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aus Heft 13/2014 Gesundheit

Die Mogelpackung

Werner Bartens  Fotos: I like birds

Ein bewährtes Mittel gegen Krebs wird aus dem Handel genommen - und für ein Vielfaches seines Verkaufspreises als Medikament gegen Multiple Sklerose angeboten. Jetzt zeigt sich, dass die Hoffnungen auf Heilung stark übertrieben sind. Dafür drohen heftige Nebenwirkungen.

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Teurer als Gold: Ein Milligramm des Wirkstoffs Alemtuzumab kostete bisher 21 Euro. Nun ist der Preis auf 888 Euro gestiegen.


Alter Inhalt, neue Verpackung – besonders originell ist die Strategie nicht. Schon 1991 erfand der Süßigkeitenkonzern Mars den Werbeslogan »Aus Raider wird Twix, … sonst ändert sich nix«. Sogleich rätselten viele, ob der Schokoriegel vielleicht umgetauft würde, weil das englische Wort »raider« unglücklicherweise »Plünderer« heißt. Denn ansonsten änderte sich tatsächlich nichts, vor allem nicht der Preis – von wegen Plünderer. Gut 20 Jahre später führt der französische Pharmahersteller Sanofi vor, dass sich eine kleine Namensänderung auch richtig auszahlen kann: Aus MabCampath wird Lemtrada. Das neue Mittel kostet 40-mal so viel, obwohl der darin enthaltene Wirkstoff identisch ist. Also doch eine originelle Geschäftsidee.

In der Pharmaindustrie herrschen offenbar andere Gesetze: Das Leid bestimmt den Preis. Im Jahr 2001 bringt Genzyme, eine Firmentochter der Sanofi-Gruppe, einen Antikörper mit der orientalisch klingenden Bezeichnung Alemtuzumab unter dem Namen MabCampath auf den Markt. Mehr als ein Jahrzehnt hilft das Mittel Patienten mit Chronisch lymphatischer Leukämie (CLL), dem häufigsten Blutkrebs älterer Menschen. Es ist nicht das wichtigste Medikament in der Therapie der Leukämie, bringt aber dem Hersteller zuverlässig etwa 100 Millionen Euro Umsatz jährlich allein in den USA ein. Dann tauchen Hinweise aus der Forschung auf, die bewährte Krebsarznei könne auch gegen Multiple Sklerose wirken. Ein neuer, deutlich größerer Markt tut sich auf, mit neuen Möglichkeiten der Vermarktung und Preisgestaltung.

Im Sommer 2012 informiert Genzyme die Europäische Arzneimittelagentur EMA darüber, den Wirkstoff Alemtuzumab vom Markt nehmen zu wollen. »Genzyme hat sich zu diesem Handeln entschlossen, weil sich das Unternehmen auf die Entwicklung von Alemtuzumab in der Behandlung der Multiplen Sklerose fokussieren wird«, teilt der Konzern mit und betont, dass »diese Entscheidung in keiner Weise aufgrund von Bedenken bezüglich der Sicherheit, Wirksamkeit oder Lieferbarkeit des Arzneimittels getroffen« werde. Das heißt: Das Medikament ist sicher und hilft den Krebspatienten – verspricht aber im Bereich der Multiplen Sklerose ein Vielfaches an Profit.

Die Fachwelt reagiert empört. »Alemtuzumab ist bei der Behandlung von Leukämie in manchen Fällen extrem hilfreich«, schimpft Wolf-Dieter Ludwig, Krebsexperte in Berlin und außerdem Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, die den Nutzen von Medikamenten kritisch hinterfragt. Das Mittel einfach vom Markt zu nehmen, um mit einem neuen Patent den Preis hochzutreiben, sei »schon ein starkes Stück«. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fürchtet sogar, andere Unternehmen könnten dem Beispiel folgen, um aus ihren Wirkstoffen mehr Kapital zu schlagen. Er fordert eine Gesetzesänderung. Am 20. Dezember 2013 richtet die Linksfraktion im Bundestag eine Anfrage an die Regierung. Die Antwort: Bei der »extremen Verteuerung« des Medikaments Lemtrada nach seiner Umbenennung handele es sich um einen »seltenen Einzelfall«, aber man werde die Entwicklung auf dem Arzneimarkt »weiterhin intensiv beobachten«. Grundsätzlich sei »die Forschung an bekannten Wirkstoffen und die Erschließung neuer Anwendungsgebiete zu begrüßen«.

So einzigartig, wie die Bundesregierung behauptet, ist der Fall Lemtrada aber nicht. Bereits vor einigen Jahren erwies sich das Krebsmittel Avastin nicht nur als hilfreich gegen Tumore, sondern auch gegen die zur Erblindung führende Makuladegeneration, eine altersbedingte Erkrankung der Netzhaut. Die Unternehmen Roche und Novartis gaben der Arznei daraufhin den Namen Lucentis und veränderten ein wenig die Molekülstruktur der Substanz. Schon ließ sich der Preis von 40 Euro auf 1500 Euro pro Behandlung hochsetzen, fast die 40-fache Summe der vorherigen Kosten.

Das ist ziemlich genau der Aufschlag, den der französische Hersteller Sanofi nun für seinen Wirkstoff Alemtuzumab verlangt. Im Einsatz bei MS-Kranken werden zwischen 60 000 und 80 000 Euro für einen Behandlungszyklus fällig. Eine Injektionsflasche, die zwölf Milligramm enthält, kostet 10 653,50 Euro, das entspricht 888 Euro pro Milligramm. Das unabhängige und ansonsten recht nüchtern argumentierende Fachmagazin Arznei-Telegramm titelte angesichts dieses Mondpreises: »29 000-mal teurer als Gold«. Als Krebsmittel hatte Alemtuzumab noch 21,07 Euro pro Milligramm gekostet.
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Als Werner Bartens, Medizin-Redakteur der SZ, den Fall Lemtrada recherchierte, traf er bei Ärzten wie Pharmazeuten auf blankes Entsetzen: Sie seien einiges von der Pharmaindustrie gewohnt, meinten viele, aber so eine Dreistigkeit hätten sie noch nie erlebt.

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