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aus Heft 14/2014 Politik

Spuren der Gewalt

Christoph Cadenbach 

Im April 2004 gingen die Skandal-Fotos aus dem Gefängnis von Abu Ghraib um die Welt: Amerikanische Soldaten foltern irakische Häftlinge. Was wurde aus den Opfern - und den Tätern? Wir haben sie besucht.

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Straßenszene in Bagdad, an der Wand ein Bild vom sogenannten Kapuzenmann: Das Foto, das dieser Zeichnung zugrunde liegt, ist eines der bekanntesten Bilder aus Abu Ghraib - und es ist zum Symbol geworden für die Demütigungen, die die irakischen Gefangenen ertragen mussten.
(Foto: Yuri Kosyrev/ Noor)

Aus dem Nichts heraus wird er neuerdings aggressiv. Er explodiert dann förmlich, vor zwei Wochen zum Beispiel, als ein guter Freund ihm die Zigarettenschachtel aus der Jackentasche geklaut hat. Es sollte ein Scherz sein. Taha hat das nicht verstanden und seinen Freund angeschrien: »Wenn du das noch einmal versuchst, trete ich dir den Kopf kaputt!« Er war in diesem Moment nicht mehr er selbst, sagt er. Die Gewalt und die Demütigungen im Gefängnis haben ihn verändert, haben ihn reizbar gemacht, als ob ein Stück der Dunkelheit, die er durchlebt hat, in ihn hineingesickert wäre. Ein irres Mitbringsel aus der Hölle.

Taha Yaseen Arraq Rashid saß drei Monate im berüchtigten Verhörtrakt von Abu Ghraib. Wobei »sitzen« in diesem Fall ein Euphemismus ist: Die meiste Zeit lag Taha auf dem Betonboden seiner Zelle, sagt er: nackt und blutend und eingeschissen.

Die Wut, die er jetzt manchmal in sich spürt, nennen Psychologen einen »Übererregungszustand«. Es ist eine Reaktion auf den Kontrollverlust, den Menschen erleiden, die über längere Zeit gefoltert worden sind. Jeden Moment kann der Peiniger erneut vor der Zellentür stehen. Die Opfer befinden sich innerlich in ständiger Alarmbereitschaft.

Taha ist jetzt 32 und lebt noch immer auf dem Stück Land, auf dem er geboren wurde, in einem Vorort südlich von Bagdad. Es ist eine ländliche Gegend, Taha baut Kartoffeln und Gurken an und verdient sich manchmal als Straßenarbeiter ein wenig Geld dazu. Mit einem Psychologen hat er noch nie gesprochen. Therapeuten sind so fremd in seiner Welt wie Fitnessstudios oder Techno-Partys.

Jeden Tag knallen irgendwo Schüsse, jede Woche explodieren Bomben, nicht direkt vor seinem Haus, aber in der Nachbarschaft. In den Großraum Bagdad ist in den vergangenen Monaten wieder der Krieg eingezogen. Taha ist deshalb für das Gespräch mit uns bis nach Erbil gereist, im Norden des Landes im autonomen Kurdengebiet. Es ist das Wirtschaftszentrum des Irak und einer der wenigen sicheren Orte.

Nun sitzt er in einem fensterlosen Hotelzimmer in einem Sessel und schaut einen mit ausdruckslosen Augen an. Seine Haut ist stark gebräunt von der Feldarbeit, sein Bart schimmert blond. Er wirkt gleichzeitig schüchtern und konzentriert, angespannt, wie vor einer wichtigen Prüfung.

Zehn Jahre ist es nun her, dass Fotos aus dem Gefängnis von Abu Ghraib die Welt schockierten. Am 28. April 2004 zeigte der amerikanische TV-Sender CBS die Bilder zum ersten Mal, manche schienen wie aus einem Sado-Maso-Porno herausgeschnitten: nackte Iraker mit Säcken über den Köpfen, die anscheinend masturbierten. Daneben: grinsende US-Soldaten. Die Fotos wirkten wie eine Rache für den 11. September 2001 – und wie die einstürzenden Türme des World Trade Center haben auch sie den Lauf der Geschichte verändert. Denn die grenzenlose Solidarität mit den USA war von diesem Moment an vorüber: Die Folterfotos markierten den Anfang vom Niedergang des amerikanischen Ansehens in der Welt.

Tahas dunkle Zeit begann am 22. September 2003, eigentlich ein schöner Tag, erinnert er sich, sein Cousin wollte Hochzeit feiern, und Taha, damals 21, war kurz nach Sonnenaufgang mit dem Bus zum Markt gefahren, um einen Fotoapparat auszuleihen. Seine Familie besaß weder eine Kamera noch ein Auto.

Auf dem Rückweg kamen ihm mehrere schwere Geländewagen der US-Armee entgegen. Taha war zu Fuß unterwegs und ging unbeirrt weiter. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er noch nie Probleme mit den amerikanischen Besatzern gehabt. Dann, mit einem Mal, explodierte einer der Geländewagen. Die Druckwelle war so stark, dass sie Tahas Körper auf den sandigen Boden schleuderte. Als er wieder zu sich kam und aufstehen wollte, schrien ihn die Amerikaner an: »Sit down!« Erst später hat er gelernt, was die Worte bedeuten. Sie rannten auf ihn zu, schlugen ihn mit den Gewehrkolben und durchsuchten seine Tasche, ein Dolmetscher stand dabei. »Warum hast du die Bombe gelegt?«, fragte er Taha. »Und warum wolltest du den Anschlag fotografieren?«

Seit fünf Jahren streitet Taha nun schon dafür, diese Geschichte zu erzählen, nicht nur einem Journalisten, sondern vor Gericht. Er und drei andere ehemalige Gefangene aus Abu Ghraib haben in den USA eine private Militärfirma verklagt, die damals einen Teil der Vernehmungsbeamten gestellt hat. Die Firma heißt CACI, ein Unternehmen, das im vergangenen Jahr einem Umsatz von 3,7 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet hat.

Das Verfahren ist mittlerweile das letzte, in dem über das Recht der Opfer von Abu Ghraib verhandelt wird. Es geht um Schadensersatz, das auch, aber für Taha vor allem um das Recht, sprechen zu dürfen.

Die Klage war ursprünglich natürlich nicht seine Idee. Die einzigen englischen Wörter, die er fehlerfrei sprechen kann, sind: »One Five Zero Eight Zero Three« – 150803, seine Gefangenennummer, die in Abu Ghraib seinen Namen ersetzt hat. Vom amerikanischen Rechtssystem hat er keine Ahnung. Aber er hat nach seiner Haft Anwälte kennengelernt, die Opfern wie ihm helfen. Er wird jetzt vom Center for Constitutional Rights vertreten, einer amerikanischen Menschenrechtsorganisation, die auch schon Guantanamo-Häftlinge unterstützt hat.

Damals, auf dem sandigen Boden, haben ihm die Soldaten die Hände auf dem Rücken gefesselt und einen Sack über den Kopf gezogen. Einer griff ihm zwischen die Beine, fasste Tahas Hoden und drückte kräftig zu. Dann brachten sie ihn zu einer Militärbasis und ein paar Tage später nach Abu Ghraib.
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Christoph Cadenbach möchte an dieser Stelle auch die drei Iraker erwähnen, die gemeinsam mit Taha die amerikanische Militärfirma CACI verklagt haben: Suhail Al Shimari, Sa’ad Al-Zuba’e und Salah Al-Ejaili. Eine detaillierte Beschreibung des bisherigen Verfahrens steht auf der Internetseite des Center for Constitutional Rights. Was damals genau in Abu Ghraib passiert ist, erzählen die beiden sehenswerten Dokumentarfilme Standard Operating Procedure und Ghosts of Abu Ghraib.

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