie sind Solokünstlerin, reisen von Ort zu Ort und treten immer wieder mit anderen Dirigenten und Orchestern auf. Hilft Ihnen dieses Zusammengehörigkeitsgefühl unter Musikern in einsamen Momenten?
Es ist mehr als das. Jedes Mal, wenn ich mit Musikern auftrete, mit denen die Chemie so sehr stimmt, dass dieses starke Gemeinschaftsgefühl entsteht, wird alles einfach, hell und klar. Diese Vertrautheit erlaubt einem, viel freier zu sein. Viele Menschen denken ja, sie wären frei, wenn sie unabhängig sind von anderen und tun und lassen können, was sie wollen. Aber das ist für mich nicht Freiheit.

Was ist Freiheit für Sie?
Man selbst zu bleiben, inmitten der anderen, auch gegen Widerstände. Kunst ist nicht spannend, wenn alles erlaubt ist. Kunst ist am interessantesten, wenn sie Grenzen verhandelt, weitet, sprengt. Die Werke, die über jegliche Moden erhaben sind, sind gegen Widerstände entstanden.

Was heißt das für die Musik?
Die wenigsten Komponisten haben ihre Werke geschrieben, damit sie sich hübsch anhören. Ihre Musik war nie als Dekoration gedacht, es ging um Existenzielles. Ich meine, die meisten der großen Komponisten waren ziemlich verrückt und mussten gegen ihre Dämonen ankämpfen. Hören Sie sich Beethoven an! Wenn man Beethoven schön spielen will oder so leicht und locker wie Popcorn, zerstört man seine Musik.

Ordnen Sie sich als Interpretin den Komponisten unter? Oder versetzen sich in deren Geisteszustand?
Auch so denke ich nicht. Ich werde eins mit der Musik, mit dem Werk, und ganz klein. Besonders wenn ich Bach spiele, fühle ich mich wie ein Staubkorn im Universum. Und das ist ein sehr angenehmes Gefühl. Es ist nämlich überhaupt nicht demütigend, sich klein und unbedeutend zu fühlen, sondern wundervoll. Das ist etwas, was ich als tröstlich empfinde: Ich bin Teil des großen Ganzen. Das ist kein Willensakt, es ist Osmose. Wenn ich mich so fühle, weiß ich: Das ist ein guter Moment.

Auch auf der Bühne?
Gerade auf der Bühne. Es ist das Gegenteil davon, sich omnipotent zu fühlen.

Sie haben von den Dämonen der großen Komponisten gesprochen. Die deutschen Romantiker, sagt man, verspürten eine gewisse Lust am Untergang. Wie nah fühlen Sie sich ihnen?
Die deutschen Romantiker haben vor allem die andere, die lichte Seite des Lebens gefeiert. Aber natürlich kann man das nur tun, indem man der dunklen Seite ins Antlitz geschaut hat. Und ja, diese düstere Seite hat mich immer angezogen.

In Ihrem Buch Wolfssonate erzählen Sie, dass Sie sich als Kind selbst Verletzungen zugefügt haben. Können Sie sich erinnern, aus welchem Bedürfnis heraus Sie das getan haben?
Ich fühlte mich lebendiger, wenn ich mir wehtat. Es fing damit an, dass ich meinen Fuß an einer Glasscherbe geschnitten habe. Als der Arzt die Wunde nähte, geschah das ohne Betäubung, denn so etwas gab es zu der Zeit auf Korsika gar nicht. Ich merkte, wie scharf meine Sinne plötzlich waren. Ich war zweihundertprozentig da. Das fand ich faszinierend.

Sie haben sich dann, wenn Sie hingefallen sind und sich das Knie aufgeschlagen haben, absichtlich auch das andere Knie verletzt. Warum?

Ach, da sind wir jetzt wieder beim dekorativen Teil der Angelegenheit. Ich hatte einfach ein Bedürfnis nach Ordnung, nach Symmetrie. Aber auch das kann ich heute erst erklären. Ich habe damals all dies natürlich nicht gedacht oder gewusst. Ich habe es einfach getan, weil es aufregend war. Heute weiß ich: Man muss Schmerz gefühlt haben, um zu wissen, wie es ist, Schmerzen zu haben. Und um zu wissen, wie es ist, keine Schmerzen zu haben. Darin liegt der Unterschied zwischen Sympathie und Empathie: Man kann jemandem zugewandt sein und Anteil nehmen. Aber nur wenn man sich körperlich, mit jeder einzelnen Zelle, vorstellen kann, wie er leidet, fühlt man mit.

Wie haben Ihre Eltern damals auf Ihr verstörendes Verhalten reagiert?

Sie haben sich natürlich Sorgen gemacht. Ich hatte aber großes Glück mit meinen Eltern. Sie konnten mich so sein lassen, wie ich war. Und sie haben sich von den richtigen Leuten Rat geholt.

Jemand hat Ihren Eltern empfohlen, Sie Klavier spielen zu lassen. Damit beide Hände gleichermaßen beschäftigt sind.
Und dann haben mich meine Eltern mit 13 Jahren nach Paris ans Konservatorium gehen lassen, was hart gewesen sein muss für sie. Ich bin ihnen dafür sehr dankbar.

Sie hatten noch eine Eigenart als Kind: Sie haben Ihre Pullover im Schrank nach Farben sortiert. Wie sieht es heute aus, wenn Sie Ihren Koffer packen?
Mein Koffer wirkt etwas weniger zwanghaft heutzutage. Aber er ist immer noch ordentlich.
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