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aus Heft 27/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Unser Leser bat bei der Beerdigung seiner Mutter um Spenden für eine Palliativstation. Aber die Angehörigen brachten Blumen. Darf er seine Enttäuschung kundtun?

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»Unsere Mutter ist nach zehn Tagen auf einer wunderbaren Palliativstation verstorben. Deshalb erbaten meine Schwester und ich anstelle von Blumen Spenden für die Station, was im Sinne der Verstorbenen gewesen wäre. Ihre Geschwister brachten dennoch ein Gesteck zur Beerdigung und spendeten nichts. Dürfen wir unsere Enttäuschung kundtun?« Bernd K., Köln



Je nachdem, wie man zum Jenseits steht, erfüllen Gaben für Verstorbene unterschiedliche Funktionen. In vielen, vor allem antiken Kulturen wurden den Verstorbenen Reichtümer fürs Jenseits mitgegeben, um ihnen den Aufenthalt dort zu verbessern. Leider erreichten die Gaben nicht immer das Jenseits, sondern lediglich Grabräuber, die sie noch im Diesseits an sich nahmen. An der Grenze der beiden Reiche liegt der Obolus, eine kleine Silbermünze, die man im antiken Griechenland den Verstorbenen auf die Zunge legte, um den Fährmann Charon für die Fahrt über den Fluss Styx oder Acheron in den Hades, die Unterwelt, zu bezahlen.

Irgendwie lässt sich eine gewisse Parallelität mit Ihrer Idee der Spende für die Palliativstation nicht leugnen: Auch wenn diese Einrichtung eindeutig in der Realwelt, nicht in der Mythologie angesiedelt ist, wollen Sie eine Art Obolus als Dank für die gute Betreuung Ihrer Mutter auf dem diesseitigen Teil der Reise ins Totenreich entrichten. Eine Idee, die man nur begrüßen kann. Die Geschwister Ihrer Mutter haben sich hingegen dafür entschieden, mit einem Blumengesteck, einem Sinnbild der Vergänglichkeit, Ihrer Mutter postmortal einen letzten Gruß zu entbieten, um ihr so womöglich den jenseitigen Teil der Reise zu verschönern.

Zugleich haben beide Gaben eine Wirkung im Diesseits, die Blumen mehr symbolisch und traditionell, die Spende mehr praktisch und modern. Und beide helfen den Hinterbliebenen bei der Trauerarbeit, dabei, den Verlust eines nahestehenden Menschen zu überwinden.

Hätte Ihre Mutter den eindeutigen Wunsch hinterlassen, man möge statt Blumen für die Palliativstation spenden, hielte ich es für richtig, diesem Wunsch Folge zu leisten. So aber scheint es mir schwierig, anderen Angehörigen vorzuwerfen, eine andere Form der Abschiedsgaben zu wählen.

Literatur:

Philippe Ariès, Geschichte des Todes, dtv München 11. Auflage 2005

Constantin von Barloewen (Hrsg.), Der Tod in den Weltkulturen und Weltreligionen, Insel Verlag, Frankfurt am Main 2000

Joachim Wittkowski (Hrsg.): Sterben, Tod und Trauer, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2003, S. 173-192

Sigmund Freud, Trauer und Melancholie, zuerst erschienen in: Internationale Zeitschrift für Ärztliche Psychoanalyse, Bd. 4 (6), 1917, S. 288-301

John S. Stephenson, Death, Grief and Mourning, Free Press, New York 2007

Neil Small, Jeanne Katz, Jennifer Lorna Hockey (Hrsg.), Grief, Mourning and Death Ritual, Open University Press, Buckingham/Philadelphia 2001

Joachim Wittkowski, Trauer, in: Héctor Wittwer, Daniel Schäfer, Andreas Frewer (Hrsg.), Sterben und Tod. Ein interdisziplinäres Handbuch, J.B. Metzler Verlag, Stuttgart 2010, S. 192-202

Klaus Feldmann, Tod und Gesellschaft, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2. Auflage 2010

Héctor Wittwer, Philosophie des Todes, Reclam Verlag, Stuttgart 2009

Friedrich Wilhelm Graf und Heinrich Meier (Hrsg.), Der Tod im Leben, Piper Verlag, München 2004


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