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aus Heft 19/2014 Politik

Gesichter des Todes

Malte Herwig und Ronen Steinke  Illustration: Paul X. Johnson

Radovan Karadzic gilt als der Hauptschuldige für den größten Völkermord in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch das UN-Tribunal in Den Haag tut sich schwer mit dem Antreiber des Balkankriegs. Nach fast fünf Jahren Prozess könnte er bald einen propagandistischen Sieg feiern. Obwohl Karadzic eigentlich keine Interviews geben darf, haben wir dennoch mit ihm gesprochen.



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Es gibt zwei Sorten von Schauspielern: Die einen brillieren in jeder Rolle, die anderen spielen nur sich selbst. Der Angeklagte Radovan Karadzic gehört zur ersten Sorte. Der Mann mit dem grauen Anzug und der welligen Silbermähne guckt geschäftig. Er klickt ein wenig mit seiner Maus herum, putzt seine Brille. Es ist schon die dritte Brille, seit er vor dem Internationalen Strafgerichtshof steht. Diesmal ist es eine kleine runde, oben mit einer silbernen Fassung, unten randlos. Karadzic, 68, liest viel.

Der frühere Parlamentspräsident* Bosniens und Herzegowinas gilt als der Hauptschuldige für den größten Völkermord in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, er soll auch das Massaker von Srebrenica befohlen haben, bei dem 7000 Muslime ermordet wurden.

Vor Gericht aber ist er die Höflichkeit in Person. Wenn er spricht, dann ruhig. Er nennt die Richter »Exzellenzen« – ein Fantasie-Titel. So werden Richter weder an diesem noch an sonst einem Gericht angesprochen. »Exzellenz« werden Botschafter von Staaten genannt. Die korrekte Anrede für den Vorsitzenden eines Gericht wäre Herr Präsident. Aber Präsident, diesen Titel reserviert der einstige Führer der bosnischen Serben im Jugoslawienkrieg noch immer für sich.

Seit er vor 18 Jahren untertauchte, hat Karadzic keine Interviews mehr gegeben. Im Untersuchungsgefängnis haben ihm die Richter den direkten Kontakt zu Journalisten verboten. Unter welchen Umständen schließlich doch ein Interview zustande kam, darf man nicht schreiben.

Im Gespräch mit dem SZ-Magazin gibt sich der einst meistgesuchte Mann der Welt selbstbewusst. Wie es ihm geht in der Untersuchungshaft? »Gut«, sagt Karadzic lachend, »ausgezeichnet.« Er spricht ein geschliffenes, flüssiges Englisch; andere Häftlinge in dem UN-Untersuchungsgefängnis freuen sich, wenn sie gelegentlich den Telefonhörer an ihn weiterreichen dürfen und er für sie dolmetscht.

Im Innenhof des Untersuchungsgefängnisses im Haager Stadtteil Scheveningen sieht ihn das Personal oft beim Nordic Walking. Immer im Kreis. Gleich nach seiner Ankunft hat er sich mit Disziplin daran gemacht, für den Prozessmarathon fit zu werden. Er brauche jetzt eine gute Gesundheit, erklärt Karadzic im Interview Anfang 2013, als unsere Recherche zu dieser Geschichte beginnt. Während der orthodoxen Weihnacht hat er gefastet, auch sonst hält er gern Diät: »Manchmal sagen hier Leute zu mir: Entschuldige, ich habe aus Versehen etwas gegessen, das dir gehört. Und ich sage: Wer mir etwas wegisst, der tut mir in diesem Lebensalter einen Gefallen.«

Banale Worte eines Mannes, der blutige Geschichte geschrieben hat. Seine Gegner sagen, er habe dabei einen langen Plan verfolgt. Schon 1969 hatte der Hobbylyriker Karadzic ein Gedicht über die Vielvölkerstadt Sarajevo geschrieben: »Die Stadt verglüht wie ein Weihrauchklumpen, in diesem Rauch irrt auch unser Bewusstsein. Leere Kleider gleiten durch die Stadt. Der rote Stein stirbt, in die Häuser eingebaut. Die Pest! Stille.« Damals war Karadzic Student. Er war aus einem Bergdorf nach Sarajevo gezogen, in eine Stadt, deren Bewohner auf zugereiste Provinzler herabblickten.

Ein bisschen blumige Poesie sei das gewesen, wehrt Karadzic heute im Untersuchungsgefängnis Scheveningen ab. Nicht etwa die Vision jenes blutigen Kessels, in den seine Truppen die belagerte Stadt Sarajevo zwanzig Jahre später tatsächlich verwandeln sollten. »Ich bin doch nicht Nostradamus!«

Als Karadzic Präsident der bosnischen Serben wurde, verwandelte sich seine Dichtung in Wirklichkeit, und Karadzic schlug denselben apokalyptischen Ton in öffentlichen Reden an: »Denkt nicht, ihr würdet Bosnien und Herzegowina nicht in die Hölle führen und die muslimische Bevölkerung, die sich nicht verteidigen kann, in die mögliche Auslöschung«, rief er im Oktober 1991 vor dem Parlament von Bosnien-Herzegowina. Bei dieser Drohung umklammerte er die Ecken des Rednerpultes, als wolle er es nach seinen Zuhörern werfen.

Als der Zusammenhalt in Jugoslawien Anfang der Neunzigerjahre zerbrach und nationalistische Scharfmacher im Lager der Serben nach Anführern suchten, fiel die Wahl nur durch einige Zufälle auf ihn: einen Psychiater, der sich bei Tag auf Gruppentherapien mit depressiven Patienten spezialisierte und bei Nacht Gedichte über serbisches Heldentum schrieb.

Der montenegrinische Literaturwissenschaftler Marko Veskovic nannte Karadzic eine gescheiterte Existenz: »Er wollte Schriftsteller werden und wurde als Poet vom Schriftstellerverband nie ernst genommen.«

Radovan Karadzic inszenierte sich in seinem neuen Amt als Dichterfürst, »als den Helden eines epischen Gedichts, das eine entfernte, zukünftige Generation einst singen würde«, wie es der bosnische Schriftsteller Aleksandar Hemon ausdrückt.

Die Gelegenheit, sich in Szene zu setzen, nutzt Karadzic auch seit seinem ersten Auftritt vor bald fünf Jahren vor dem UNO-Tribunal. Seinen Prozess hat man in den größten der drei Gerichtssäle des Haager Tribunals gelegt. Hier befragen ihn die Richter zu der Blutspur, die serbische Truppen durch Bosnien zogen, zu Beginn der Neunzigerjahre. Zu den Truppen, die fast vier Jahre lang die Stadt Sarajevo einkesselten und beschossen. Zu den serbischen Kampfverbänden, die an einem Sommertag eine kleine Ortschaft am Waldrand überfielen, Srebrenica, und dort etwa 7000 muslimische Jungen und Männer zusammentrieben, fesselten und erschossen. Karadzic war der politische Führer, zu dem die Mörder aufsahen.

Jetzt, nach mehr als vier Jahren Prozess, ist die Aufführung zu Ende, die Anklage seit dem 1. Mai abgeschlossen. Was Radovan Karadzic zu sagen hatte, wenn im Haager Gerichtssaal sein Mikrofon rot aufleuchtete, hat man hier schon oft gehört: Es ist die Erzählung einer serbischen Nation, die sich angeblich wehren musste gegen Separatisten und muslimische Terroristen, die aus dem Westen und besonders aus Deutschland ermuntert worden seien.

Karadzic ist dabei aber derjenige Angeklagte, der die Ankläger nervös macht. Warlords, Haudegen, breitschultrige Politiker kennt man in Den Haag zur Genüge: Der serbische Ex-Präsident Slobodan Milosevic, der 2006 in Haft starb, ließ im Gerichtssaal den Bauch raushängen, behandelte Zeugen von oben herab. Er blieb sich treu, wollte selbst die Spielregeln bestimmen. Die Ankläger konnten gelassen zusehen: Milosevic war an fachgerechter Strafverteidigung so wenig interessiert, dass er sich von Monat zu Monat tiefer eingrub in seine strafrechtliche Grube. Wäre er 2006 nicht plötzlich in seiner Zelle gestorben, einem Schuldspruch hätte nichts im Weg gestanden.

Oder Ratko Mladic, der pöbelnde Ex-General mit der Zahnprothese: Der gibt noch immer den ewigen Haudegen, wird gern derb und obszön. Das Tribunal, polterte der 71-Jährige, sei ein »satanisches Gericht«. So macht Mladic es seit seinem ersten Tag hier in Den Haag. Damals hatte er die Mütter von Srebrenica, die im Publikum saßen, mit breitem Grinsen und eindeutiger Geste begrüßt: Daumen an die Kehle, langsame Bewegung von links nach rechts. Im Gerichtssaal ist sein größter Erfolg, schon einmal hinausgeworfen worden zu sein.

* In einer früheren Version dieses Artikels stand irrtümlich "Präsident" statt "Parlamentspräsident". Wir bedauern den Fehler.  

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Bei ihren Besuchen in Den Haag hatten Malte Herwig und Ronen Steinke oft den Eindruck, dass die martialische Inszenierung des Jugoslawien-Tribunals im Gegensatz zu seiner tatsächlichen Macht steht. Sicherheitsschleusen, Panzerglas und Fotografieverbot hatten sie erwartet. Aber dass ein Journalist, der eine harmlose Porträtskizze von Karadzic zeichnete, umgehend von streng blickenden UNO-Blauhemden aus der Zuschauergalerie eskoriert wurde, erschien ihnen etwas übertrieben.

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