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aus Heft 14/2014 Literatur

»Gedanken an den Tod vergällen das Leben nicht, sie intensivieren es«

Sven Michaelsen  Fotos: Julian Baumann

Fritz Raddatz ist gestorben. Im März 2014 haben wir mit ihm über seine furchtbare Kindheit, Kämpfe im Feuilleton und den Tod gesprochen. Hier können Sie das unveränderte Interview noch einmal lesen.

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»Ich bin ein morbider Ding-Fetischist, der Zierrat als Lebensstütze braucht.« Raddatz in seinem Haus in Hamburg
.

SZ-Magazin: Herr Raddatz, die abstoßendste Figur in Ihren Tagebüchern ist Ihr Vater, ein Oberst a. D. der kaiserlichen Armee, der in der Weimarer Republik zur Direktion der Ufa gehörte.

Fritz Raddatz: Das Wort Vater steht in meinem Inneren in Anführungszeichen. Nach seinem Tod sagte meine Stiefmutter mir, er sei nicht mein leiblicher Vater. Also ein Jakob-Augstein-Schicksal, außer dass der wahre Vater kein berühmter Romancier war.

Konnte Ihre Stiefmutter Ihnen sagen, wer Ihr biologischer Vater ist?
Ja. Den möchte ich aber nicht aufdecken, weil er kein ganz unbekannter Mann war.

Sie wurden zu Hause über Jahre brutal misshandelt. Wussten Sie, warum?
Ich habe mich jeden Tag gefragt, wie es sein kann, dass mein Vater so furchtbar grausam zu mir ist. Beim geringsten Vergehen wurde ich so geprügelt, dass selbst der Hund Mitleid mit mir hatte und erst recht meine Kindermädchen, die oft weinend versuchten, dazwischenzugehen, wenn er mir wie rasend blutige Striemen schlug. Mein Gefühl war, dass er mit seinen geradezu orgiastischen Hassausbrüchen sich für irgendetwas an mir rächte. Deshalb erscheint es mir plausibel, was meine Stiefmutter sagte: Er prügelte auf einen Bastard ein. Dazu benutzte er eine Hundepeitsche aus geflochtenem Leder oder eine Pferdepeitsche, die aus einem Stahlstock bestand, der mit Stroh und Leder umwickelt war. Die Pferdepeitsche war weniger flexibel und tat deshalb nicht ganz so weh. Geschlagen wurde ich entweder auf den nackten Hintern oder auf die Lederhose, die Kinder damals trugen.

Als Sie elf Jahre alt waren, gab es eine Nacht, die, wie Sie schreiben, »mein ganzes Leben bestimmt und zerstört hat, nämlich als mein Vater mich verführt und ich mit seiner Frau ficken muss«.
Obwohl ich ein alter Mann bin, habe ich diese Nacht nicht vergessen können. Mein Vater kam mit erigiertem Glied in mein Schlafzimmer, zog mich durch die Verbindungstür ins elterliche Schlafzimmer und führte mich meiner Stiefmutter zu. Mit meinen elf Jahren hatte ich keine Ahnung, was von mir erwartet wurde. Ich hatte noch nicht mal onaniert. Meine Sexualität bestand aus unbegriffenen Ferkelversen aus der Schule und Witzchen, wie die Kinder zustande kommen. Mein Vater führte mir vor, wie man das macht. Sein erigierter Schwanz – riesig in den Augen eines Elfjährigen – war ein entsetzlicher Schock. Es war eine psychische und physische Vergewaltigung. Heute würde man Herrn Raddatz einen Sexualverbrecher nennen und die Polizei rufen.

Kann ein Elfjähriger mit einer Frau Geschlechtsverkehr haben?
Es ging nicht richtig, aber es ging. Irmgard, so hieß sie, war die erste Frau, mit der ich geschlafen habe. Wir waren nicht verwandt, für sie war ich wie ein fremder Junge. Sie war mit ihrem Mann sexuell im Gange und deshalb entzündet, wie man das vornehm nennt. Da muss es einen Moment gegeben haben, dass sie sagte, wenn sogar der Vater das interessant findet, dann will ich es auch.

Was für eine Frau war Ihre Stiefmutter?
Eine aufs Körperliche ausgerichtete Vorstadt-Mondäne, eine rothaarige Lola mit grünen Katzenaugen. Die Beziehung zwischen ihr und dem Herrn Raddatz war vor allem sexuell bestimmt. Er war ihr verfallen bis zur Hörigkeit. Die beiden hatten öfter Triolen. Da war dann allerdings kein Elfjähriger beteiligt, sondern ein erwachsener Mann.

Wann haben Sie über den Missbrauch sprechen können?
Ich habe das verbunkert in meinem Inneren und dort nicht wieder rausgeholt. Erst vier Jahre später habe ich meinem Vormund davon erzählt, Pastor Mund. Bei ihm lebte ich, nachdem mein Vater 1946 gestorben war.

Ihr Vormund, ein, wie es in Ihren Tagebüchern heißt, »verlogener Charismatiker« mit »sirrend-hexischem Charme«, führte ein Doppelleben. Nach außen gab er den tief religiösen Ehemann und Kindsvater, mit Ihnen, seinem anfangs minderjährigen Mündel, hatte er 17 Jahre lang Sex.
Nicht selten hinter dem Altar, während seine Frau das Essen bereitete, vor dem selbstverständlich gebetet wurde. Ich hatte mit der erwähnten Ausnahme bis dahin keine sexuellen Erfahrungen und hielt unsere Beziehung für Liebe – was es von meiner Seite bestimmt war und von seiner, denke ich, auch. Es war nicht nur die Verführungsgeschichte eines Dreißigjährigen und eines 15-Jährigen. Obwohl er mich betrog, war ich fast sklavisch an ihn gebunden.

In Ihren Träumen haben Sie bis heute auch Sex mit Frauen.

Und das wundert Sie? Ich habe auch längere Beziehungen mit Frauen gehabt. Nachdem ich mit einer Frau geschlafen hatte, ging ich oft noch in eine Schwulensauna. Ich könnte nicht sagen, ob ich von jung an schwul war oder es erst durch die Verführung des Pfaffen wurde. Ist eigentlich auch wurscht. Nachdem er mich verführt hatte, war mein Begehren ausschließlich auf den Pfaffen fixiert.

Peter Handke sagt, seine Akne habe ihn zum Schreiben gebracht. John Updike nennt als Grund seine Schuppenflechte. Sie haben Vitiligo, auch Weißfleckenkrankheit genannt.

Wie Michael Jackson. Die Haut bestrafte mich mit widerlichen Flecken, weil ich aus ihr raus wollte. Ich habe das kurz nach dem Abitur bekommen. Damals wusste niemand, dass das eine Krankheit ist. Es begann mit einem ganz kleinen Flecken am Hals, dann wurden es mehr. Ich versuchte, die Flecken zu kaschieren. Der erste Dermatologe verschrieb mir eine Creme. Später hieß es, Sie sind ein Nervenbündel und deshalb ist Ihr vegetatives Nervensystem gestört. Nach vielen Gesprächen mit Dermatologen glaube ich heute, dass Vitiligo eine seelische Wurzel hat.

Ihre Mutter Alice, eine schöne Pariserin aus reichem Haus, ist bei Ihrer Geburt gestorben. Gab es in Ihrer Kindheit Zärtlichkeit und Liebe?
Ich bin in meiner Kindheit nicht einmal in den Arm genommen, geküsst oder gestreichelt worden, es sei denn vom Hund mit der Zunge. Das Fehlen von Liebe und einer behütenden Mutter war für mich eine intensive Ego-Kränkung. Diese Kränkung versuchte ich zu kompensieren, indem ich mir meine eigene schützende Welt aus Buchstaben baute. Die Beziehung zu Pastor Mund war ebenfalls eine Flucht in einen Schutz hinein. Ich hätte damals auch einen Feuermelder umarmt und geküsst auf der Suche nach einem, der mir hilft zu leben.

Werden aus ungeliebten Kindern Erwachsene, die nicht lieben können?
Die fehlende Liebe hat bei mir zum einen eine fast panische Suche nach Liebe und ein dauerndes Anbieten meiner Liebe bewirkt, egal ob bei Männern oder Frauen. Zum anderen, was man bösartig meine exzessive Gefall- und Ruhmsucht nennen könnte. Ich würde es die Anerkennung auf dem Markt der Eitelkeiten nennen, die ich auf manchmal absurde Weise gesucht habe. Es ist das ewige Penis-zeigen-Müssen des ungeliebten und sich deshalb minderwertig fühlenden Kindes. Vor dem Krieg war ich mit meinem Vater im »Haus Vaterland«, einem Varieté am Potsdamer Platz in Berlin. Als Musik gespielt wurde, bin ich mit meinen sieben Jahren auf die Tanzfläche gegangen und habe zum Entsetzen oder Amüsement aller Gäste einen Spitzentanz getanzt. Dieser Spitzentanz hieß später Rowohlt oder Zeit-Feuilleton.

Bei was heben Sie den Finger: Eitelkeit oder Narzissmus?
Bei Ersterem. Narzissmus ist ein die Persönlichkeit zersetzendes Gift und führt nicht zur Produktion. Ein Narzisst kann kein wunderbares Klavierkonzert schreiben, weil er vor der letzten Note in seinem Spiegelbild ersäuft. Eitelkeit dagegen kann einen Menschen aufblühen und sich großartig entfalten lassen, wie eine japanische Papierblume. Diese Menschen ziehen aus ihrer Ich-Besessenheit Ehrgeiz, Kraft und Produktivität.

In Ihren Tagebüchern beklagen Sie ständig, dass man Ihnen mickrige Blumensträuße mitbringt, zu niedrige Honorare anbietet und Sie in miesen Hotels unterbringt. Das nennt man narzisstische Kränkung.
Nein, es geht um Herabsetzung meiner Würde. Unsere Welt ist nun mal so gebaut, dass Geld auch eine Form der Anerkennung für Begabung ist. Wer mir 400 Euro für einen Artikel anbietet, sagt mir, eigentlich bist du ein Niemand, ein Greis auf Nuttentour. Das als Kränkung zu empfinden, muss gestattet sein, ohne den Stempel Narzisst aufgedrückt zu bekommen.

Mit Gabriele Henkel, der Witwe des Waschmittel-Milliardärs Konrad Henkel, verband Sie eine 40-jährige Freundschaft. Die endete, als Ihnen Frau Henkel als Gastgeschenk zwei Geschirrhandtücher überreichte.
Ich zog damals in eine neue Wohnung, ein großes Ereignis für mich, und hatte Menschen eingeladen, die ich für Freunde hielt. Natürlich bringt man dann nicht zwei Geschirrhandtücher mit. Frau Henkel nagt ja nicht am Hungertuch. Schenken heißt für mich, einen Menschen zu streicheln. Also bringt man entweder gar nichts mit oder etwas, was sich sehen lassen kann. Zwei Geschirrhandtücher würde man doch nicht mal seiner Putzfrau schenken, wenn die in die neue Zweizimmerwohnung gezogen ist.

Dauerthema Ihrer Tagebücher ist das, was Sie die »Verkommenheit des Literaturbetriebs« nennen. Dabei rezensieren Sie immer wieder Bücher von Freunden.

Das ist ein heikel Ding. Besser täte man es nicht. Ich habe mich darüber hinweggesetzt und gesagt, ich mache, was ich will.

Zu den Freunden, die Sie immer wieder rezensiert haben, zählt Günter Grass. Auch mit ihm sind Sie auseinander.

Er nimmt mir übel, dass ich ihn öfter mit dem George-Grosz-Stift karikiert habe, statt ihm Seerosen ins Haar zu malen.

Nachdem Grass sein Israelkritisches Gedicht Was gesagt werden muss veröffentlicht hatte, schrieben Sie: »Der Ex-Freund ist artistisch impotent geworden. Wieso hält er nicht die Klappe? Er kommt mir vor wie die alternden Schwulen in den Parks, die an sich herumfummeln, ihn kaum oder nicht oder knapp hochkriegen – und dann kommt ein widerliches Tröpf’chen.«

Da Grass in einem übrigens scheußlichen Gedicht selber geschrieben hat: »Er steht mir noch, aber nicht so oft«, darf ich so etwas schreiben. Es ist nun mal so, dass Indiskretion zum Wesen eines Tagebuchs gehören. Ich bin ja auch mir selber gegenüber indiskret.

Dass Sie öffentlich gemacht haben, er würde seine Frau »an jeder Ecke betrügen«, hält Grass für den Verrat einer Freundschaft.

Das mit dem Betrügen war alles schon vorher publiziert worden. Lesen Sie mal die Grass-Biografie von Michael Jürgs. Aber ich akzeptiere, dass er gekränkt ist. Umgekehrt bin ich über sein Tagebuch auch gekränkt. Das muss er akzeptieren, tut er aber nicht. Ich werde nicht an seiner Tür klingeln und sagen, wir wollen uns wieder lieben. Ich denke, dass das nicht zu reparieren ist.

Haben Sie Ihre Tagebücher vor der Publikation zensiert?

Ein paar intime Dinge habe ich wegen Schamgrenzen rausgenommen. Der Rest wurde durch das Sieb von zwei Anwälten und meinem Verleger Alexander Fest gerührt. Wenn Fest fragte, ob ich der Person XY das wirklich antun wolle, sagte ich, ja, das tue ich dem an – und vor allen Dingen mir. Fest wollte mich vor mir selber schützen, aber ich habe mich nicht schützen lassen.

2007 notierten Sie nach einem Telefonat mit der Frau Ihres todkranken Freundes Peter Rühmkorf: »Als ich unverblümt nach Pinkeln-Können mit der künstlichen Blase und nach seinem Pimmel fragte (›Du weißt ja, wie wichtig das Ding für uns Männer ist‹), erzählte sie, sie habe wegen genau dieser seiner Angst einen Handspiegel gekauft und den vor seinen Schwanz gelegt – den Schwanz, mit dem er sie 1000-fach betrog – und gesagt: ›Nu sieh doch mal, alles prima und sehr appetitlich.‹« So etwas öffentlich zu machen kann man niederträchtig nennen.
Eine heikle Passage. Ich fand es unglaublich rührend, dass Eva das machte, sie akzeptierte ja keineswegs, dass er so viel fremdgegangen war. Ich habe lange überlegt, soll ich das weglassen? Ich hätte es weggelassen, wenn Eva noch lebte. Jetzt ist es Literaturgeschichte – als würden die Brüder Goncourt etwas über den Schwanz von Balzac schreiben.

Als Rühmkorf in seinen Tagebüchern beschrieb, wie es in Ihrem Badezimmer aussieht, waren Sie tief beleidigt.

Entschuldigen Sie, das ist doch was anderes. Er war Gast in meiner Wohnung, aber statt zum Pinkeln das Gästeklo zu benutzen, ist er mit Block und Bleistift in mein Badezimmer geschlichen und hat notiert, welche Hautcreme und Präservativmarke ich benutze. Widerliche Schlüssellochguckerei. Das ist, als hätte ich mit dem Zentimetermaß seinen Schwanz ausgemessen und das Ergebnis zwischen zwei Buchdeckeln veröffentlicht. Das habe ich ihm auch gesagt.

Künstler von Rang, das gehört zu ihrer Natur, sind monströse Totalegozentriker. Wie konnten Sie glauben, dass solche Naturen zu Freundschaft fähig sind?
Das war wohl naiv von mir, aber wir sprachen von meinem Bedürfnis, Liebe zu schenken und zu erwarten. Irgendwann habe ich aber begreifen müssen, dass man für sogenannte Großschriftsteller bloß Fußvolk ist. Auch bei Hubert Fichte dachte ich, uns verbinde eine gegenseitige Freundschaft, die bis zum gemeinsamen Besuch von Knabenpuffs reichte. In seinen Tagebüchern las ich dann: »Befreundet sind wir eigentlich nicht.« Älterwerden heißt, skeptischer gegenüber Menschen zu werden und mehr und mehr enttäuscht vom Leben zu sein. Man kotzt die Welt an, die einen ankotzt. Schöner ist, dass man in die Welt hineinstürmt und andere umarmt – selbst wenn die vielleicht gar nicht umarmt werden wollen.

Haben Sie noch Freunde?
Meinen Lebenspartner. Und dann vielleicht noch Inge Feltrinelli, Rolf Hochhuth, Joachim Kaiser und Kurt Drawert.

Es kommen keine jüngeren Freunde nach?
Die jungen Leute sind mit Recht an einem Herrn Raddatz überhaupt nicht interessiert. Sie kennen ihn wahrscheinlich gar nicht oder verwechseln ihn mit Carl Raddatz. Warum soll Herr Kehlmann Herrn Raddatz besuchen oder ihm sein neues Buch mit einer Widmung schicken? Junge Autoren wollen auch Martin Walser oder Joachim Kaiser nicht sehen. Wir sind die untergegangene Generation, die Methusalems. Das war bei Goethe schon so. Keiner der jüngeren Autoren mochte den. Er schreibt doch im Divan: »Sie lassen mich alle grüßen / und hassen mich bis in den Tod.« Und wenn einer mal kam wie Heinrich Heine, dann war er unverschämt und antwortete auf die Frage von Goethe, woran er arbeite: »An einem Faust.« Damit war das Gespräch natürlich beendet. Man möchte das Wort von Hans Sahl zitieren: »Fragt mich aus, ich lebe noch.«
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Als Sven Michaelsen 1985 Praktikant im Zeit-Feuilleton war, wurde ihm das geräumige und mit zig Schriftsteller-Autografen geschmückte Ressortleiterbüro von Raddatz zugewiesen - der war gerade gefeuert worden. Von den Redakteuren hörte Michaelsen folgende Geschichte: Als das Ressort heillos zerstritten war, lud Raddatz seine Untergebenen zu einem Abendessen zu sich nach Hause ein. Den Treppenaufgang zur Wohnung überschüttete er mit Rasierklingen. Der symbolische Wink hatte Erfolg. Es gab großes Gelächter und eine Versöhnung.

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