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aus Heft 15/2014 Politik

Na dann gute Nacht

Evelyn Roll 

Die Mächtigen und Wichtigen der Welt kommen mit wenig Schlaf aus. Behaupten sie. Das kann für uns alle noch im Albtraum enden.

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Will man eigentlich von Betrunkenen regiert werden? Eher nicht. Werden wir aber. Ein Promille haben sie alle. Ständig. Die meisten haben mehr.

Der Baseler Chronobiologe Christian Cajochen sagt: »Wer zehn Nächte hintereinander nur sechs Stunden schläft, befindet sich, was Leistungsvermögen, Reaktionsgeschwindigkeit, Gedächtnis und Urteilskraft angeht, in einem Zustand, als hätte er ein Promille Alkohol im Blut.« Die wichtigen Politiker in den Hauptstädten der westlichen Welt schlafen Nacht für Nacht weniger als sechs Stunden, nicht nur für zehn Tage, sondern über Monate, einige machen das jahrelang. Und trinken tun die meisten abends dann außerdem noch ein Gläschen. Sie sind klinisch fahruntauglich, genau genommen, werden aber als politikfähig angesehen.

Es scheint geradezu eine Voraussetzung für einen Alpha-Eins-Politiker zu sein, mit sehr, sehr wenig Schlaf auszukommen oder sich das wenigstens selbst einzureden. Es wird darüber nicht viel geschrieben und viel zu wenig nachgedacht, gilt aber als ein gesetztes Auswahlkriterium dafür, ob ein Mensch in der Politik was werden kann. Schon im Wahlkampf des Jahres 1972 war Rainer Barzels ausgiebiges Schlafbedürfnis eines der wahlentscheidenden Themen.

Es steigert sich ja die gesamte Elite der spätkapitalistischen Staaten immer tiefer in eine Art Dauer-Jetlag. Außer den Politikern geben heutzutage Ärzte, Manager, Börsenmakler und, ja, auch Journalisten damit an, nur vier, fünf Stunden Schlaf zu brauchen. Sie halten das für einen Ausweis von Kompetenz, Kraft und Führungsstärke. Dabei ist das Gegenteil wahr. Aber das weiß man vielleicht noch nicht lange
genug.

Manchmal schlafen sie auch gar nicht. Wenn die deutsche Bundeskanzlerin am Tag nach einer dieser Brüsseler EU-Nächte um 17 Uhr ihre Abschlusspressekonferenz gibt, dann sind alle 28 Staatschefs der Europäischen Union seit 35 Stunden ohne Schlaf. Und sie haben in diesem Zustand über wichtige Angelegenheiten entschieden, von denen mehr als 500 Millionen Menschen betroffen sind.

Angela Merkel fühlt sich als die Großmeisterin solcher Nächte, sie hat das schon als junge Umweltministerin lieben gelernt. Die Physikerin der Macht wird dann zur Königin der Nacht und beobachtet mit großer Faszination, wie die Stimmungen schwanken, wer mit Robustheit bei seiner Position bleibt, wer sich zu früh raustraut, wann es klug ist, zu unterbrechen, wie die einzelnen Faktoren sich entwickeln, und wie sie es schließlich beeinflussen und doch noch drehen kann. Es ist ein Menschenversuch. Geschlossene Gesellschaft. Keiner kann weglaufen. »Ich bin müde« zählt nicht. Und trotzdem gibt es eine Art Deadline, weil jede Nacht auch einmal vorbei sein muss und draußen Tausende von Journalisten auf Ergebnisse warten. Erfahrungsgemäß knicken auch die härtesten Burschen mit ihren angeblich vollkommen unverhandelbaren Positionen zwischen fünf und sechs Uhr morgens ein, vor allem, wenn angekündigt ist: Wir gehen hier erst wieder raus, wenn wir uns geeinigt haben.

In den Morgenstunden in Brüssel kann man junge, gesunde Männer aus den Entouragen der Politiker in ihren teuren Anzügen und handgenähten Schuhen wie Babys zusammengerollt auf dem Fußboden liegen und schlafen sehen. Von wegen Powernap. Zombies im Stand-by-Modus.

Wer in solchen Nächten zwischendurch für zwei, drei Stunden ins Hotel fährt, weil er einfach nicht mehr kann und schlafen muss, macht zwei Erfahrungen: Alle anderen Betten des Hotels »Amigo«, in dem hier immer übernachtet, beziehungsweise wenigstens eingecheckt wird, bleiben unbenutzt. Und wenn man dann zurückkommt in dieses maximal scheußliche EU-Ratsgebäude, sagen die anderen: »Ah, Sie haben ein wenig geschlafen. Wie klug.« Aber ihre Augen sagen: »Was für ein Weichei.« Und dann fahren sie zurück in ihre Regierungspaläste und Staatskanzleien und sagen Sätze wie die deutsche Bundeskanzlerin: »Ich erhole mich beim Arbeiten.«

Christoph Heusgen, der außen- und sicherheitspolitische Berater der Kanzlerin, wird ein paar Tage später mit einiger Bewunderung erzählen, dass er noch nie in seinem Leben einen Menschen kennengelernt hat, der mit so wenig Schlaf auskommt wie Angela Merkel. Sie selbst sagt: »Ich habe eine Art Kamelkapazität, mit Schlaf umzugehen. Das ist eine Fähigkeit, die für dieses Amt nicht ganz unwichtig ist. Ich kann über eine gewisse Zeit, fünf oder sechs Tage lang, mit wirklich sehr wenig Schlaf auskommen. Dann brauche ich aber auch wieder einen Tag, an dem ich ausschlafe, zehn, zwölf Stunden.«

Ganz ähnliche Zitate gibt es von Putin (»Medjedew und ich schlafen abwechselnd«) oder von Obama (»Vier Stunden müssen genügen!«). Man muss, glauben sie, nur bedeutend, mit einer etwas robusteren Gesundheit gesegnet und seelisch im Gleichgewicht sein, ein richtiger Alpha-Typ eben, um so etwas auszuhalten.

Hilfreich in Deutschland ist eine Familie, die nicht noch zusätzlich Du-hast-nie-Zeit-Stress macht, am besten ist die Familie gar nicht in Berlin. Außerdem, so erzählt es der bekennende Kurzschläfer Klaus Wowereit, muss man, wenn man dann schließlich nach Hause kommt, wirklich sofort ins Bett gehen und sofort schlafen.

Was auch und offenbar tatsächlich hilft, ist, wann und wo immer es geht, ein wenig Schlaf einzusammeln, Powernap, wie gesagt. Geht prima im Sitzen, muss man aber auch erst einmal können.

Ursula von der Leyen, die als Mutter von sieben Kindern naturgemäß trainiert ist im klugen Umgang mit Schlafentzug, hat in den langen Nächten der letzten Berliner Koalitionsverhandlungen den Kopf einfach auf den Tisch gelegt und ist eingeschlafen, mit dem Bewusstsein: Ich verlasse mich darauf, dass mich schon jemand weckt, wenn ich gebraucht werde. Johanna Wanka und einige der Staatsekretäre können das auch. Sie alle sehen gesünder aus als die anderen. Sie werden nicht dicker und haben auch nicht diese wächserne Haut und den flackernden Blick von Menschen, die noch die zwölfte Tasse Nachtkaffee in sich gießen und dumme Witze erzählen.

Und Drogen? Einmal nachts während der Koalitionsverhandlungen hieß es plötzlich, Merkel habe zu Seehofer gesagt, er sehe aber fertig aus und ob sie ihm Tabletten anbieten könne. Große Euphorie und Aufregung bei den Journalisten, die auch schon sehr lange nicht mehr richtig geschlafen und also ein Promille hatten. Alle dachten sofort an Speed, Kokain, Ephedrin, solche Sachen. Hat Merkel etwa so was in ihrer Handtasche?
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Evelyn Roll ist Leitende Redakteurin der Süddeutschen Zeitung. Sie geht, wenn in der Politik lange Verhandlungsnächte anstehen, zwischendurch ins Hotel und schläft ein paar Stunden. Und siehe da: Sie war immer rechtzeitig zur Verkündung des Kompromisses wieder da. Denn auf den Schlafpoker der Mächtigen ist Verlass - der endet nicht vor Sonnenaufgang.

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