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aus Heft 12/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Freie Platzwahl bei einer Kulturveranstaltung: Darf man 90 Minuten vor Beginn zwölf Plätze in einer der vordersten Reihen besetzen und alle wegscheuchen, die sich dort hinsetzen möchten?

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»Bei einer Kulturveranstaltung mit freier Platzwahl hat eine Frau 90 Minuten vor Beginn zwölf attraktive Plätze für später kommende Freunde besetzt. Ein Ehepaar, das 15 Minuten vor Beginn kam, hat zwei dieser Plätze eingenommen, obwohl noch weniger gute Plätze frei waren. Darf man zwölf Plätze freihalten und darf man sich auf freigehaltene Plätze setzen?« Carmen L., Essen
 

Interessant finde ich, wie Sie die Frage stellen: Nicht ob das eine »oder« das andere richtig ist, sondern Sie verknüpfen die beiden Fragen mit »und«. Das überrascht, ich halte es jedoch für richtig.

Viele erhoffen oder erwarten von der Ethik einen Mechanismus, der in jedem Einzelfall ganz klar sagt: Das ist richtig und das falsch, das gut, das schlecht, dies erlaubt oder geboten, das hingegen verboten. Am besten soll das durch Regeln oder Formeln geschehen, die man anwendet und dann ein eindeutiges Ergebnis erhält. Im Prinzip digital, Ja oder Nein, 1 oder 0. Dazu beigetragen haben – neben dem offenbar tief verwurzelten Wunsch vieler Menschen nach klaren Regeln und Ansagen – vermutlich auch die zwei ethischen Hauptströmungen der Moderne: Kants Pflichtenethik und die Nützlichkeitsethik, der Utilitarismus. Beide arbeiten mit Formeln, Kant mit seinem Kategorischen Imperativ, der Utilitarismus sogar mit einer Rechenoperation, indem er die negativen und positiven Folgen addiert und gegenüberstellt.

Auch Aristoteles hat versucht, in seiner Mesoteslehre die Ethik auf eine Art Formel zu bringen, jedoch anders, nicht so schematisch. Er baute darauf auf, dass das richtige Verhalten, die Tugend, jeweils die Mitte, griechisch Mesotes, zwischen zwei Extremen darstellt. Die aber müsse man mühsam suchen: »Darum ist es auch anstrengend, gut zu sein. Denn in jedem einzelnen Fall ist das Finden der Mitte eine schwierige Aufgabe.«

Ich glaube, um die Mitte geht es hier: Einerseits muss es möglich sein, einzelne wenige Plätze für Freunde zu reservieren, und dann ist falsch, das zu missachten. Andererseits kann man nicht einen halben Zuschauerraum belegen, darüber dürfte man sich hinweg- und hinsetzen. Zwölf Plätze scheinen mir zu viel, aber das Finden der richtigen Mitte ist auch hier eine schwierige Aufgabe.


Literatur:

Aristoteles’ Ausführungen finden sich in seiner Nikomachischen Ethik im II. Buch Abschnitt 9 1109a 24ff.

Im Zusammenhang:
„Daher ist es auch schwer, tugendhaft zu sein. Denn in jedem Dinge die Mitte zu treffen ist schwer. So kann z. B. nicht jedweder den Mittelpunkt eines Kreises finden, sondern nur der Wissende. So ist es auch jedermans Sache und ein Leichtes, zornig zu werden und Geld zu verschenken und zu verzehren. Aber das Geld zu geben, wem man soll und wie viel man soll, und wann und weswegen und wie, das ist nicht mehr jedermans Sache und nicht leicht. Darum ist das Gute auch so selten, so lobenswert und so schön.“

Online abrufbar hier

Die Erläuterung der Tugend als Mitte in Abschnitt 6 1106b 36ff.

Im Zusammenhang:
„Es ist mithin die Tugend ein Habitus des Wählens, der (1107a) die nach uns bemessene Mitte hält und durch die Vernunft bestimmt wird und zwar so, wie ein kluger Mann ihn zu bestimmen pflegt. Die Mitte ist die zwischen einem doppelten fehlerhaften Habitus, dem Fehler des Übermaßes und des Mangels; sie ist aber auch noch insofern Mitte, als sie in den Affekten und Handlungen das Mittlere findet und wählt, während die Fehler in dieser Beziehung darin bestehen, daß das rechte Maß nicht erreicht oder überschritten wird. Deshalb ist die Tugend nach ihrer Substanz und ihrem Wesensbegriff Mitte; insofern sie aber das Beste ist und alles gut ausführt, ist sie Äußerstes und Ende.“

Online abrufbar hier
(jeweils in der Übersetzung von Eugen Rolfes, Felix Meiner Verlag Leipzig 1911, zitiert nach Projekt Gutenberg).

Gute Übersetzungen der Nikomachischen Ethik gibt es in Buchform von Olof Gigon bei dtv, München 1991 und von Ursula Wolf im Rowohlt Verlag Reinbek bei Hamburg 2006.

Lesenswert dazu ist:
Otfried Höffe (Hrsg.), Aristoteles, Nikomachische Ethik. Klassiker Auslegen, Akademie Verlag, Berlin 3. Auflage 2010.
Darin insbesondere:
Ursula Wolf, Über den Sinn der Aristotelischen Mesoteslehre (II), S. 83-108.

Einen hervorragenden Überblick über die verschiedenen ethischen Theorien bietet: Herlinde Pauer-Studer, Einführung in die Ethik, Facultas Verlag WUV / UTB, Wien, 2. Auflage 2010.

Zu der Rechenoperation im Utilitarismus:
Der Begründer des Utilitarismus, Jeremy Bentham hat in seinem grundlegenden Text
 „An Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ aus dem Jahr 1789 der Methode, wie man den Nutzen einer Handlung und bewerten kann (um damit die Frage zu beantworten, ob sie gut oder schlecht ist) ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem er die dafür notwendigen Berechnungsmethoden erläutert. Die Stelle, in der es um die Rechenoperationen geht, lautet:

„V. To take an exact account then of the general tendency of any act, by which the interests of a community are affected, proceed as follows. Begin with any one person of those whose interests seem most immediately to be affected by it: and take an account,
1. Of the value of each distinguishable pleasure which appears to be produced by it in the first instance.
2. Of the value of each pain which appears to be produced by it in the first instance.
3. Of the value of each pleasure which appears to be produced by it after the first. This constitutes the fecundity of the first pleasure and the impurity of the first pain.
4. Of the value of each pain which appears to be produced by it after the first. This constitutes the fecundity of the first pain, and the impurity of the first pleasure.
5. Sum up all the values of all the pleasures on the one side, and those of all the pains on the other. The balance, if it be on the side of pleasure, will give the good tendency of the act upon the whole, with respect to the interests of that individual person; if on the side of pain, the bad tendency of it upon the whole.
6. Take an account of the number of persons whose interests appear to be concerned; and repeat the above process with respect to each. Sum up the numbers expressive of the degrees of good tendency, which the act has, with respect to each individual, in regard to whom the tendency of it is good upon the whole: do this again with respect to each individual, in regard to whom the tendency of it is good upon the whole: do this again with respect to each individual, in regard to whom the tendency of it is bad upon the whole. Take the balance which if on the side of pleasure, will give the general good tendency of the act, with respect to the total number or community of individuals concerned; if on the side of pain, the general evil tendency, with respect to the same community.“

Der Text des Kapitels findet sich online

In deutscher Übersetzung von Annemarie Pieper kann man das Kapitel nachlesen in: Otfried Höffe, Einführung in die utilitaristische Ethik, Francke Verlag, Tübingen / UTB 2. Auflage 1992 S. 79 ff.

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