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aus Heft 15/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Unsere Leserin bekam für ihren Sohn einen Pullover geschenkt, auf dem Panzer und Kampfhubschrauber abgebildet sind. Soll sie ihn aufheben oder wegwerfen?

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»Meine Nachbarin hat mir zu klein gewordene Kinderkleidung ihres Sohnes geschenkt. Auf einem Pullover sind ein Panzer und ein Helikopter mit Gewehren abgebildet, gesteuert von gut gelaunten Affen. Derart kriegsverherrlichende Bilder sollten weder mein Sohn noch andere Kinder tragen. Allerdings ist der Pullover von guter Qualität und wie neu. Was soll ich tun?« Ragna Sch., Bremen
 


Im Grunde gibt es vier Möglichkeiten, wie man mit Gegenständen umgehen kann, ohne sie zu bearbeiten: Man benutzt sie, man bewahrt sie auf, man gibt sie weiter oder man wirft sie weg. Jede dieser Möglichkeiten hat ein sinnvolles Einsatzgebiet. So benutzt man Gegenstände, wenn man sie braucht und sie brauchbar sind, also ihren Zweck erfüllen, und man sie benutzen will. Aufheben wird man sie entweder aus sentimentalen Gründen oder weil man glaubt, sie einmal oder wieder einmal brauchen zu können; dazu sollten sie noch brauchbar sein. Manches hebt man nur deshalb auf, weil man es nicht wegwerfen oder weggeben möchte, aber das ist nicht sehr sinnvoll. Weiter gibt man Gegenstände, die brauchbar sind und andere brauchen, man selbst aber nicht mehr – wie eben Ihre Nachbarin die zu klein gewordene Kinderkleidung. Und wegwerfen schließlich wird man Dinge, die niemand braucht, die in einem unbrauchbaren Zustand sind oder untauglich für ihren Zweck.

Vermutlich schwanken Sie bei dem waffenstrotzenden Pullover, wenn ihn Ihre Nachbarin nicht zurückhaben will, zwischen Weitergeben und Wegwerfen, und die Entscheidung hängt dann an der Frage, ob er »brauchbar« ist. Ich habe den Eindruck, sie beziehen die Brauchbarkeit allein auf die Materialität, das halte ich jedoch für falsch. Ja, der Pullover mag von guter Qualität sein und wie neu, also vom Material her noch gut brauchbar; er war es aber, wie Sie selbst vollkommen zu Recht feststellen, von seiner Gestaltung her noch nie. Das ist wie bei Druckprodukten: Auch wenn Farbe, Papier und Druck von guter Qualität sein mögen, eignen sich, abhängig vom gedruckten Inhalt, manche davon zum Lesen, andere hingegen nicht einmal zum Einwickeln von Fisch. Und ein kriegsverherrlichender Kinderpullover fällt in die zweite Kategorie: Man kann ihn nur wegwerfen.


Hinweise:

Der Pullover dürfte in die Kategorie „Böse Dinge“ fallen. Dieser Ausdruck geht zurück auf die Ausstellung „Böse Dinge – Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks“, des Berliner Museum der Dinge – Werkbundarchiv aus dem Jahre 2009, die derzeit im Hofmobiliendepot in Wien zu sehen ist. Die Ausstellung schließt an an die „Abteilung für Geschmacksverirrungen“, die der damalige Direktor des Landesgewerbemuseums Stuttgart Gustav Pazaurek dort 1909, also genau 100 Jahre zuvor, eingerichtet hatte, eine „Folterkammer“, wie er es nannte, in der er „ästhetischen Dickhäutern“ negative Musterstücke vorführen wollte – und sie damit zu besserem Geschmack führen.

Nach Auskunft der Kuratorin der Ausstellung „Böse Dinge“ Imke Volkers gehört der Pullover zu den seit Pazaurek neu aufgetauchten Fehlern („Heutige Fehlerkategorien“), von denen derzeit beispielhaft die Bereiche "Förderung von Gewaltakzeptanz" (Würgeente usw.) oder "Jugendgefährdendes Spielzeug" (z.B. Vietkong-Legoplagiat-Figuren) in der Sammlung der „Bösen Dinge“ sind. Imke Volkers ist jedoch gerne bereit, diese angesichts des Pullovers auf "Kindergefährdende (-verderbende..) Kleidung" o.ä. zu erweitern. Insofern stellt der Pullover aus der Anfrage einen Sonderfall dar, weil er der Sammlung „Böse Dinge“ des Berliner Museum der Dinge – Werkbundarchiv zugeführt werden kann, was aber keine verallgemeinerungsfähige Verwendung von derartigen Pullovern darstellt.

Die Ausstellung Böse Dinge ist von 19. Februar bis 6. Juli 2014 im Hofmobiliendepot Möbel Museum Wien, Andreasgasse 7, 1070 Wien zu sehen.

Webseite der Berliner Ausstellung Böse Dinge – eine Enzyklopädie des Ungeschmacks


Literatur:

Gustav E. Pazaurek: Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Berlin 1912.

Gustav E. Pazaurek: Geschmacksverirrungen im Kunstgewerbe – Führer dieser Ausstellung im Landesgewerbemuseum Stuttgart, 3. Auflage Stuttgart 1919.

Böse Dinge – Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks, Kurzführer durch die Ausstellung, herausgegeben vom Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Berlin 2010


Böse Dinge. Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks, Berlin 2013, ISBN: Nr. 978-3-943773-02-6,  Hg. Werkbundarchiv – Museum der Dinge und Imke Volkers, 203 S., 124 Abbildungen, 15 € Mit Beiträgen von Rainer Erlinger, Renate Flagmeier, Katharina Küster-Heise, Imke Volkers


Rainer Erlinger: Gute Form. Böse Form. In: Süddeutsche Zeitung Magazin Heft 16/2009


Rainer Erlinger, Nachdenken über Moral. Gewissensfragen auf den Grund gegangen, Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012. Dort das Kapitel: Die Form des Guten. Design und Ethik, S. 86-122

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