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aus Heft 23/2014 Sport

Zweite Halbzeit

Gabriela Herpell  Fotos: Armin Smailovic

Nach dem Koma: Vor fünf Jahren konnte die Sportreporterin Monica Lierhaus nicht mehr sprechen, nicht mehr gehen, nicht mehr sehen. Jetzt fliegt sie nach Brasilien zur Fußball-Weltmeisterschaft. Weil sie ihrem alten Leben wieder so nah kommen will wie möglich. Wir haben sie auf den Etappen eines langen Kampfes begleitet.



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Kaum ist sie im Fernsehen, fragen sich alle: Warum tut sie sich das eigentlich an? Warum stellt sie ihr Leiden öffentlich aus? Und: Muss ich mir das anschauen?

Jetzt sitzt Monica Lierhaus in der Maske, Jeans, alte braune Turnschuhe, Reißverschlussjacke, vor sich Karten mit Fragen darauf. Sie flüstert die Fragen vor sich hin, immer wieder. Sie übt sie, wie andere Klavier üben. Viele Vokale hintereinander fallen ihr schwer, auch Worte wie Sky-Stiftung.

Sie hat die Fragen in den vergangenen Wochen mit ihrer Logopädin geübt. Sie hat sie mit Rolf Hellgardt geübt, ihrem Lebensgefährten. Mit ihrer Mutter, mit ihrer Schwester. Sie kann nicht oft genug üben, denn sie möchte so gut sein wie möglich. Und sie wird besser in jedem Interview.

Es ist ihr drittes Gespräch, seit klar ist, dass sie für den Bezahlsender Sky von der Fußball-Weltmeisterschaft aus Brasilien berichten wird. Mit Jürgen Klinsmann und Joachim Löw hat sie zuerst gesprochen. Heute stimmt sie sich mit Lothar Matthäus und Franz Beckenbauer auf die WM ein.

Am Morgen, der Wecker klingelte sehr früh, ist Monica Lierhaus aus dem Bett gesprungen, was sonst nicht ihre Art ist. Aber da wartete ein Tag, auf den sie sich freute. Ein Arbeitstag. Mit dem Flugzeug von Hamburg nach München, mit dem Taxi ins Olympiastadion, dorthin, wo Beckenbauer 1974 den Pokal hochgehalten hatte.

Am Abend spielt Bayern München zu Hause gegen Real Madrid im Champions-League-Halbfinale. Erst fährt Beckenbauer vor, schwarzer Mercedes, Salzburger Kennzeichen, dann Lothar Matthäus, weißer Mercedes, Münchner Kennzeichen. »Schon wieder abgenommen, Franz?«, fragt Matthäus und reibt sich den Bauch. »Wie schaffst du das? Ich nehm immer nur zu.«

»Lothar, Franz, schön, euch zu sehen«, sagt Monica Lierhaus mit zarter, leicht zittriger Stimme.
»Ist lange her«, sagt Beckenbauer.
»Zu lange«, sagt Matthäus. Nicken.
»Bleibt der Bart jetzt, Franz?«, fragt Monica Lierhaus. »Die Frauen mögen ihn«, sagt Beckenbauer. »Und ich höre auf die Frauen.« Dann geht es um das Spiel am Abend: »Die Bayern haben kein Glück gerade«, prophezeit Beckenbauer. »Sie sind nicht tüchtig. Und wer nicht tüchtig ist, hat auch kein Glück.« Die Bayern werden dramatisch verlieren, aber das weiß jetzt noch keiner hier.

Monica Lierhaus, 43, geboren in Hamburg, Abitur, Anglistik- und Germanistikstudium, Volontariat bei Sat.1, war »vor dem Unglück«, wie sich ihre Familie ausdrückt, Sportreporterin beim Fernsehen. Sie war, so sagte es Günter Netzer in seiner Laudatio bei der Verleihung des Ehrenpreises der Goldenen Kamera im Februar 2011 an sie, »das Kronjuwel der ARD, bei den Olympischen Spielen, der Tour de France, der Fußball-Weltmeisterschaft 2006«. Netzer rang um Fassung, konnte kaum weitersprechen: »Nie habe ich einen Satz lieber gesagt als diesen: Willkommen zurück, Monica Lierhaus.«

Über drei Jahre ist das jetzt her. Und zurück ist Monica Lierhaus nicht, das weiß sie selbst am besten. Sie ist nicht so schnell wie früher, nicht so wach, nicht so frisch, nicht so eloquent. Sie ist nicht mehr ganz sie selbst. Aber sie will möglichst nah an das zurück, was sie vorher war. Weil sie ein Ziel braucht, um jeden dieser Tage zu schaffen, die jetzt ihr normales Leben sind und vor denen ihr schon beim Aufstehen graut.

Im Januar 2009 wurde Monica Lierhaus operiert. In ihrem Kopf war ein Angiom entdeckt worden, ein gutartiger Tumor. Wenn ein Angiom im Kopf ist, benötigt es Sauerstoff und Blut, und weil die Adern im Kopf nicht auf den Transport von Extramengen Sauerstoff und Blut ausgelegt sind, geht man davon aus, dass sich bei einem Angiom im Kopf ein Aneurysma entwickelt. Vor der Entfernung des Angioms sollte das Aneurysma verschlossen werden.

Es passierte das Schlimmstmögliche: Während der OP platzte das Aneurysma. Die Ärzte bohrten zwei Löcher in Monica Lierhaus’ Schädeldecke, damit der Druck entweichen konnte, versetzten sie in ein künstliches Koma und verschoben die Entfernung des Angioms auf später.

Als sie im Frühsommer 2009 nach der zweiten Operation aus dem zweiten künstlichen Koma erwachte, war Monica Lierhaus doppelt so hart getroffen wie nach der ersten: Sie konnte sich kaum rühren, nicht mehr sprechen, nicht mehr gehen, nicht mehr sehen, keinen Knopf schließen, keine Schuhe binden, diese Liste ließe sich noch lange fortführen. Die Ärzte prophezeiten ihr ein Leben im Rollstuhl. Ein Leben als Pflegefall.

Eineinhalb Jahre danach verließ Monica Lierhaus die Reha auf zwei Beinen, rechts und links gestützt zwar, aber auf zwei Beinen. Das war ihr Ziel gewesen, und wie eine Soldatin hatte sie darauf hingearbeitet. Brasilien, sagte sie später einmal, sei das nächste Ziel. Und das meinte sie genauso ernst.

Nun fährt sie hin, der Bezahlsender Sky hat sie engagiert. Sie wird nicht moderieren oder Fußballer am Spielfeldrand interviewen, sondern Hintergrundgespräche führen, die aufgezeichnet und geschnitten werden.

Und jetzt tauchen diese Fragen wieder auf: Muss das sein? Warum setzt sie sich dem aus? Und: Darf sie das – diesen Job machen, wenn sie nicht so gut ist wie früher? Werden die Zuschauer nicht viel mehr darauf achten, wie sie spricht, wie sie sich bewegt und welche Fehler sie macht, als auf das, was sie sagt oder gut macht?

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Gabriela Herpell war mit Monica Lierhaus im Drogeriemarkt Budnikowsky in Hamburg. Lierhaus kaufte ein Shampoo, das sie nur dort bekommt. Herpell kaufte Kekse, die sie nur dort bekommt. Nun hofft sie, dass dies jemand liest, der für eine größere Verbreitung dieser Kekse sorgen könnte. Sie heißen Kemm’sche Kuchen und sind unvergleichlich.