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aus Heft 18/2014 Außenpolitik

Eine Stadt kämpft um ihre Seele

Tobias Haberl, Andread Bernard und Peter Burghardt (Interview) 

Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Olympia 2016. Brasilien dreht auf - und Rio dreht durch: Die Immobilienpreise haben sich vervierfacht, Favelas werden mit Waffengewalt erobert und Strände zu spaßfreien Zonen gemacht. Stürmische Zeiten für eine der aufregendsten Städte der Welt. Wir haben elf Persönlichkeiten versammelt, um mit ihnen über die Zukunft ihrer Heimat zu reden. Rio - ein Stadtgespräch.


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Unten am Meer, an den Stränden von Copacabana oder Ipanema, scheint der Atlantik direkt in die sanft geschwungenen Hügel überzugehen. Halbnackte Menschen joggen die Promenade entlang, fliegende Händler bieten Garnelen und gekühlte Getränke an. Doch das schöne Leben ist nur ein paar Blocks von den mehr als tausend Armensiedlungen entfernt, denen man den Namen einer Kletterpflanze gegeben hat: Favelas. Man muss sich als Tourist nur ein bisschen verlaufen, schon liegen am helllichten Tag verwahrloste Menschen auf dem Gehsteig, von denen man nicht weiß, ob sie noch leben. In Rio de Janeiro werden jedes Jahr mehr als 4000 Menschen ermordet. Kurz vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft (und zwei Jahre vor den Olympischen Spielen) hat die Stadt zu kämpfen: In Erwartung der beiden Großereignisse versucht die Militärpolizei, die Drogenkartelle aus einigen Favelas zu vertreiben und Friedenseinheiten zu stationieren. »Rio soll wie München werden«, hatte die Stadtregierung lange vor der Fußball-WM als Losung ausgegeben und eine Vielzahl von Verboten und Verordnungen erlassen. Die Proteste und Demonstrationen während des Confederations Cup 2013 haben gezeigt, dass dies auch privilegierte Teile der Bevölkerung als Kampfansage verstanden haben. Dazu kommt, dass viele Menschen nicht mehr bereit sind, korrupte Beamte, explodierende Preise und das Verkehrschaos zu akzeptieren. Viele Cariocas – so heißen die Einwohner Rio de Janeiros – haben Angst um die Seele ihrer Stadt. Höchste Zeit also für ein Stadtgespräch.


Eingeladen haben wir unsere Gäste in das Café im Parque Lage, in eine alte Villa im Kolonialstil am Rand des Botanischen Gartens. Vor einigen Monaten wurde hier der offizielle Spielball für die Fußball-WM vorgestellt.

14.45 Uhr: Ivo Pitanguy betritt den Innenhof der Villa, im Anzug, mit Krawatte und Einstecktuch. Hinter ihm geht ein Leibwächter, ebenfalls im dunklen Anzug. Die Gespräche an manchen Tischen verstummen, andere Gäste tuscheln. In Brasilien ist der Schönheitschirurg eine Legende
.

SZ-Magazin: Guten Tag, Herr Pitanguy, schön, dass Sie gekommen sind, sogar in Anzug und Krawatte – bei der Hitze.
Ivo Pitanguy: Ach, die Krawatte trage ich nur, weil ich nachher in die Academia Nacional de Medicina muss, da bin ich inzwischen das älteste Mitglied. Wissen Sie, für mich ist Rio die schönste Stadt der Welt, aber München ist auch nicht schlecht. Ich kenne die Stadt ganz gut, die Isar, den Englischen Garten, wirklich schön, und fast jeder spricht Englisch.

Ist es hier in Rio denn so anders?
Pitanguy:
Allerdings, aber Brasilien ist auch groß, die Menschen reisen viel weniger ins Ausland als ihr Europäer.

Es ist jetzt sechzig Jahre her, dass Sie die ersten Schönheitsoperationen durchgeführt haben. Wie hat sich das brasilianische Schönheitsideal seitdem verändert?
Pitanguy:
Früher wollten die Frauen kleinere Brüste, heute wollen sie große. Im Grunde gibt es kein brasilianisches Schönheitsideal. Bald werden alle Menschen auf der Welt gleich aussehen.

Und um welche Operation wurden Sie am häufigsten gebeten?
Pitanguy:
Alles, was die Spuren des Alters vertuscht, vor allem Gesichtsstraffungen. In den letzten Jahren hat sich das ein wenig verschoben. Inzwischen wünschen sich viele Fettabsaugungen und Bauchstraffungen. Der globalisierte Lebens- und Ernährungsstil ist in Brasilien angekommen. Und weil Rio eine Stadt ist, die einen fortwährend dazu auffordert, sich zu zeigen, vor allem natürlich am Strand, haben Sie sicher bemerkt, wie viele Menschen hier übergewichtig oder sogar richtig dick sind.

In sechs Wochen beginnt in Brasilien die Fußball-Weltmeisterschaft. Sind Sie Fußballfan?
Pitanguy:
Natürlich. Als ich mit 16 aus der Nähe von Belo Horizonte, etwas weiter im Landesinneren, nach Rio gekommen bin, habe ich die legendären Spieler alle noch erlebt, Mané Garrincha, auch den jungen Pelé, leider war ich nur ein einziges Mal im legendären Maracaña-Stadion.

Wissen Sie noch, wann?
Pitanguy:
Am 16. Juli 1950. Das war ein historischer Moment.

Sie haben das legendäre WM-Endspiel Brasilien gegen Uruguay im Stadion gesehen?
Pitanguy:
Ja, ich war damals Anfang zwanzig und für ein paar Tage in Rio, weil ich gerade eine Ausbildung zum Schönheitschirurgen in den USA gemacht habe. Das Spiel endete 2:1 für Uruguay.

Eine Schmach, die bis heute kein Brasilianer vergessen hat.
Pitanguy:
Oh ja, diese Niederlage war unendlich traurig, weil wir besser gespielt haben und den Sieg verdient gehabt hätten. Aber dann macht Ghiggia, dieser Stürmer aus Uruguay, zehn Minuten vor Schluss das 2:1. Sie glauben nicht, wie still 200 000 Menschen sein können.

Wir sind seit drei Tagen in der Stadt und können überhaupt keine Vorfreude auf die Weltmeisterschaft spüren. Woran könnte das liegen?
Pitanguy:
Das hat mit den Protesten zu tun, die letztes Jahr während des Confederations Cup in Brasilien stattgefunden haben. Eine merkwürdige Sache, denn eigentlich gibt es in Brasilien gar keine Tradition dafür. Ich verstehe es nicht ganz. Wir haben so hart für dieses Turnier gekämpft, und dann so was. Tut mir leid, aber ich muss langsam los, die Sitzung in der Akademie beginnt gleich.

Können Sie nicht noch ein bisschen bleiben? Es kommen noch interessante Gäste, zum Beispiel Paulo Lins.
Pitanguy:
Paulo Lins? Der hat doch Die Stadt Gottes geschrieben.

Ja. Haben Sie den Roman gelesen?

Pitanguy: Nein, nur den Film gesehen, anstrengend, aber großartig.

Er nimmt einen letzten Schluck Wasser, verneigt sich, hakt sich bei seinem Bodyguard ein und geht. Draußen wartet ein schwarzer Jeep mit getönten Scheiben. Zehn Minuten später kommen die nächsten Gäste: die Ökonomin Sandra Quintela und Eduardo Mack. Eine perfekte Kombination, weil sie: eher links, kritisch, intellektuell, und er: bis vor Kurzem tätig für Ernst & Young, einen der Großsponsoren der WM. Beide bestellen Wasser, das in Pappbechern serviert wird.

Schade, jetzt haben Sie Ivo Pitanguy verpasst. Wir haben ihn nach den Protesten im letzten Jahr gefragt. Er meinte, er verstehe die Sache nicht ganz. Was halten Sie von den Demonstrationen?
Sandra Quintela: Also ich weiß schon, warum die Menschen wütend sind. Weil die Gewinne durch die WM in diesem Jahr so hoch wie nie zuvor sein werden, aber die Brasilianer nichts davon haben, im Gegenteil, alles wird teurer und vor allem in Rio werden im Namen dieser WM jeden Tag neue Verbote erlassen, die den Menschen das Leben schwer machen. Warum glauben Sie, finden die nächsten Weltmeisterschaften in Russland und Katar statt? Weil es viel komplizierter ist, so ein Turnier in einem demokratischen Land durchzuführen.

Dafür wurde das Maracaña-Stadion auf den neuesten Stand gebracht.
Quintela:
Auf den neuesten Stand nennen Sie das? Die Wahrheit ist, das Stadion hat jegliche Aura verloren. Es ist überhaupt kein Stadion mehr, sondern eine Arena für das Fernsehen, nicht mehr für die Menschen. Früher hatten im Maracaña 200 000 Menschen Platz, heute sind es noch 70 000 und fast alle davon sind blond und blauäugig.

Warum?
Quintela:
Weil sich die Schwarzen den Eintritt nicht mehr leisten können. Rio wird Zeuge einer extremen Elitebildung im Fußball. Wie heißt noch mal dieser spanische Superstar? Xavi? Iniesta? Egal, auf jeden Fall stand er letztes Jahr im Finale des Confederations Cup und erzählte anschließend, was für große Erwartungen er an diesen mythischen Ort gehabt habe. Leider habe er nichts gespürt, keinen Mythos, keine Gänsehaut, nichts.

Fünf Minuten später kommt, nein, erscheint Elke Maravilha, außerdem der Künstler Ernesto Neto. Sie hat ihr blondes Haar zu einem riesigen Afro aufgetürmt, er trägt abgeschnittene Jeans und Flipflops.

Eduardo Mack:
Aber das Maracaña-Stadion musste umgebaut werden. Es gab kaum Ausgänge und viel zu wenig Toiletten. Es entsprach einfach nicht den Sicherheitsvorschriften. In den letzten fünfzig Jahren fand die Fußball-WM nur in hoch entwickelten Ländern statt, in Italien, in Deutschland, in den USA. Und jetzt sind eben wir dran, Brasilien, mit allen Problemen, die ein Schwellenland mit sich bringt.
Ernesto Neto: Kann ja sein, aber in diesem Stadion gibt es nicht mal mehr Stehplätze. Wir Brasilianer brauchen aber Stehplätze.

Warum?
Neto:
Damit wir Samba tanzen können. Ihr könnt euren Rock ’n’ Roll vielleicht im Sitzen tanzen, aber wir brauchen unsere Hüften, wir müssen uns bewegen.
Quintela: Vorher konnte man für zehn Real ins Stadion gehen, das sind drei Euro. Das Stadion war ein Tempel, ein heiliger Ort des Fußballs. Und jetzt wird diese WM
34 Milliarden Real kosten, das sind ungefähr zehn Milliarden Euro, und die Hälfte davon kommt aus den Kassen des Staates, der Bundesländer und der Kommunen. Dieses Geld bräuchten wir aber für unsere Schulen, Straßen und Krankenhäuser.
Mack: In den letzten Jahren haben alle geschwärmt: Brasilien, der erwachende Riese, der nächste Global Player, und heute? Haben wir immer noch die gleichen Probleme. Jetzt können wir der ganzen Welt zeigen, dass wir unsere Probleme wie mündige Bürger anpacken. Brasilien war lang ein Kind, jetzt muss es zeigen, dass es erwachsen geworden ist. Das Problem dabei ist nur, dass wir keine Zeit für die Pubertät haben.

Ihr ehemaliger Arbeitgeber hat im Jahr 2010 eine Studie veröffentlicht, laut der durch die WM 142 Milliarden Real in die brasilianische Wirtschaft fließen und 3,6 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen werden sollen.
Mack: Diese Studie wurde von Beratern gemacht, nicht von mir.
Elke Maravilha: Aber es ist doch ein Skandal, dass wegen der Bauarbeiten Tausende von Familien ihre Häuser verlassen mussten. Für die Olympischen Spiele sollen ja noch mal 30 000 umgesiedelt werden.
Quintela: Investoren fallen in die Stadt ein und kaufen alles auf.

Das haben wir auch gelesen. Allein in den letzen fünf Jahren haben sich die Mieten verdoppelt und die Immobilienpreise vervierfacht.
Quintela: Ich wohne seit 19 Jahren in dieser Stadt und spüre, wie sie immer mehr ihre Seele verliert, weil die normalen Menschen immer weiter in die Vororte gedrängt werden.
Mack: Das liegt nur daran, dass die Cariocas keinen Bürgersinn haben. Die Menschen hier sind es nicht gewohnt, sich zu Wort zu melden, Entscheidungen in Frage zu stellen, Forderungen zu formulieren. Das ist das Erbe der Militärdiktatur. Ihr habt euch in München gegen die Winterspiele 2018 ausgesprochen. So was wäre in Rio undenkbar.
Quintela: Und warum? Weil es gefährlich ist. Ich kenne etliche Leute, die gegen die Geldverschwendung protestiert haben. Sie wurden beschimpft, verfolgt und angeklagt. In Rio herrscht eine militante Stimmung. Die Stadt hat allein dreißig Millionen Real für Gummigeschosse und Munition ausgegeben, das muss man sich mal vorstellen.
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Als Tobias Haberl, Andreas Bernard und der Südamerika-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, Peter Burghardt, am Tag vor dem Gespräch die Akustik des Cafés in der Nähe der Kunsthochschule, in dem das Gespräch stattfinden sollte, überprüften, waren sie fasziniert von der Frau am Nebentisch. Sicher eine Studentin, dachten sie, und luden sie für den nächsten Tag ein. Als sie den Namen abends bei Google eingaben, wurde ihnen klar, wen sie da kennengelernt hatten: Maria Flor, eine der begehrtesten Schauspielerinnen des Landes. Fünf Minuten später kam dann auch per E-Mail ihre Absage.

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