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aus Heft 13/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Obwohl unsere Leserin keine unmittelbare Schuld am Auffahrunfall trägt, den eine Studentin begangen hat, ersetzt sie ihr einen Teil des Schadens. Geht das zu weit?

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»Ich hatte mich an einer Kreuzung falsch eingeordnet, der Fahrer hinter mir bremste daraufhin heftig. Eine Studentin dahinter reagierte zu spät: Totalschaden. Laut Polizei war ich ›schuldfrei‹. Doch die Geschichte ließ mich nicht los und ich ersetzte, obwohl als Künstlerin knapp bei Kasse, der Frau einen Teil des Schadens. Bin ich, wie Freunde sagen, zu sensibel?« Anna D., Kiel

In gewissem Sinne sind Sie eine Heilige.

Und zwar im Sinne eines Aufsatzes, den der britische Philosoph James O. Urmson 1958 unter dem Titel Saints and Heroes – Heilige und Helden veröffentlichte. Urmson ging davon aus, Moralphilosophen würden dazu tendieren, drei Arten von Handlungen zu unterscheiden: Handlungen, die man aus moralischen Gründen ausführen sollte, Handlungen, die man ausführen darf, die aber keinen besonderen moralischen Wert haben, also moralisch gesehen neutral sind – wie etwa einen Hut aufzusetzen oder nicht –, und Handlungen, die man nicht tun darf.

Daneben aber gebe es, so Urmson, Handlungen, die zwar gut sind im moralischen Sinne, die aber nicht gefordert werden können, weil sie über die fundamentalen Pflichten, die basic rules, die sich an jeden richten, hinausgehen. Etwas, was eben nur Helden oder Heilige machten. Dafür hat sich in der Moralphilosophie, ohne dass Urmson ihn verwendet hat, der Begriff »supererogatorisch« eingebürgert.
 
Zumindest teilweise für einen Schaden aufzukommen, an dem man keine Schuld trägt, scheint mir in diese Richtung zu gehen: Es ist zweifelsohne gut, geht aber über das Geforderte hinaus. Insofern könnte man behaupten, Sie wären zu sensibel oder eben eine Heilige, fände man nicht bei Urmson noch einen interessanten Satz zu diesen Handlungen: »Hier begegnet uns etwas Anmutigeres, Handlungen, die von einem positiven Ideal inspiriert sein müssen.« An anderer Stelle spricht er davon, dass das Leben ohne Menschen, die so handeln, »armselig« wäre. Und damit wären wir bei Ihnen, die Sie noch dazu Künstlerin sind. So etwas zu tun, wozu man nicht verpflichtet ist, ist »anmutig«, es macht das Leben schöner und weniger armselig, wie es eben wäre, wenn alle nur ihre Pflicht tun. Und wer hat nicht gern ein schöneres Leben?

Literatur:

Der Begriff „supererogatorisch“ geht zurück auf die Erzählung vom barmherzigen Samariter im Lukas-Evangelium. Der fand einen von Räubern Niedergeschlagenen halb tot am Straßenrand liegen, brachte ihn in eine Herberge, pflegte ihn und bezahlte für ihn. Anschließend beauftragte der Samariter den Wirt auch noch mit der weiteren Pflege und sagte zu, diese später zu bezahlen. In der lateinischen Bibelfassung, der sogenannten Vulgata, lautet die Stelle (Vers 35): »Curam illius habe, et, quodcumque supererogaveris, ego, cum rediero, reddam tibi.«

In der Übersetzung der Luther-Bibel von 1984, Kapitel 10 Vers 25 ff.:

Der barmherzige Samariter
Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18). Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. (35) Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

Online abrufbar hier.

James O. Urmson: Saints and Heroes, in: A. Melden (Hrsg.): Essays in Moral Philosophy. Seattle: University of Washington Press, 1958.
Der Text findet sich erstmals in deutscher Übersetzung (von Martin-Christoph Just) in der von Detlef Horster herausgegebenen und mit Einleitungen versehenen, sehr empfehlenswerten Textsammlung „Texte zur Ethik“, Reclam Verlag, Stuttgart 2012, S. 361-384. Detlef Horster gibt in seiner Einleitung zur Textsammlung auf S. 60-63 auch einen kurzen Überblick zur Supererogation.

Heyd, David, "Supererogation", in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Winter 2012 Edition), Edward N. Zalta (ed.), online abrufbar hier.

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