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aus Heft 19/2014 Deutschland

Deutschstunde

Xifan Yang  Fotos: Myrzik und Jarisch

Die Chinesen entdecken das Reisen - und werden weltweit umworben. Wie präsentiert sich Deutschland den neuen Touristen? Höflich gesagt: nun ja. Eine Woche unterwegs mit einer chinesischen Reisegruppe zwischen Berlin und Zugspitze.



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Berlin-Tegel, acht Uhr früh, grauer Himmel. »Ist das Smog?«, fragt Frau Tian auf dem Rollfeld, sie trägt eine dünne, mit Kirschen gemusterte Jacke. Ihr Mann schaut nach oben. »Nein, nur schlechtes Wetter«, beruhige ich beide. Es ist Ende Januar, wir sind gerade mit einer Lufthansa-Maschine, aus Shanghai kommend, gelandet. Ich habe – wie Frau Tian, ihr Mann und vier weitere Ehepaare, die zur neuen chinesischen Mittelschicht gehören – das All-Inclusive-Paket »Elf Tage unbeschwertes Deutschland« gebucht, für 2600 Euro pro Person. In der Broschüre verspricht der Veranstalter ein »Tiefenerlebnis auf Vier-Sterne-Niveau«. Das Erste, was meiner Reisegruppe auffällt, ist, wie klein der Hauptstadtflughafen einer europäischen Großmacht ist.

Auf dem Parkplatz wartet Zoltan, der Busfahrer, ein freundlicher Familienvater aus Budapest, der seit 28 Jahren Touristen durch Europa fährt – früher Japaner und Amerikaner, jetzt vor allem Chinesen. »Nihao!«, grüßt Zoltan und wuchtet unsere Koffer in den Stauraum eines blitzblank geputzten Mercedes. Der Bus hat Platz für 52 Leute, wir sind nur zu elft. Warum die Gruppe so klein ist, frage ich. Elf Tage nur durch Deutschland, das sei eben, na ja, keine naheliegende Wahl, erklärt Yang, der Reiseleiter. Dann pustet er ins Mikrofon. »Könnt ihr mich hören?« Yang Huaiyong, vierzig Jahre, sieht aus, wie Chinesen sich Japaner vorstellen: dunkelorange gefärbte Haare, knallgrüne Hose, ein »US Route 67«-Aufnäher auf dem Rücken seiner Jacke. Er stammt aus Peking und lebt seit zwölf Jahren in Dortmund.

Am Fenster ziehen Siebzigerjahre-Bauten, Fahrschulen und Spielotheken vorbei. Charlottenburg sieht aus, als wäre alles vor drei Jahrzehnten stehen geblieben: »Moderne Häuser, wie wir sie von zu Hause kennen, werdet ihr hier natürlich kaum sehen. Ihr müsst berücksichtigen: Berlin hat gerade mal 3,5 Millionen Einwohner«, referiert der Reiseleiter. Großes Gekicher in den Sitzreihen. So lautet das Programm: Heute Hauptstadt, morgen Potsdam, Dresden, danach Bamberg, Nürnberg, Neuschwanstein, Zugspitze, München, Metzingen, Stuttgart, Heidelberg, Köln, Rückflug über Frankfurt. Vor uns liegt eine Strecke von 2404 Kilometern.

Zum ersten Mal reise ich als Touristin durch Deutschland: Ich wurde in der südchinesischen Provinz Hunan geboren, als Fünfjährige bin ich mit meinen Eltern nach Deutschland gezogen. Nach der Schulzeit in Freiburg habe ich in München studiert und dort anschließend als Journalistin gearbeitet. Seit 2011 lebe ich in Shanghai.

Herr Yang, der Reiseleiter, zieht einen Schnellhefter mit Vortragsmanuskripten hervor, auf denen er Stichpunkte zu Themen wie »Gesellschaft«, »Verkehr« und »Geschichte des Biers« notiert hat: »Es kann leicht passieren, dass ihr später keine Ahnung mehr habt, wo ihr überall gewesen seid«, sagt er und empfiehlt, in jeder Stadt zuerst einen Kanaldeckel mit eingraviertem Ortsnamen abzufotografieren – als Erinnerungshilfe. Sofern man sich an die Gesetze halte, sei Deutschland ein sehr freies Land, meint er, ein Land, das »mehr Steuereinnahmen für Soziales ausgibt als für Waffen« und »aus Umweltschutzgründen seine Industrie ins Ausland verlagert, zu uns zum Beispiel«. Aus materiellen Gütern mache sich das Volk nicht viel, dafür liebe es lange Urlaube, Autofahrer hupten nur selten (»Das ist hier wie schimpfen«). Außerdem seien Deutsche außergewöhnlich erfindungsreich, wie die Zahl der Patente und Nobelpreisträger beweise: »Aber sie sind sehr langsam im Kopfrechnen. Nehmt es bitte mit Geduld, wenn es an der Supermarktkasse länger dauert.» Besonders auf zwei Dinge möchte Herr Yang uns vorbereiten: »Freies WLAN gibt es so gut wie nirgendwo« – kollektives »Ooooh« – und das Essen, »ich sag’s mal so: Da sind Deutsche eher schlicht. Ihr solltet für die nächsten Tage eure Ansprüche herunterschrauben.« Bis auf wenige Ausnahmen stehen ausschließlich China-Restaurants auf dem Reiseplan.

Für die meisten ist es nicht die erste Europareise: Frau Tian und ihr Mann, ein Hochhausarchitekt, haben erst vergangenes Jahr den Klassiker chinesischer Gruppenreisen gebucht: Frankreich-Schweiz-Italien. Seit ihr 25-jähriger Sohn aus dem Haus ist und in Japan studiert, haben beide Zeit. »Wir wären früher nach Deutschland gekommen, wenn man uns gelassen hätte«, sagt eine Reihe hinter ihr ein Mann, der Yang heißt, wie der Reiseleiter. Deutschland stelle hohe Hürden für Reisende aus China auf: Das Konsulat in Shanghai verlangt die Kontoauszüge der letzten sechs Monate, Antragsteller müssen Ersparnisse in Höhe von 6000 Euro vorweisen, weitere 6000 Euro werden bis zur Rückkehr einbehalten. Und der Reiseleiter muss nach dem Rückflug alle Bordkarten einschicken – damit soll sichergestellt werden, dass sich niemand aus dem Staub macht. Diesmal hat es bei Yang Haibo geklappt. Yang, fünfzig, bezeichnet sich als Deutschland-Fan, seit er vor zwanzig Jahren seine Karriere bei der nordchinesischen Niederlassung eines Tübinger Maschinenbauers begonnen hat. Heute führt er seine eigene Firma, verkauft tonnenschwere Anlagen für die Ölindustrie nach Indien, in die Türkei, den Irak, und er fährt BMW.

Ihm gegenüber sitzt ein Paar Mitte zwanzig, das identische Sweatshirts mit der Aufschrift »I am lonely« trägt. Chen Shaoling, Abteilungsleiterin bei einer Marketingagentur, ist mit ihrem Mann, einem App-Vermarkter, auf Flitterwochen. Sie mag Deutschland, seit Miroslav Klose bei der WM 2002 gegen Saudi-Arabien drei Tore schoss. Er interessiert sich für Weltkriege, I und II. Pflichtbewusst filmt der frisch Verheiratete die Tour zur Siegessäule mit, für die Eltern, die Schwiegereltern. Dann: Brandenburger Tor. Reichstag. Checkpoint Charlie. Mauer. Pro Stopp werden 30 Minuten Freilauf gewährt. Viele wollen schon nach einer Viertelstunde wieder in den warmen Mercedes.

Deutschland sei das Japan Europas, erklärt der Reiseleiter, als wir am Holocaust-Mahnmal vorbeikommen, und: »Unter den Stelen liegen die Urnen der ermordeten Juden.« Bis heute seien Wissenschaftler »unschlüssig darüber, warum Hitler die Juden umgebracht hat«, fährt Yang reichlich unpräzise fort. Immerhin haben die Deutschen ihre Fehler eingestanden, sagt Frau Tian beeindruckt. Die Gruppe nickt. Als wir das »Holiday Inn« im Spandauer Industriegebiet erreichen, ist es erst 19 Uhr. »Das deutsche Arbeitsgesetz mag uns übertrieben streng vorkommen, aber Zoltan darf nicht länger als zwölf Stunden pro Tag am Steuer sitzen«, sagt der Reiseleiter Yang. Er verteilt Zimmerkarten und sagt seinen Gute-Nacht-Spruch: »6.45 Uhr: Weckruf. 7 Uhr: Frühstück. 7.55 Uhr: Koffer einladen. 8 Uhr: Abfahrt. Seid pünktlich!«

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Sollten Sie den umgekehrten Weg unserer Reisegruppe gehen und Shanghai besuchen, hier die drei Lieblingsorte von Xifan Yang: 1. die Dachterrasse des Hotels »The Waterhouse«, 2. die Promenade am Xuhui-Skatepark am Huangpu-Fluss, 3. das Restaurant »Guyi« in der Fumin Road 89.

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