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aus Heft 29/2014 Gesellschaft/Leben

»Ich fand ihn nie nett«

Gabriela Herpell (Interview)  Fotos: Andrea Gjestvang

Vor drei Jahren beschloss der Anwalt Geir Lippestad, den norwegischen Massenmörder Anders Breivik zu verteidigen. Er hatte Angst vor dem, was auf ihn zukommen würde. Zu Recht. Eine Nachbesprechung.

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Es gibt nicht viele Momente, in denen Geir Lippestad innehält. Lang sind sie auch nicht.


Geir Lippestad ist noch nicht da. Die Kollegen in seiner Osloer Kanzlei bieten ein Glas Wasser an und gucken hilflos. Sie können auch nur hoffen, dass er kommt, sagen sie. Niemand weiß Bescheid über seine Termine. Vor drei Jahren, am 23. Juli 2011, sagte Lippestadt zu, den norwegischen Attentäter und Massenmörder Anders Behring Breivik zu verteidigen. Seitdem ist der Anwalt gefragt wie ein Filmstar.

Er kommt dann eine halbe Stunde zu spät, in einer Hand eine prall gefüllte Aktentasche, die aussieht wie eine alte Schultasche und deren braunes Leder mit den Jahren immer dunkler geworden ist. Er wirkt gehetzt, räumt ein hellblaues Hemd weg, das auf dem Schreibtisch liegt, und entschuldigt sich für die Unordnung im Büro, er war seit Tagen nicht hier, kommt gerade mit dem Auto aus dem hohen Norden Norwegens, eine weite Fahrt.

SZ-Magazin: Sie sind aber atemlos. Arbeiten Sie jetzt mehr, nach dem Prozess?
Geir Lippestadt: Ich habe immer viel gearbeitet. Aber meine Frau würde wohl sagen, es ist mehr geworden. Ich reise jetzt viel, das kostet Zeit und Kraft. Aber ich arbeite so gern.

Würden Sie es heute wieder tun – Breivik verteidigen?
Ja. Sicher, es war ein schwieriger Fall. Aber ich glaube an den Rechtsstaat. Darum.

Wie schnell haben Sie sich damals entschieden, den Fall anzunehmen?
Es war sehr früh am Morgen des 23. Juli 2011, als mich die Polizei anrief. Wir waren in den Sommerferien segeln gewesen und erst am Abend vorher zurückgekommen. Ich wusste von der Bombe im Regierungsviertel. Dann sah ich im Fernsehen, was auf Utøya passiert war. Ich wusste, dass der Mann viele junge Menschen erschossen hatte. Und ich hatte Angst, einen Mann zu verteidigen, der so etwas getan hatte. Ich habe an meine Familie gedacht. An meine Kinder.

Wie ist es Ihren Kindern ergangen?
In den ersten Tagen wurde unser Haus mit Tomaten beworfen, und wir brauchten Polizeischutz. Zum Glück waren Schulferien, so wurde es nur für die kleinen Kinder schwierig: Die anderen Eltern im Kindergarten wollten nicht, dass unsere Kinder in den Kindergarten gingen. Aber nach ein paar Tagen hat sich die Aufregung gelegt.

Warum?
Weil die Leute verstanden haben, dass ich den Fall nicht angenommen habe, weil ich Breiviks Ansichten teile, sondern weil ich an den Rechtsstaat glaube.

Hätten Sie den falschen Beruf, wenn Sie ihn nicht verteidigt hätten?
Wenn man glaubt, dass man mit seinem Team so einen Fall schaffen kann, muss man ihn übernehmen. Meine Frau hat mir auch zugeraten. Sie ist Krankenschwester und hat mich gefragt: Glaubst du, ein Arzt sagt, ich operiere jemanden nicht, weil er ein schlechter Mensch ist?

Im Spielfilm In einer besseren Welt der dänischen Regisseurin Susanne Bier rettet ein Arzt in einem afrikanischen Flüchtlingscamp einem blutrünstigen Miliz-Anführer und Mörder das Leben – was andere Menschen das Leben kosten wird. Die Entscheidung quält ihn sehr.
Ein klassisches Dilemma. Der Arzt im Film kann nicht das Richtige tun. In unserem Fall war es kein Dilemma. Ich wusste nach ein paar Stunden, dass die Entscheidung richtig war. Weil wir einen Terroristen wie einen Menschen behandeln und seine Rechte und Würde achten müssen, denn das ist unsere Stärke. Natürlich ist seine Tat schrecklich. Aber behandeln wir ihn anders als jemanden, der zwei Menschen umgebracht hat? Oder einen Mann, der eine Frau erst vergewaltigt, dann umbringt? Wenn wir von unseren Werten abrücken, weil eine Tat besonders schrecklich ist – wer zieht wo die Grenze? Das ist eine zutiefst ethische Frage.

Björn Ihler, 22 Jahre alt, ist Breivik auf Utøya knapp entkommen. Er sagte vor Gericht, man dürfe einem wie Breivik nicht die Macht geben, das norwegische Rechtssystem und die demokratischen Prinzipien zu ändern. Das klingt fast unheimlich besonnen.
In den ersten Tagen haben alle diese Werte beschworen. Die Regierung. Das Parlament. Der König. Die Kirche. Die Journalisten. Aber vor allem haben die jungen Leute, die Überlebenden, denen, den Mikrofone vor die Nase gehalten wurden, sobald sie aus dem Boot stiegen, gesagt: Wir werden seinem Hass mit Liebe begegnen.

Wenn Sie von Anfang an überzeugt waren, dass es richtig war, ihn zu verteidigen – warum haben Sie in einem viel zitierten Interview gesagt, Sie hätten Angst, Ihre Seele in diesem Prozess zu verlieren?
Weil ich so viel Horror erlebt habe. Weil ich so viel Kummer und Leid begegnet bin. Ich habe meine Seele nicht verloren, aber ich wusste, wie schwierig es sein würde, den Opfern gegenüberzutreten in meiner Rolle. Unser Bestreben war es natürlich, Breivik so gut wie möglich zu verteidigen. Aber unser Bestreben war es auch, niemandem dabei wehzutun. Keines der Opfer unnötig leiden zu lassen, sondern ihnen den Raum zu geben, den sie brauchten. Das war ein Balanceakt, weil man als Anwalt die Zeugen ja auch benutzt.

In Deutschland läuft derzeit der NSU-Prozess. Die Zeugen, die Angehörigen der Opfer, fühlen sich nicht immer gut behandelt von den Anwälten der Angeklagten Beate Zschäpe.
Nun, Anwälte haben vor allem eine Aufgabe: ihrem Mandanten gerecht zu werden. Aber man kann sich natürlich fragen, was man den Opfern zumutet, um einen Angeklagten zu verteidigen. Wir haben darauf verzichtet, Themen wie die Sicherheitsvorkehrungen oder das Verhalten der Polizei auf Utøya zu vertiefen. Das hätte den Opfern und ihren Angehörigen unnötig Leid zugefügt und nichts zur Klärung des Falls beigetragen.

Heißt das: Wenn Sie Zeugenaussagen gebrauchthätten für Ihre Verteidigung, hätten Sie den Opfernund Angehörigen mehr zugemutet?
Das heißt: Wenn ich Menschen Leid zufügen muss, um meinen Mandanten zu verteidigen, dann bin ich dazu in der Lage, ja.

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