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aus Heft 29/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Die Kellnerin ist nett, das Essen aber nicht gut. Sollte man die Frage »Hat es geschmeckt?« dann ehrlich beantworten?

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»Neulich waren wir in einem Restaurant. Die Bedienung war ausgesprochen freundlich, das Essen jedoch enttäuschend. Als uns die Kellnerin hoffnungsvoll fragte, ob es uns geschmeckt habe, flunkerten wir aus Sympathie und bejahten. Auf dem Heimweg allerdings kamen uns Zweifel, ob es nicht besser gewesen wäre, unser Missfallen zu äußern« Johann R., Germering


Es gibt eine Reihe von Fragen, die eigentlich keine Fragen sind. Bekanntestes Beispiel ist das englische »How do you do?« – es stellt keine Frage dar, sondern einen Gruß. Im Deutschen erfüllt »Wie geht’s?« eine ähnliche Funktion: Es zeigt eigentlich nur, dass man allgemein am Wohlergehen desjenigen, zu dem man es sagt, interessiert ist, aber nicht, dass man Details darüber hören will.
Wie steht es damit bei »Hat’s geschmeckt?«? Gehört es zu diesen formelhaften Nicht-Fragen, auf die man genauso »Danke, gut« erwidern soll wie auf die vermeintliche Frage »Wie geht’s?«? Im privaten Bereich sicherlich. Bei einer Einladung dem Gastgeber darauf mit »Nein« zu antworten, geht in die Nähe der Antwort »Ja« auf die Frage »Bin ich zu dick?«. Wenn auch nicht mit ganz der gleichen Sprengkraft.
In Restaurants ist es zwiespältig. Einerseits ist die Frage fast so etwas wie eine Begleitmusik beim Abräumen der Teller, damit die Kellner nicht schweigend am Tisch hantieren müssen. Dann wäre »Danke, gut« als Kontrapunkt angebracht. Andererseits hat man auch mit einem netten Lokal eine geschäftliche Beziehung und darf zum Ausdruck bringen, wenn etwas nicht passt.
Am Ende würde ich es aber an etwas ganz anderem entscheiden: In einem Restaurant offen zu sagen, wenn das Essen enttäuschend war, ist neben der Frage der Ehrlichkeit auch eine der Fairness. Sagen Sie nichts, sondern gehen einfach nur nicht mehr hin, weil es Ihnen nicht geschmeckt hat, und alle machen das so, wird die freundliche Bedienung die Sympathie ihrer Gäste nicht sehr lange genießen können, weil das Restaurant bald pleite macht, statt etwas an der Küche zu ändern. Die Chance dazu enthalten Sie den Betreibern vor, wenn Sie aus falsch verstandener Sympathie nichts sagen. Ein altes Problem der Lüge – auch bei der Antwort auf »Bin ich zu dick?«

Literatur:

Lesenswert zum Thema Umgang zwischen Gästen und Gastgebern ist das Kapitel „Kulinarisches Zwischenspiel“ in dem stets empfehlenswerten Buch „Die Tante Jolesch. Oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten“ von Friedrich Torberg. dtv München 1977

Lesenswert zur Lüge:

Simone Dietz, Die Kunst des Lügens. Eine sprachliche Fähigkeit und ihr moralischer Wert, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2003

Volker Sommer, Lob der Lüge. Täuschung und Selbstbetrug bei Tier und Mensch, dtv, München 1994

Eberhard Schockenhoff, Zur Lüge verdammt? Politik, Justiz, Kunst, Medien, Medizin, Wissenschaft und die Ethik der Wahrheit. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau, 2. Auflage 2005

Maria Bettetini, Eine kleine Geschichte der Lüge, Wagenbach Verlag, Berlin 2003

Rochus Leonhardt, Martin Rösel (Hrsg.), Dürfen wir lügen? Beiträge zu einem aktuellen Thema, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2002

Mathias Mayer (Hrsg.), Kulturen der Lüge, Böhlau Verlag, Köln 2003

Georg Geismann, Hariolf Oberer (Hrsg.), Kant und das Recht der Lüge, Verlag Königshausen + Neumann, Würzburg 1986

Immanuel Kant, Über ein vermeintliches Recht aus Menschenliebe zu lügen, Akademie Ausgabe Band VIII, S. 423-430

Otto Lipmann, Paul Plaut (Hrsg.), Die Lüge in psychologischer, philosophischer, juristischer, pädagogischer, historischer, soziologischer, sprach- und literaturwissenschaftlicher und entwicklungsgeschichtlicher Betrachtung, Verlag Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1927

André Comte-Sponville, Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben. Ein kleines Brevier der Tugenden und Werte, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 3. Auflage 2010, darin das Kapitel 16: Die Aufrichtigkeit, S. 229ff

Sowie:

Rainer Erlinger, Moral. Wie man richtig gut lebt, Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012, darin das Kapitel: Von neuen Frisuren, Präsidenten und Praktikantinnen. Über die Lüge, S. 32-52 

Mit stärkerem wissenschaftlichen Bezug die Vorlesung „Wer einmal lügt... Über Lüge und Wahrheit“ in: Rainer Erlinger, Nachdenken über Moral. Gewissensfragen auf den Grund gegangen, Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012, S. 13-46


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