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aus Heft 21/2014 Gesellschaft/Leben

Total überzeichnet

Till Krause  Illustration: Nishant Choksi

Früher war das Ausrufezeichen eine Besonderheit. Und heute? Stehen am Ende jedes Facebook-Kommentars gleich drei davon. Das ist falsch - hat aber ein paar echte Vorteile.


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Neulich wurde ich von einem Fahrkartenautomaten angeschrien – zumindest hat es sich so angefühlt. Beim Bezahlen stand im Display: Bitte EC-Karte einführen!! Drei Wörter, zwei Ausrufezeichen. Als wollte die Maschine sagen: Na los, wird’s bald?

Wo man auch hinschaut: Das Ausrufezeichen ist schon da, oft sogar mehrfach. Auf Schildern (»Die Benutzung der Toilette ist kostenlos!!«), Wahlplakaten (»Gerechtigkeit!«), Briefen (»Sehr geehrter Herr Krause!«). Diese Sätze wären auch mit Punkt oder Komma ausgekommen, aber das war offenbar zu wenig. Bei Facebook und WhatsApp ist es längst normal, dass Sätze mit einem Ausrufezeichen enden. Zwischen »toll!!!!« und »juhu!!!« wäre ein nüchternes »Schön« beinahe ein Affront. Wie albern!!

Denn streng genommen gibt es laut deutscher Grammatik keinen Platz für zwei Ausrufezeichen hintereinander, sagt Ursula Bredel, Professorin für deutsche Sprache an der Universität Hildesheim und Autorin eines Buchs über Satzzeichen. »Bei kaum einem Zeichen wird so oft gegen die Regeln verstoßen wie beim Ausrufezeichen«, sagt sie und lacht: »Sprache hält sich ungern an Regeln. Spannender ist es, sich zu fragen, warum Menschen Zeichen auf eine bestimme Art verwenden.« Dass das Ausrufezeichen öfter verwendet wird als früher, hat das wissenschaftliche Journal of Computer-Mediated Communication schon 2006 beschrieben. Wieso also diese Inflation des Ausrufezeichens? »Weil es so vielseitig ist«, sagt Bredel, »und perfekt in eine Zeit passt, in der dank Kurzmitteilungen und Twitter die Grenzen zwischen Schreiben und Sprechen immer mehr verschwimmen.« Laut aktuellem Duden verleiht das Zeichen »dem Vorangehenden einen besonderen Nachdruck«, ist also eine Art Lineal, das wichtige Sätze noch mal unterstreicht. Dabei ist das Ausrufezeichen längst mehr als das, »es wird offenbar dringender gebraucht als früher«, sagt Bredel.

Denn es kann helfen, ein altes Problem der geschriebenen Sprache in den Griff zu bekommen: Schrift muss ohne Gestik und Mimik auskommen. Und das kann zu Verwirrung führen in einer Zeit, die der Autor Mark Greif als »Ära der Ironie« bezeichnet, weil man bei jeder Aussage erst mal prüfen muss, ob sie nicht vielleicht als Witz gemeint sein könnte. Beim Gespräch kann man ein Augenzwinkern leicht erkennen – in einer Mail nicht. Deshalb braucht es in der Schriftsprache kleine Tricks, die deutlich machen, was man wirklich meint. Besonders populär: Smileys wie ;) – »aber die sind für offizielle Kommunikation zu flapsig«, sagt die Linguistin.

Der Kulturkritiker Theodor Adorno nannte das Ausrufezeichen vor mehr als fünfzig Jahren eine »verzweifelte Schriftgebärde, die vergebens über die Sprache hinausmöchte«. Das mag sein, geht aber an einem wichtigen Punkt vorbei: Oft ist es wirklich notwendig, sich nicht nur auf die reinen Buchstaben zu verlassen.

In E-Mails und bei Facebook scheint sich die wahre Bedeutung erst durch die Satzzeichen zu erschließen:
»Genial …« bedeutet: oh je.
»Genial.« bedeutet: geht so.
»Genial!« bedeutet: gut.
»Genial!!!« bedeutet: wirklich genial.

Das nun ausgerechnet das Ausrufezeichen so beliebt ist, liegt an seiner Wandelbarkeit. Nach der Anrede bei Briefen war das Zeichen bis in die Sechzigerjahre üblich – heute wirkt das unpassend. Dafür ist eine andere Funktion des Zeichens sehr gefragt: Man kann damit auf wenig Raum viel sagen. Wer schon mal einen Stapel Papier auf dem Schreibtisch gefunden hat, auf den jemand ein Post-it mit einem simplen »!« geklebt hat, der weiß: Das hier ist offenbar wichtig. Und lange vor E-Mails und Social Media, als das Übermitteln von Nachrichten noch aufwendiger war, kam das Zeichen gerade recht. Als der Autor Victor Hugo sich vor hundertfünfzig Jahren bei seinem Verleger nach den Verkaufszahlen seines Buchs Les Misérables erkundigte, erhielt er das wohl kürzeste Telegramm aller Zeiten als Antwort: Auf dem Zettel stand einfach nur »!«. Sollte heißen: Das Buch verkaufte sich gut. Und Autofahrer auf der ganzen Welt kennen das Zeichen, das in Deutschland unter der Nummer StVO 101 firmiert: ein Warnschild mit einem Ausrufezeichen. Es bedeutet: Achtung, Gefahrenstelle. Kürzer lässt sich das kaum ausdrücken.

Für Ursula Bredel, die Ausrufezeichen-Expertin, stellt dieses Verkehrsschild eine mustergültige Verwendung dar. »Das Zeichen wird korrekterweise verwendet, wenn der Absender zeigen will: Achtung, hier kommt etwas Unerwartetes.« Das Schild drückt die Vermutung aus: Der Fahrer passt nicht auf – und will ihn auf eine kommende Gefahr hinweisen. Aus demselben Grund steht auf offiziellen Formularen das Ausrufezeichen nicht hinter dem Satz »Bitte ausfüllen« (das ist schließlich eine Selbstverständlichkeit), sondern hinter der Aufforderung »Hier bitte nicht beschriften!«. »Der Normalfall braucht kein Ausrufezeichen – nur die Ausnahme«, sagt die Linguistin. Wenn also der Chef auf einen Vorschlag per E-Mail mit »gut!« antwortet, bedeutet das genau genommen, dass er eigentlich nichts Gutes erwartet hat -– und jetzt überrascht ist, dass man etwas Brauchbares geliefert hat.

Das erklärt zwar nicht, warum beim Fahrkartenautomat dem Satz »Bitte Karte einführen« zwei Ausrufezeichen angefügt sind – was soll man schließlich sonst einführen? Aber es zeigt, wo die Zeichen besser platziert wären: am Ende des Geldabhebens, wenn im Display steht »Bitte Karte entnehmen«. Denn ich bin sicher nicht der Einzige, der seine Bankkarte regelmäßig in Automaten vergisst.

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Till Krause hat sich mit der Sprachwissenschaftlerin Ursula Bredel per E-Mail zum Interview verabredet - und zur Verabschiedung geschrieben: »Ich freue mich auf das Gespräch!« Heute würde er das Ausrufezeichen weglassen.