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aus Heft 17/2014 Gesellschaft/Leben

Sonst noch was?

Tobias Haberl  Illustration: Ted Parker

Kind, Karriere und die Freiheit, alles zu tun, was wir wollen: die Politik soll für uns Lösungen finden, wie sich das vereinbaren lässt. Dabei ist das gar nicht möglich.


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Ein bisschen Arbeit, ein bisschen Feiern, ein bisschen Sport, ein bisschen Reisen, ein bisschen Erholung: Wer jetzt auch noch Kinder haben möchte, sollte unbedingt balancieren können.

Ich bin 38 Jahre alt. Ich habe keine Kinder. Ich muss nichts, also wirklich gar nichts unter einen Hut bringen. Meine Wochenenden bestehen aus 48 Stunden freier Zeit. Ich kann, sofern ich das möchte, jede Nacht durch- und jeden Morgen ausschlafen. Ich kann verreisen, wann und wohin und so lange ich will. Work-Life-Balance – so nennt ihr das doch – betrifft mich nicht. Natürlich bin ich nicht frei, aber es geht mir gut, und es könnte ewig so weitergehen.

Soll es aber nicht. Weil ich Kinder will. Nicht morgen, aber in ein, zwei Jahren, so genau nehme ich es nicht. Ich möchte Vater werden, eine kleine Familie, einen Sohn oder eine Tochter haben, obwohl mir in meinem Leben überhaupt nichts fehlt – ich halte das für eine sehr gute Voraussetzung. Und deswegen beobachte ich seit einiger Zeit Menschen, die Kinder haben, also Eltern, sehr genau. Worüber sprechen, worüber jammern sie? Wirken sie gestresst oder glücklich? Zerrissen oder zufrieden? Lieben sie ihre Kinder oder dekorieren sie sich nur mit ihnen? Und wer kümmert sich wirklich, wenn es drauf ankommt: die Mutter oder der Vater? Ganz ehrlich: In meinem Umfeld, das (behauptet es zumindest) eher nicht konservativ ist, sind es vor allem die Mütter. Natürlich halten mir Freunde dauernd Handyfotos ihrer Kinder ins Gesicht; natürlich erzählen sie mir vom kleinen, warmen Glück, abends ins Kinderzimmer zu schleichen, für eine Gutenachtgeschichte, einen Blick, eine Berührung. Trotzdem sind es meistens die Frauen, die verzichten oder sich aufreiben, weil sie es allen recht machen wollen: ihren Kindern, ihrem Mann, ihrem Chef, ihren Freunden und sich selbst.

Laut einer Studie aus dem Herbst 2013 finden immer noch 80 Prozent der 18- bis 44-jährigen Männer, dass Frauen besonders gut bügeln können. Und immer noch nehmen nur 30 Prozent der Väter Elternzeit, die meisten von ihnen für, sage und schreibe, zwei Monate, nach denen sie von der »intensivsten Zeit ihres Lebens« schwärmend zurück ins Büro kommen, um fleißig weiterzuarbeiten.

Und weil das so ist, beschweren sich die Frauen: »Die große Erschöpfung« heißt ein Essay, der vor ein paar Monaten im Spiegel erschienen ist, ein anscheinend mit letzter Kraft zu Papier gebrachtes Überforderungsprotokoll einer Redakteurin, die gleichzeitig Mutter und Ehefrau ist. Ein paar Wochen später druckte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung einen Text mit dem Titel »Man muss wahnsinnig sein, heute ein Kind zu kriegen«. Darin gesteht eine dreißigjährige Autorin, wie unfassbar groß ihre Angst vor dem Kinderkriegen ist, weil alle um sie herum so tun, als wäre das eigene Leben vorbei, wenn so ein Kind erst mal auf der Welt ist. Das klang zwar alles ein bisschen neurotisch, aber Sorgen machen muss man sich schon, wenn Kinderkriegen zunehmend als Wagnis, ja als Risiko dargestellt wird. Wenn eine junge Frau aus der Mitte der Gesellschaft in Panik verfällt, weil sie sich nicht vorstellen kann, wie sie das schaffen soll: ein Kind haben, einen Job haben und nicht unter die Räder kommen – wohlgemerkt in einem der reichsten und sichersten Länder der Erde, nämlich Deutschland, mit einem Sozialstaat, der Betreuungsgeld, Kindergeld, Elterngeld, Mutterschaftsgeld bereitstellt – alles Wohltaten, von denen drei Viertel der Menschheit noch nie etwas gehört hat.

Aber es reicht halt immer noch nicht. Und deshalb sollen die Politiker doch bitte noch bessere Bedingungen dafür schaffen, damit endlich beides gleichzeitig möglich ist: Beruf und Familie, Kinder und Karriere. Also noch mehr Kindergeld. Noch mehr Homeoffice. Noch mehr Kita-Plätze. Laut Familienreport können sich darauf mehr als 90 Prozent der Deutschen einigen.

Was aber, wenn die Lösung für diesen Konflikt nicht bei der Regierung, sondern bei uns selbst liegt? Wenn nicht Manuela Schwesig und Andrea Nahles unentschlossen sind, sondern wir? Weil wir nicht wissen, worauf wir im Leben setzen wollen, um es als gelungen zu empfinden. Ich glaube nämlich, dass Kinder und Karriere sich gar nicht vereinbaren lassen, zumindest nicht so, wie wir es gern hätten, weil das eben nicht geht, richtig viel Zeit mit den Kleinen verbringen und gleichzeitig jedes Jahr ein bisschen mehr verdienen, mehr Anerkennung abgreifen, sich mehr verwirklichen. Was also, wenn das vielleicht Sheryl Sandberg und Ursula von der Leyen hinkriegen oder zumindest so tun als ob, aber die meisten halt nicht, weil irgendjemand, irgendetwas immer leidet, die Beziehung, das Kind, der Sex, der Job oder wir selbst, wenn wir wieder mal dem Glück hinterherhecheln, den Kinderwagen in der Linken, das Smartphone in der Rechten, vor Augen das übernächste Wochenende, wenn endlich mal wieder die Schwiegereltern in der Stadt sind.

Im 21. Jahrhundert scheinen wir Menschen der westlichen Welt davon überzeugt zu sein, dass wir auf nichts mehr verzichten müssen: Veganer fordern Bohnenquark, der nach Fleisch schmeckt, Vielflieger fordern Internet auf 10 000 Meter Höhe, Arbeitnehmer fordern weniger Arbeitsstunden bei steigendem Lohn. Und Menschen, die sich für Katholiken halten, fordern eine Kirche, die zum Zeitgeist passt, weil sie am Ende zwar erlöst werden wollen, sich aber bitte nichts verbieten lassen möchten. Wir gehen davon aus, dass uns alles zusteht und wir es uns redlich verdient haben, jeden Aspekt des Lebens kennenzulernen und auszukosten – aber das ist falsch. Genau wie es kein Internet ohne Missbrauch und kein Wirtschaftssystem ohne Verlierer gibt, gibt es auch keine unschuldige Emanzipation. Immer wird der Konflikt auf irgendjemandes Rücken ausgetragen, jahrhundertelang auf dem der Frauen und heute eben auf dem der Kinder, weil sie entweder gar nicht mehr geboren oder halt gestillt, gewickelt und oft recht schnell an eine Betreuungsstätte abgeschoben werden, weil wir zwar die Erfahrung machen wollen, welche zu haben, aber nie so richtig Zeit finden, uns um sie zu kümmern.
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Tobias Haberl empfiehlt zum Thema den Film Eltern mit Christiane Paul und Charly Hübner. Und allen, die arbeiten oder sich um die Kinder kümmern müssen, wenigstens die Szene, in der die komplette Familie samt Kleinkindern im Auto sitzt und laut ein Lied der Goldenen Zitronen singt: »Alles, was ich will, ist nur die Regierung stürzen«.

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