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aus Heft 22/2014 Fußball

Die drei von der Zankstelle

Thomas Bärnthaler und Andreas Bernard 

Der Schiedsrichter Felix Brych wird in Brasilien auf dem Platz stehen, Hellmut Krug und Herbert Fandel haben Europa- und Weltmeisterschaftsspiele geleitet. Für das SZ-Magazin diskutieren die drei über Endspieldramen und folgenschwere Fehlentscheidungen.

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Sterbender Schwan oder Bodycheck? Über wichtige Spiele entscheidet nicht nur die Form der Spieler oder die Taktik des Trainers, sondern auch die Leistung der Schiedsrichter. (Foto: André Mühling)

SZ-Magazin: Herr Krug, Herr Fandel, Herr Brych, in 14 Tagen beginnt die Weltmeisterschaft in Brasilien. Wer wird Weltmeister?
Herbert Fandel:
Der Sieger des Endspiels Brasilien–Deutschland.
Hellmut Krug: Ich bin davon überzeugt, dass Brasilien die besten Voraussetzungen hat.

Herr Brych?
Felix Brych:
Dazu möchte ich aus verständlichen Gründen nichts sagen, denn damit würde ich mich als WM-Schiedsrichter disqualifizieren. Ich bin zu Neutralität verpflichtet.

Aber eigentlich müssten Sie sich wünschen, dass Deutschland früh ausscheidet. Nur so hätten Sie Chancen, das Finale zu pfeifen.
Brych:
So denkt man aber nicht. Ich konzentriere mich auf meine Leistung, denn die ist genauso ausschlaggebend, um für wichtige Spiele aufgestellt zu werden.
Krug: Jeder wünscht sich natürlich, ein Finale oder Halbfinale zu pfeifen. Herbert und ich mussten bei unseren Welt- und Europameisterschaften früh nach Hause fahren. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte mich darüber gefreut.

Was ist Ihre erste WM-Erinnerung aus der Kindheit?

Krug: Eine schwarz-weiße. Wir haben 1966 bei Freunden in unserem Haus gesessen und das Finale Deutschland–England im großen Kreis gesehen. Auf einem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher. Damals waren die Leistungen der Schiedsrichter noch kein Thema. Das berühmte Wembley-Tor wurde erst später zum Mythos.
Fandel: Ich saß 1974 zwischen Vater und Mutter und habe vor Freude geheult, als die Deutschen gewannen. Da fing meine Liebe zum Fußball an.
Brych: Ich weiß nur noch, dass ich 1982 immer nach der ersten Halbzeit ins Bett musste.

In den letzten 30, 40 Jahren hat der Fußball sich enorm verändert. Gilt das auch für Fouls? Gibt es Moden des Foulspiels?
Fandel:
Was in den letzten Jahren aufkam, ist der ausgefahrene Ellbogen beim Kopfball. In den Neunzigern war es die Grätsche: Spieler, die mit offener Beinschere von hinten dem Gegner in die Beine segelten. Das wurde sogar Lehrstoff für uns. Wir wurden angehalten, das zu unterbinden. Erst als den Spielern klar war, das gibt sofort Rot, verschwand die Grätsche wieder.
Krug: Ganz früher war es insgesamt rustikaler, unkontrollierter.
Brych: Vieles ist unentdeckt geblieben, weil die Schiedsrichter nicht so darauf geachtet haben. Gerade im Strafraum: kurzes Schubsen vor dem Kopfball, das Ziehen am Trikot. Es gab eben noch nicht ein Dutzend Kameras im Stadion.

Die dürfen Sie heute auch nicht zu Hilfe nehmen.
Brych: Stimmt, aber es geht um die allgemeine Sensibilisierung, die damit einherging.
Krug: Fouls oder Fehlentscheidungen wurden in den Medien weniger thematisiert. Heute schon. Daher schauen wir genauer hin.
Fandel: Das ging Anfang der Neunziger los, mit der Fußballsendung ran, als plötzlich alles aufgedröselt wurde.
Krug: Heute wird fast jeder Zweikampf analysiert. Meistens steht dann der Schiedsrichter in der Kritik. Vor ran sind Schiedsrichter weitgehend verschont worden. Man konnte Fehlentscheidungen einfach nicht so gut nachweisen.
Sprich: Die Schiedsrichter von damals hätten unter heutigen Medienbedingungen nicht unbedingt gut ausgesehen?
Fandel: Dann hätte es bestimmt das ein oder andere Mal ziemlichen Wirbel gegeben!
Krug: Die jetzigen Schiedsrichter müssen einfach besser sein als vor 20, 30 Jahren.

Herr Brych pfeift also besser als Sie beide?

Krug: Besser als ich auf jeden Fall.
Brych: Das kann man nicht vergleichen, weil das Spiel sich komplett verändert hat.
Krug: Nehmen Sie das legendäre DFB-Pokal-Endspiel Köln gegen Gladbach 1972 …
Fandel: … als Netzer sich selbst eingewechselt hat …
Krug: … da haben Sie das Gefühl, das läuft in Zeitlupe. Spieler wie Overath, die sich mit dem Ball dreimal um die eigene Achse drehten. Wenn das heute jemand machen würde, läge er nach einer halben Pirouette am Boden.
Fandel: Das war salopp gesagt Schlafwagenfußball. Ein Spieler lief pro Spiel im Schnitt fünf Kilometer, inzwischen sind es mehr als doppelt so viel.
Brych: Deshalb werden Schiedsrichter heute auch ganz anders ausgebildet. Die Fitness ist wichtiger als früher, die Schnelligkeit. Ich laufe heute pro Spiel zwölf Kilometer, mindestens so viel wie die Spieler. In der Champions League dürften es noch ein wenig mehr sein.
Krug: Früher haben wir überwiegend privat trainiert. Jeder war sein eigener Trainer.
Fandel: Als ich anfing, hat mir keiner gesagt, wie ich mich vorzubereiten hatte.

Das heißt, es gab Spiele, bei denen Ihnen die Puste ausging?
Fandel:
Das nicht, eine Riesenlunge musste man schon haben. Aber es gab Spiele, da war ich zu weit weg vom Spielgeschehen. Und das lag am falschen Training.

Könnte Ihnen das auch passieren, Herr Brych?
Brych: Ich hoffe nicht. Dafür trainiere ich an sechs Tagen in der Woche. Ich habe einen Fitnesstrainer, der meine Einheiten steuert und meine Fitnessdaten mit mir abgleicht. Früher gab es ein-, zweimal im Jahr Leistungstests vom DFB. Heute ist die Kontrolle umfassender.

Aber Fitness alleine macht noch keinen guten Schiedsrichter aus.

Krug: Das ist richtig. Ebenso wichtig ist das Stellungsspiel. Wenn das nicht stimmt, häufen sich Fehlentscheidungen. Fandel: Der Schiedsrichter muss immer in der Nähe sein und genauen Einblick in die Spielsituation haben. Er kann nicht erst aus 30 Metern herbeilaufen. Nur so kriegt man Akzeptanz.

Was muss man als Schiedsrichter beachten, um richtig zu stehen?
Fandel: Bei den Laufwegen gibt es Grundzüge, die man von Anfang an erlernt. Wir sprechen immer von einer »Diagonale« auf dem Platz, in der sich der Schiedsrichter bewegen soll, also die gedachte Linie zwischen den Abschnitten, in denen kein Assistent steht.

Und wie vermeidet man, dauernd im Weg zu stehen?
Brych:
Erfahrung. Sie müssen die typischen Bewegungen und Laufwege der Spieler genau kennen, das Spiel lesen können.
Fandel: Wer heute zum Beispiel ein Bayern-Spiel pfeift und nicht weiß, was es bedeutet, dass ein Ribéry auf dem Platz steht, hat in der Top-Schiedsrichterei nichts zu suchen.

Und was hat es zu bedeuten?

Fandel: Na, wenn Ribéry den Ball kriegt, müssen Sie wissen, dass er mit dem Ball innerhalb von Sekunden am anderen Ende des Platzes sein kann. Wenn Sie da nicht sofort zu sprinten anfangen, sind Sie zweiter Sieger und nicht nah genug dran.
Krug: Hat Ribéry zwei Gegenspieler vor sich im Strafraum, muss ich wissen, was er machen wird: Der will immer in der Mitte durch! Und wenn ich das nicht weiß, stehe ich unter Umständen schlecht. Also muss ich mich entsprechend positionieren, hinter Ribéry, denn wenn ich von der Seite draufschaue, sehe ich nicht, was passiert.

Welche Spiele vergisst man nicht als Schiedsrichter?
Krug: Das sind natürlich die bedeutenden. Endspiele eben. Bei mir zum Beispiel das Champions-League-Endspiel 1998 zwischen Juventus Turin und Real Madrid. Wenn du solch ein wichtiges Spiel, bei dem damals weltweit 500 Millionen zuschauten, abpfeifst und kein Thema bist, hast du als Schiedsrichter das Optimum erreicht.
Fandel: Meine schwierigsten Spiele waren immer die hitzigen Revierderbys Schalke gegen Dortmund in den Neunzigerjahren. Mit Reuter, Kohler beim BVB und Youri Mulder bei Schalke.
Brych: Ich möchte noch keine Zwischenbilanz ziehen. Ich hab noch einiges vor.

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Thomas Bärnthaler und Andreas Bernard pfeifen auf jede Neutralität und wünschen Felix Brych für die WM alles Gute. Nur im Finale wollen sie ihn nicht sehen, sondern lieber die deutsche Nationalmannschaft.

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