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aus Heft 17/2014 Gesellschaft/Leben

Im Stich gelassen

Karin Steinberger  Fotos: Gmb Akash

1134 Menschen starben vor einem Jahr beim Einsturz einer Näherei in Bangladesch, in der auch Kleidung für den deutschen Markt hergestellt wurde. Danach hieß es: Alles muss besser werden. Aber getan hat sich kaum etwas. Bis heute kämpfen Überlebende und Angehörige der Opfer von Rana Plaza um Entschädigung und ihre Würde.


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Da sitzen sie, die Glücklichen. Sie sind jung, sie atmen, sie leben – aber sie kotzen auf dieses Leben. Ihre Rollstühle quietschen, wenn sie durch den Garten des Center for the Rehabilitation of the Paralized (CRP) in Savar fahren. Es klingt wie das Wimmern liebestoller Kater. Rehana Khatun sitzt in einem Rollstuhl, der zwei Fußstützen hat. Nur: Sie hat keinen Fuß mehr, den sie draufstellen könnte.

Am 24. April vor einem Jahr saß sie nicht weit von hier an einer Nähmaschine im Rana Plaza. Dort, wo eine Menge Billigketten ihre Kleider produzieren lassen. Zwei Beine, zwei Arme, 8000 Taka im Monat, 75 Euro. Damals lag das Leben vor ihr, sie war eine Frau mit Job, vom Helfer zur Näherin aufgestiegen. Wenn es in diesem Land überhaupt ein gutes Leben für Frauen gibt, dann war ihres nahe dran.

Der 24. April war ein Tag ohne Bewegung, die Hitze lag zwischen den Häusern in Savar, einem Ort, zusammengepfercht am Rand der großen, alles überwuchernden Stadt Dhaka. Am Tag davor wurden alle nach Hause geschickt. 3572 Arbeiter. Oder 3621. Oder 3838. Niemand in diesem Geschäft, in dem Liefertermine den Takt vorgeben, macht so etwas ohne Grund. Im zweiten Stock ziehen sich Risse wie Fäden über Wände und Pfeiler, raunten die Leute.

Zwei Männer von der Distriktverwaltung hatten gesagt, das Gebäude würde mindestens 100 Jahre halten. Heute fragt sich Rehana Khatun, wie viel der Besitzer für diesen Satz gezahlt hat.

Am nächsten Morgen ging sie wieder zur Arbeit. Vor dem Eingang redete der Besitzer von Rana Plaza auf ein paar Männer ein, es gäbe keinen Grund zur Evakuierung. Man stritt, man feilschte, es war ein kleiner Handel im großen. Mohammed Sohel Rana, dessen Kopf rund wie eine Kugel zwischen den Schultern liegt, hatte den Koloss gegen jede Vernunft in den Sumpf stellen lassen. Zu dünne Zwischendecken, der Beton mit zu viel Sand versetzt, als Bürogebäude angemeldet, um die Auflagen für Fabrikgebäude zu umgehen. Rehana Khatun ging in den sechsten Stock, vorbei an der Filiale der Brac Bank im ersten Stock, an der ein Schild hing: Closed.

Um 8.30 Uhr fiel der Strom aus, die tonnenschweren Dieselgeneratoren sprangen an, ein Ruck ging durch das Gebäude, in den Lärm der Generatoren mischte sich ein viel brutaleres Geräusch: Es war, als würde der Boden zerfließen. 90 Sekunden. Es wurde finster am helllichten Morgen. Rehana Khatun dachte: Was ist mit meinen Beinen?

Sie reden hier im Rehabilitationszentrum nicht oft über den 24. April. Das Reden bringt nichts, es bringt nur Bilder zurück, die Haare, durchnässt vom Blut der anderen, die Schreie. Rehana Khatun erzählt von der Mutter, die sie bei ihrem letzten Besuch im Dorf davon abhalten wollte, zurück in die Stadt zu gehen, die mahnte, sie müsse heiraten, die Leute redeten schon: eine Frau ohne Mann. Es hat keine Eile mit der Heirat, sagte die Tochter. Der Vater tot, wer sollte die Geschwister ernähren. Sie ging zurück, um Hosen zu nähen für die Erste Welt.

Als man Rehana Khatun um drei Uhr morgens aus den Trümmern zog, hingen ihre Beine an ihr wie Lappen. Sohel Rana war da schon auf der Flucht. Er war einer der Ersten, den man aus den Steinen zog, sein Büro im Keller war gebaut, wie es sich gehört: stabil und fest. Als man Rehana Khatun vier Tage später beide Beine abnahm, wurde Sohel Rana an der Grenze zu Indien verhaftet.

Rehana Khatun zupft an ihrem Gewand, auf Kinderlänge gekürzt. »Wir hatten immer Angst vor dem Feuer, alle wollten unten arbeiten. Jetzt war es besser, oben zu sein.« Sie hat keinen Ehemann, keine Kinder, keine Beine. In einem Land wie diesem wäre ein Mann ohne Kopf noch besser dran. Sie lächelt trotzdem.

Neben ihrem Bett stehen zwei künstliche Beine, die Prothesen tragen bessere Schuhe, als sie jemals besessen hat. »Sie tun weh, niemand zeigt uns, wie man sie benutzt«, sagt Rehana Khatun, die die Prothesen nicht einmal ansieht, wenn sie über sie spricht. »Sie sind schwerer als ein Mann. Ich habe gehört, in euren Ländern gibt es leichte Beine, ist das wahr?«
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Karin Steinberger kennt die Wut, die einen überkommt, wenn man sieht, wie jene leben, die im Rana Plaza unsere Hosen genäht haben. Als eine der Frauen fragte, warum die Käufer eigentlich nicht mehr bezahlen, sie seien doch reich, hatte Steinberger keine Antwort - nur Scham. Und doch: Die Textilindustrie ist die einzige Chance für diese Frauen. Ein Boykott der Kleider aus Bangladesch hilft ihnen nicht. Öffentlicher Druck auf Textilgiganten schon.

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