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aus Heft 21/2014 Gesellschaft/Leben

Auf der Flucht

Roland Schulz 

Ein maskierter Serientäter überfällt in der Gegend um den Ammersee Supermärkte und Bäckereien. Er entkommt jedes Mal. Eines Tages kontrollieren zwei Polizisten ein Fahrzeug - und stehen plötzlich vor dem Täter. Dann fallen Schüsse.




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Sie sind schon auf der Autobahn
und die Schicht fast um, als der Einsatz kommt. Ein verdächtiges Fahrzeug, in einem Waldstück hinter Geltendorf. Als sie eintreffen, finden sie es nicht. Später ist klar, dass er sie da bereits beobachtet.

Sie fahren zu zweit Streife, der Praktikant am Funk, am Steuer der Streifenführer. Vor ihnen liegt, dunkel und dicht, der Wald. Sie versuchen, die Einsatzzentrale zu erreichen. Kaum Empfang.

Also zurück und auf freiem Feld die Dienststelle anrufen; wenig später ist der Waldarbeiter da, der das Fahrzeug entdeckt hat, und fährt ihnen voraus. Diesmal sehen sie es. Am Ende eines der schmalen Pfade, die man schlägt, um Holz zu rücken, steht ein blauer Mitsubishi, auf dem Dach ein Blaulicht. Ein Mann sitzt darin.

Er steigt aus, als sie aussteigen. Sie nähern sich, Polizei, Verkehrskontrolle. Marcus Weber, 43 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, geht voraus. Hinter ihm folgt Dennis Pils, 19, Polizeianwärter im Praktikum. Sie sprechen den Mann erneut an, und weil er so hinter seiner Fahrertür steht, dass sie seine Hände nicht sehen können, sagen sie, können wir mal die Hände sehen.

Da kommt die Hand hoch, und sie sehen nur diesen Lauf, der so lang ist, und blamm! ein Schuss, die erste Kugel trifft Weber in den Bauch, schleudert ihn zurück und blamm!, die zweite Kugel streift seinen Oberkörper, durchschlägt die Schachtel Zigaretten in seiner Brusttasche und sirrt in den Wald.

Es ist Samstag, 25. Mai 2013. In Geltendorf, an der Autobahn zwischen München und Lindau gelegen, haben die Glocken der Kirche Zu den Heiligen Engeln gerade die Stunde geschlagen. Zwölf Uhr mittags.

Zehn Meter vor Dennis Pils steht der Mann, einen Revolver im Anschlag. Er lächelt.

Dennis Pils denkt, Scheiße, der Waldläufer.

Drei Jahre zuvor, Februar 2010. Es liegt Schnee in Greifenberg, einem der Orte entlang der A96 zwischen Lindau und München. Kurz vor Ladenschluss tritt ein Mann mit Regenschirm in den Supermarkt an der Hauptstraße und zückt eine Pistole. Er spricht gebrochen Deutsch: Gib Geld, gib Geld, ist nicht dein Geld, ist Geld von Netto, tust Geld da rein, weil sonst zieh ich Handgranate.

Da erkennen die Verkäuferinnen den Gegenstand, den der Mann an einer Art Koppel hängen hat. Sie stopfen ihm Scheine in eine Tüte, gelassen geht der Täter nach draußen. Dort steht der Ehemann der Putzfrau des Supermarkts, der den Überfall bemerkt hat. Er sieht, wie der Täter die Straße quert, seinen Regenschirm aufspannt und in der Dunkelheit davonspaziert. Er geht ihm nach. Das ist ein Fehler. Plötzlich bleibt der Täter stehen, dreht sich um und seinen Regenschirm zur Seite, im gleichen Augenblick fällt schon der Schuss. Er trifft den Zeugen im Bein, kurz darauf ist die erste Funkstreife da. Die Einsatzzentrale reagiert umgehend, räuberische Erpressung mit Schusswaffengebrauch, umfassende Tatortbereichsfahndung. Der Täter ist weg. Er ist hinter der Kirche die Böschung zum Friedhof hinab, wo der Wald beginnt, der bis zur Windach reicht, einem Zufluss der Amper.

Die Kriminalpolizei aus Fürstenfeldbruck übernimmt. Alles, was sie haben, sind Abdrücke eines Stiefels im Schnee und die Aussagen der Zeugen. Eine Handgranate? Um einen Netto zu überfallen? Die Beute beträgt 2274 Euro. Ausländischer Akzent? Vielleicht vorgetäuscht; der Täter fragte den Zeugen, den er anschoss, auf Hochdeutsch, ob sonst noch etwas wäre. Der Schuss macht ihnen Sorge. Die Wunde ist tief, Steckschuss ventrodorsal; als die Ärzte das Projektil heraus haben und die Ballistiker dran dürfen, staunen sie. Kaliber 5,5. Das ist eine Munition für Luftgewehre. Ballistiker tippen auf eine LEP, eine Luftdruckenergiepatrone. Damit schießen Jäger, wenn es Vögel nicht so zerreißen soll, dass man sie nicht mehr essen kann.

Nun scheint zumindest die Straftat klar: ein versuchtes Tötungsdelikt – das ist Trumpf im Apparat der Verbrechensbekämpfung. Je schwerer die Straftat, desto weiter reichen die Maßnahmen der Ermittlung. Bei Tötungsdelikten bietet die Polizei alles auf, was sie hat. Funkzellenabfrage. Telefonüberwachung. Operative Fallanalyse. Ein Traum für jeden Ermittler. Der Staatsanwalt pfeift sie zurück. Von einem Vorliegen eines versuchten Tötungsdelikts sei zu diesem Zeitpunkt nicht auszugehen. Auf Deutsch: Wer den großen Zirkus will, braucht mehr als ein Luftgewehrgeschoss. Als alle Aussagen aufgenommen, alle Spuren asserviert und alle Hinweise verfolgt sind, gerät Aktenzeichen 1203-000543-10/2 in der alltäglichen Arbeit aus Einbrüchen, Diebstählen, Erpressungen und Betrügereien allmählich ins Vergessen.

Sofort peitscht Adrenalin durch den Körper, Waffe ziehen, entsichern, zielen, Dennis Pils will gerade abdrücken, da erhebt sich auf einmal taumelnd der angeschossene Streifenführer Marcus Weber und schießt, einmal, zweimal, der Mann mit dem Revolver feuert zurück, dunkel rollt das Donnern der Schüsse durch den Wald. Hinten auf dem Heuweg, auf dem sie gekommen sind, hechtet der Waldarbeiter in Deckung. Sie schreien, Waffe weg!, Polizei!, aber die Antwort sind Schüsse. Sie geben sich gegenseitig Feuerschutz und ziehen sich von Baum zu Baum zurück. Sie sehen einen Punkt auf der Mündung des Revolvers sitzen, mit dem der Mann aus der Deckung seines Autos auf sie schießt. Ein Laserzielgerät.

Im Jahr zuvor, August 2012. Nacht liegt über dem Nordufer des Ammersees. Auf der anderen Seite der Autobahn, wo die B471 an den Mooren der Amper entlang in die Wälder vor Grafrath läuft, schaltet die Nachtschicht der Tankstelle am Gewerbegebiet gerade die Automatik der Schiebetüren aus, als ein vermummter Mann vor den Eingang tritt, einen Augenblick stutzt und verschwindet.

Das Gesetz ist klug. Es stellt nicht nur die Tat selbst unter Strafe, sondern auch den Versuch, sie zu begehen. Als der Notruf eingeht, entsenden sie mehrere Streifen, versuchter Raubüberfall, aber der Täter ist weg. Niemand rechnet damit, als er drei Nächte später abermals auftaucht, in die Tankstelle tritt und zwei Angestellte bedroht, in der rechten Hand eine Pistole, in der linken eine Handgranate. Er flüchtet mit 775 Euro.

Sie stellen die Bilder der Überwachungskameras sicher: ein Mann in grünem Parka, die Kapuze auf dem Kopf, darunter eine Schirmmütze, die das Gesicht verschattet, das wiederum mit einer Maske vermummt ist. Handschuhe. Stiefel. Pistole. Als sie den Zeugen des Überfalls in Greifenberg Abzüge zeigen, nicken die: Das ist der Typ. Jetzt haben sie, was sie einen Tatzusammenhang nennen.

Wie überall, wo mehrere Menschen gemeinsam arbeiten, gehen die Meinungen auseinander. Manche sind der Ansicht, zweimal Handgranate, muss ein Serientäter sein, irgendwo aus dem Ostblock, wegen des Akzents. Manche glauben, zwei Überfälle in zwei Jahren machen noch keine Serie, schon gar nicht mit so windiger Beute. So oder so – Herr Staatsanwalt: Antrag auf Funkzellenabfrage.

Der Fall gehört jetzt Kommissariat 2 der Kripo FFB, Ermittler wird KHK Kaiser: ein erdiger Kommissar, dessen Vorname Thomas sich über die Jahre zu Tom abgeschliffen hat. Kaiser trägt sein Herz auf der Zunge. Für den Erfolg eines Ermittlers ist das Gold: Kaiser kann mit Menschen, weil er wie einer spricht. Für die Karriere eines Beamten ist das Gift: Kaiser eckt schon als Anwärter an, weil er als Sprecher seiner Einsatzhundertschaft wissen will, warum sie seit Jahren vor Wackersdorf im Schlamm liegen wie die Soldaten.

Kaiser spreizt sich in den Fall. Archiv: alle Raubüberfälle, bei denen Handgranaten eingesetzt wurden. Stadelheim: der neue Häftling, der schon eine Tankstelle mit einer Faustfeuerwaffe überfiel. Interpol: diese kroatische Handynummer aus der Funkzelle an der Tankstelle.

Nichts.

Atemlos gehen sie hinter ihrem Streifenwagen in Deckung. Alles ist so schnell gegangen, aber jetzt, im ersten Augenblick des Atemholens, stellen sie fest, dass sie beide fast ein gesamtes Magazin verfeuert haben, acht Schuss. Pils will wissen, was die Wunde macht. Weber steht so unter Strom, er spürt keinen Schmerz, aber irgendwo da ist Blut. Seinen Schreck hält er im Zaum. Einmal, vier Jahre her, war ein Notruf gekommen, er hin, angeklopft, da schwang die Tür auf und schon schoss der Typ dahinter, Gott sei Dank schlecht. Seitdem trägt er selbst im heißesten Sommer immer Schutzweste. Nacheinander wechseln die Polizisten die Magazine ihrer Waffen. Als Weber einen Blick wagt, fällt ein Schuss und eine Seitenscheibe des Streifenwagens splittert. Eines ist klar: Sie brauchen Verstärkung. Das Funkgerät sitzt in der Mittelkonsole des Streifenwagens. Genau im Schussfeld.

Im Jahr zuvor, Oktober 2012. Der Supermarkt am Bahnhof von Geltendorf hat gerade aufgemacht, da steht auf einmal ein vermummter Mann vor der Theke der Bäckerei am Eingang, Geld her oder ich schieße und schon schießt er, auf eine der Tassen an der Kaffeemaschine. Angsterfüllt packt die Verkäuferin das Geld in eine Brotzeittüte, der Täter geht auf und ab, schnell, schnell, wo ist Kollegin, wo ist Kollegin, aber die Kassiererin des Supermarkts ist geflohen. Der Mann verschwindet im Wald.

Sie sind schnell am Tatort. Der Täter kann nicht weit sein. Sie sichern die Zufahrten. Sie kontrollieren Autos. Sie halten Züge an. Sie haben Spürhunde am Boden und den Helikopter Edelweiß 8 in der Luft. Es ist ein Erstangriff wie aus dem Bilderbuch. Der Täter ist wie vom Erdboden verschluckt.

Der Kriminaldauerdienst sägt das Stück Theke heraus, in dem die Kugel steckt. Kleinkaliber. Keine Verfeuerungsspuren. Könnte eine LEP gewesen sein. Dann sehen sie die Bilder der Überwachungskamera. Dieser Parka. Diese Maske. Sie werten noch Spuren aus, als die Bäckerei auf den Tag und die Stunde genau eine Woche später ein zweites Mal überfallen wird. Parka. Maske. Handgranate. Sie sind sehr schnell am Tatort. Der Täter ist sehr schnell verschwunden. Sie nennen ihn nun den Waldläufer. Jetzt ist es persönlich.

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Den Weg kenne ich, dachte Roland Schulz, als er den Tatort aufsuchte: Wer je von der S-Bahn-Station Geltendorf nach Kaltenberg zum Ritterturnier gewandert ist, hat das Areal gekreuzt, in dem der Wagen des Waldläufers stand.

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