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aus Heft 27/2014 Gesellschaft/Leben

Genie wider Willen

Michaela Haas (Interview)  Foto: Kyle Johnson

Der Amerikaner Jason Padgett wurde vor einer Kneipe niedergeschlagen - und wachte als hochbegabter Mathematiker wieder auf. Traum oder Alptraum? Ein Gespräch über die Ursachen und Folgen einer unheimlichen Persönlichkeitsveränderung.


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Jason Padgett, 44, lebt mit seiner russischstämmigen Frau Elena in einem Einfamilienhaus in Tacoma, Washington. Padgett zählt die Tage bis zur Ankunft von Jacqueline, ihrem ersten gemeinsamen Kind. Das rosafarbene Kinderzimmer ist bereit. An den Wänden der Wohnung hängen hochkomplexe geometrische Zeichnungen, die Jason in den vergangenen Jahren in Handarbeit erstellt hat.

Padgett ist ein Savant mit einer Inselbegabung für Mathematik und Geometrie. In den USA erschien kürzlich das Buch Struck by Genius, das er zusammen mit der US-Autorin Maureen Seaberg geschrieben hat. Das Besondere an Padgetts Geschichte ist, dass er nicht als Savant geboren wurde. Er ist einer von vielleicht nur 30 Inselbegabten weltweit, die ihr Spezialtalent plötzlich erworben haben. So wie auch Derek Amato aus Denver, der nie Klavier gespielt hatte und nach einem Swimmingpool-Unfall plötzlich zum Virtuosen wurde, oder Orlando Serrell, der als Zehnjähriger von einem Baseball am Kopf getroffen wurde und seither mühelos kalendarische Berechnungen beherrscht. Bei Jason Padgett geschah es durch einen brutalen Überfall am Freitag, dem 13. September 2002.

SZ-Magazin: Wie beginnt ein typischer Tag für Sie?
Jason Padgett: Als Erstes gehe ich ins Bad und drehe den Wasserhahn auf. Das Wasser zu beobachten ist einfach magisch. Die Struktur des Wassers vibriert in spezifischen geometrischen Formen und Frequenzen. Wie Kristalle. Ich beobachte den Tanz der Tropfen ganz genau und versuche ihn mir einzuprägen, damit ich ihn vielleicht später zeichnen kann. Dann halte ich die Zahnbürste 16 Mal unter den Strahl, es müssen genau 16 Mal sein.

Warum?
Sechzehn ergibt ein perfektes Quadrat, und der Mund ist dieses dreidimensionale runde Objekt, das passt einfach. Vielleicht liegt es auch nur an meiner Zwangsstörung, die ich seit dem Überfall habe …

Die meisten Menschen sind von einem Wasserstrahl nicht besonders fasziniert.
Ich wünschte, Sie könnten sehen, was ich sehe! Stellen Sie sich vor, Sie sehen einen Film, drücken immer wieder die Pausetaste und sehen dann jedes Phasenbild einzeln. Gleichzeitig ziehen die einzelnen Bilder einen Lichtschweif hinter sich her. Ich lege ein Raster über alles. So sehe ich die Welt, aber in Echtzeit, und ich kann etwa vier bis fünf Phasenbilder gleichzeitig halten. Alles sieht etwas verpixelt aus.

In Ihrer Wohnung hängen Zeichnungen von Fraktalen, also geometrischen Mustern, die sich wiederholen. Nehmen Sie die Welt in etwa so wahr, wie Sie es in Ihren Zeichnungen ausdrücken?
So ungefähr, aber viel feiner. Die Stiftgröße ist zu fett, um die Feinheiten meiner Wahrnehmung zu Papier zu bringen.

Können Sie beschreiben, was Sie zum Beispiel sehen, wenn Sie durch Ihren Lieblingspark spazieren?
Ich kann mich kaum mehr daran erinnern, wie es war, als ich die Welt wie die meisten Menschen wahrgenommen habe. Bäume sind absolut faszinierend. Ich nehme die geometrischen Muster wahr, die Dreiecke der Blätter – sie erinnern mich an den Satz des Pythagoras. Sie sind ganz offensichtlich Fraktale. Ich lege im Geist ein Raster zwischen sie. Vor allem wenn die Sonne scheint, ergibt das eine großartige Schau. Ich sehe, wie die Zweige das Licht reflektieren, lauter kleine Dreiecke. Geometrie ist wichtiger, als den meisten Menschen klar ist. Galileo Galilei hat gesagt: Wir können das Universum nicht verstehen, solange wir seine Sprache nicht gelernt haben. Mathematik und Geometrie sind die Grundlagen dafür.

Glauben Sie, dass alle Menschen ihre Umwelt so wahrnehmen könnten?
Absolut, hundertprozentig! Meine Ärzte haben mir gesagt, dass mein Gehirn durch den Überfall nichts dazugelernt hat, was es nicht schon vorher konnte. Vielmehr wurden angeborene Fähigkeiten aktiviert. Der Psychiater Darold Treffert, der als Koryphäe für Savants gilt, nennt das die »vorinstallierte Software« oder »genetische Erinnerung«. Uns allen sind diese Fähigkeiten so angeboren, wie etwa Zugvögel automatisch in Formation fliegen. Warum unser Gehirn diese Fähigkeiten normalerweise unterdrückt, ist ein Rätsel.

Sie sprechen von Jason 1.0 vor dem Überfall und Jason 2.0 danach. Wie würden Sie Jason 1.0 beschreiben?
Ich war ein Adrenalin-Junkie. Ich liebte Fallschirmspringen, Bungee-Jumping, Autorasereien mit meinem aufgemotzten 67er-Camaro. Wenn ich mir die Fotos von früher anschaue, muss ich schmunzeln: Ich trug diesen gestylten Vokuhila, war von der Sonnenbank gebräunt und legte Wert darauf, meine Muskeln herzuzeigen. Ich war an sieben Nächten in der Woche unterwegs. Morgens schleppte ich mich zu Planet Futon, dem Matratzengeschäft meines Vaters, ab Mittag war der Kater einigermaßen erträglich, und abends war ich wieder fit für die Piste.

Haben Sie sich für Mathe interessiert?
Nee. Ich war berühmt-berüchtigt dafür, dass ich nie ein Buch geöffnet habe. Mein bester Freund Larry hat die meisten meiner Hausaufgaben gemacht. Ich habe buchstäblich gesagt: »Wer braucht denn das Zeug?« Ich habe dann auch das Studium abgebrochen. Es ging nur um die Fragen: In welche Bar gehen wir, was trinken wir, und welche Mädels reißen wir auf?

Wann hat sich das geändert?
Im September 2002 rief mich meine Bekannte Angela aus einer Karaoke-Bar an und fragte, ob ich sie abholen könnte, weil sie und ihr Date zu viel getrunken hatten. Es war Freitag, der 13., aber ich bin nicht abergläubisch. Ich fuhr hin, trank eine Cola, und als wir die Bar verließen, folgten uns zwei andere Gäste. Ich spürte plötzlich einen harten Schlag, aus heiterem Himmel. Angela erzählte mir später, dass der Typ sich mit voller Wucht auf mich gestürzt hat. Ich erinnere mich nur noch an diesen tiefen, dumpfen Aufprall, es klang tiefer als der tiefste Ton auf einem Klavier. Ein weißes Licht blitzte in meinem Hirn auf, wie ein Kamerablitz. Ich muss kurz ohnmächtig geworden sein. Als ich wieder zu mir kam, wurde ich von allen Seiten attackiert, mit harten Schlägen und Tritten. Ich dachte, die bringen mich um. Ich habe das Bein eines Angreifers gepackt und mit aller Kraft zugebissen, so fest, dass ich meine Vorderzähne abgesplittert habe. Angela und ihr Begleiter standen tatenlos da, wie erstarrt. Ich schrie: »Helft mir, verdammt noch mal!« Angela ist schließlich in die Bar gerannt, um Hilfe zu holen. Die ganze Zeit haben die Angreifer kein Wort gesagt, bis einer rief: »Gib mir die verdammte Jacke!« Dann habe ich mir meine Lederjacke heruntergerissen, und sie sind abgehauen.

Aber auch anschließend hat Ihnen keiner geholfen, stimmt das?
Ja, ich bin zurück in die Bar getorkelt, blutüberströmt, und bat um Hilfe, aber die Kellnerin hat sich geweigert, die Polizei zu rufen. Später stellte sich heraus, sie war mit einem der Diebe befreundet. Ich rief: »Ihre Gläser stehen doch noch da, wir haben ihre Fingerabdrücke, und sie haben ihre Namen auf die Karaoke-Liste geschrieben!« Aber die Frau sagte nur: »Raus hier.« Ich habe einige Tage später mit Freunden vor der Bar protestiert, bis der Besitzer die Namen und Adressen der Angreifer rausgerückt hat.

Hat Ihnen die Polizei dann geholfen?
Nein. Ich bin zu der Adresse gefahren, da stand ein Umzugswagen vor der Tür, die Angreifer waren dabei, ihre Sachen zu packen. Ich rief die Polizeistation an, die nur acht Blöcke entfernt liegt, es war ein Samstag, und der Polizist sagte: »Wir können erst am Mittwoch jemanden schicken.« Bis dahin wären die weg gewesen. Bei der Polizei herrschte zu dieser Zeit Chaos. Der Polizeichef hat einige Monate später seine Frau und sich selbst vor den Augen seiner Kinder erschossen. Ich musste die Sache selbst in die Hand nehmen, habe einen der Angreifer an der Haustür konfrontiert und eine so laute Szene hingelegt, bis die Nachbarn die Polizei riefen. Die sind dann endlich gekommen und haben die Typen verhaftet.
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Michaela Haas hat bei der Vorbereitung auf dieses Interview erfahren, dass auch die Schauspielerin Tilda Swinton eine Synästhetikerin ist: Swinton schmeckt Worte. Das Wort Tomate etwa schmecke »nach Zitrone«, sagt Swinton. Michaela Haas hätte gern eine ähnliche Sinnesverdrahtung: um gute Artikel noch mehr genießen zu können.