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aus Heft 18/2014 Auto/Mobilität

Hier ruht ein Schatz

Xifan Yang  Foto: Fritz Beck

Haben Sie schon mal Geld im Wagen verloren? Gut für Frau Wu. Denn ein Großteil unserer Autos wird zum Verschrotten nach China geschafft. Dort lässt die Geschäftsfrau die Eurostücke aus den Ritzen holen - und verkauft sie zum Vorzugspreis weiter.


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Europa soll ein schöner Kontinent sein, hat Frau Wu gehört. Sie weiß wenig über die fernen Länder im Westen. Nur, dass die Menschen dort viele Autos besitzen. Und viel Geld. Geld mit schönen, eingravierten Motiven. Adler, Harfen, Schwäne, Eulen. Geld, das den Menschen in Europa oft aus der Tasche fällt, wenn sie Auto fahren. »Mein Glück«, sagt Wu Meihua.

Die Besitzerin eines Supermarkts knallt drei kiloschwere Plastikbeutel auf den Tisch – und es regnet Geld: Hunderte von Ein-Euro-Münzen prasseln aus den Tüten, 600 Stück sind es am Ende, abgezählt. »Im Lager habe ich noch mehr«, sagt Wu stolz. »Viel mehr.«

Foshan. Eine Stadt von sieben Millionen Menschen, mitten im südchinesischen Perlflussdelta, einem großen Industriegürtel mit 42 Millionen Einwohnern. Das Gebiet, in dem Computer, Handys, Kleidung und Spielzeug produziert werden, wird »Fabrik der Welt« genannt – und Foshan ist ihr Schrottplatz.

Bei flüchtigem Hinschauen wirkt Wu Meihua wie eine gewöhnliche Geschäftsfrau: ein modischer weißer Anorak, das Haar in einem Kurzbob, dreißig Jahre alt, Mutter einer vierjährigen Tochter. Wu betreibt einen Mini-Supermarkt, der zwischen einem Friseursalon und einer Zahnarztpraxis liegt, zieht Zigaretten und Klopapier über die Kasse, sieben Tage in der Woche. Aber unter der Hand führt Wu Meihua ein ungewöhnliches Schattengeschäft: Sie handelt mit aufgelesenen Euromünzen.

Wu Meihua ist nicht ihr echter Name, die Anonymisierung war ihre Bedingung für unser Treffen. Die Münzhändlerin ist vorsichtig, streng genommen gilt das, was sie macht, als Straftat – schwarzer Devisenhandel.

Die Beutel auf dem Tisch hat sie aus einer Kommode hinter der Ablage mit den Shampootuben gekramt. Eine frisch eingetroffene Lieferung, erst gestern Nacht gereinigt. »80-Prozent-Ware«, sagt Wu. So nennen Händler wie sie die beste Qualität auf Lager: Die meisten Münzen sind so gut wie neu, nur manche Euros tragen Grünspan und Schrammen an den Rändern, da hat selbst hartnäckiges Schrubben nicht geholfen.

Wus Angebot ist unschlagbar: Einen Euro bietet sie zum Preis von 6,25 Yuan an, das sind 73 Cent. Einen Beutel mit hundert Ein-Euro-Münzen verkauft sie für 500 Yuan, umgerechnet 58,50 Euro. Wer mehr als 300 Euro ordert, bekommt fünf Prozent Rabatt. Am günstigsten sind 50-Cent-Münzen, da gibt es das Kilo für 28,50 Euro – ein Kilobeutel enthält 130 dieser Münzen: 65 Euro. »Lohnt sich, wenn Sie viel Freigepäck auf dem Flug haben«, sagt Wu. Außerdem bietet Wu noch Zwei-Euro-Münzen im 50er-Pack an – Kostenpunkt: 64,40 Euro. »Mein Bestseller«, sagt sie. Leider gerade ausverkauft.

Wu betreibt ihren Münzhandel seit drei Jahren. Sie stammt aus Hunan, einer Bauernprovinz im armen Landesinneren, ihre Kindheit verbrachte sie zwischen Bambushainen und Reisterrassen. Nach der Schule, mit 18, zog sie mit ihrem Mann, einem städtischen Ordnungshüter, in die Industriestadt Foshan. Wie Millionen andere Wanderarbeiter heuerte sie zunächst in einer Fabrik an. Jahrelang nähte sie am Fließband Volleybälle für den Export. Von ihren Ersparnissen übernahm sie den Mini-Supermarkt. Dann hörte sie von der Sache mit den ausländischen Schrottmünzen. Ein geniales Geschäftsmodell.

Nie habe sie gedacht, sagt Wu, dass sie damit so viel Geld verdienen könne. Der Supermarkt macht inzwischen nur noch einen Bruchteil ihres Einkommens aus. Als Beweis zeigt sie ein mit dem Handy geschossenes Foto ihres geheimen Lagers: In der Mitte eines fensterlosen Raums, bestrahlt von einer nackten Glühbirne, türmen sich verdreckte Münzen zu einem kniehohen Haufen. In Spitzenmonaten, flüstert Wu, verkaufe sie Zehntausende Euro.

Der Geldstrom gelangt auf unscheinbare Art und Weise nach China – im Containermüll. Für Nachschub muss Wu nur ein paar Straßen weiter fahren: Im Süden Foshans liegt eines der größten Recycling-Zentren der Welt. Das Viertel ist die Endstation für Millionen Altwagen aus Übersee. Kilometer um Kilometer reihen sich Hunderte Schrottverwertungsanlagen aneinander. Manche sind Großbetriebe mit der Fläche von mehreren Fußballfeldern, abgeschirmt von Betonmauern und Stacheldraht. Andere Hinterhof-Klitschen, kaum größer als eine Garage. Alle arbeiten nach dem selben Grundprinzip: Aus Schrott mach Geld.

Will die Händlerin Wu Münzen bestellen, ruft sie einen ihrer hier ansässigen Lieferanten an. Jemanden wie Pan Yiguo. Pan ist der Besitzer einer großen Recycling-Fabrik, die sich auf Autoschrott aus Europa spezialisiert hat. Wie viele andere in Foshan hat der Müll westlicher Industrieländer ihn wohlhabend gemacht. Pan, Ende vierzig, fährt Geländewagen und raucht teure Zigaretten, unter seiner Cordjacke wölbt sich ein gemütlicher Bauch. Über welche Kanäle er seine Container bezieht, möchte der Unternehmer nicht verraten. Auch er heißt eigentlich anders. Sein Betrieb liegt am Ende einer staubigen Seitenstraße, neben einem Fluss, in dem eine grüne Brühe fließt. Hinter dem Eisentor ohne Firmenschild geht es zu wie in einem Bergwerk: Bagger, Lkw, Berge aus faustgroßen Metallklumpen. Es ist ohrenbetäubend laut, ein Lärm wie Millionen zerberstende Glasflaschen. »200 Tonnen«, brüllt Pan, »Autos aus Europa!« Er führt in eine offene Halle mit Wellblechdach – seinen Schlachthof. Achtzig Wanderarbeiter kämpfen sich mit Rechen und Schaufeln durch die Überreste von Zündkerzen, Radachsen und Autoradios. Mit Händen, rau und fest wie Leder, sortieren sie die Teile je nach Metallart in Eimer. Aluminium, Kupfer, Zink, Blei, mehr als zehn verschiedene Sorten.

Es ist der letzte Schritt einer langen Verwertungskette. Schrottverwerter in Europa montieren aus den Altwagen wiederverkaufbare Teile wie Felgen, Lichtmaschine und Scheinwerfer. Danach werden die Skelette gepresst und durch haushohe Schreddermühlen gejagt. Die faustgroßen Schrottteile, die die Maschinen ausspucken, transportieren Containerschiffe in Billiglohn-Länder – vor allem nach China, das so viel Altmetall importiert wie kein anderes Land. Die wachstumshungrige Volksrepublik ist arm an eigenen Rohstoffen. Um seine Industrieproduktion steigern zu können, kauft die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt darum jedes Jahr hunderte Millionen Tonnen von Schrottmetall aller Art auf: ausrangierte Autos, verbrauchte Computer, Elektromüll und heruntergewirtschaftete Maschinen. Gerade Autoschrott enthält aber einen meist übersehenen Schatz: die Parkmünzen der ehemaligen Besitzer, die über die Jahre eines Autolebens unter Sitze gekullert und in Fußablagen verschwunden sind. Pan Yiguo, der Recycling-Unternehmer, findet sie.
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Während ihrer Recherche hat Xifan Yang eine Tüte Ein-Euro-Münzen bei der Händlerin Wu eingekauft. Auf einer Reise nach Deutschland stellte sie fest: Münchner U-Bahn-Automaten spuckten im Schnitt jede vierte ehemalige Schrottmünze wieder aus - Taxifahrer aber freuten sich sehr über jede Handvoll Kleingeld.

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