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aus Heft 30/2014 Gesellschaft/Leben

Zeitmaschine

Jochen Arntz 

Vietnam, Gitarren, die Liebe, der Krebs: Unser Autor ist einer ungewöhnlichen Lebensgeschichte aus Amerika nachgegangen, wunderschön und traurig zugleich. Sie steckt in einem Porsche.


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In einem weiten, kalten Meer, irgendwo zwischen den Kontinenten, schwimmt ein grüner Fleck. Der grüne Fleck ist ein altes Auto aus den Siebzigern, festgezurrt in einem kantigen Container, der auf dem Deck eines Frachtschiffs steht, das geradewegs durch die Nacht zieht. Sie haben das Auto, einen klassischen, leicht verkratzten Porsche 911, in Los Angeles in den Container gefahren, das Schiff ist südwärts aus dem Hafen ausgelaufen, hat den alten Porsche durch den Panamakanal gebracht, jetzt ist es mitten auf dem Atlantik. Ein paar Wochen später wird der grüne Porsche in meiner Garage stehen.

So soll es sein, aber in diesem Moment, als der grüne Fleck noch auf dem Ozean treibt, weiß ich nicht, dass es so kommen wird. Dass da ein alter Porsche in Rotterdam anlanden wird, mit so vielen Jahren amerikanischer Geschichte im verblichenen Lack und im brüchigen Kunstleder, mit der warmen Musik Kaliforniens, der Erinnerung an einen Krieg in Vietnam, an Gitarrenriffs und vergangene Tage im Weißen Haus. Ich habe noch keine Ahnung davon, dass der grüne Fleck bald bei mir sein wird. Aber ein paar Wochen später, im Oktober 2013, ist er da.

Und als der Wagen unten in meiner Garage steht, sehe ich oben in unserem Wohnzimmer einen Mann auf Youtube sterben; er ist Ende sechzig, singt seine letzten Lieder, zupft seine Gitarre, und was könnte man besser singen, wenn es zu Ende geht, als Bob Dylans It’s All Over Now, Baby Blue. Der Mann, den ich auf meinem Laptop singen sehe, ist so zart und zerbrechlich, hinfällig schon, doch voll von Musik, voll von Melodien und einer flirrenden Wehmut. Er ist ein Gitarrist aus Berkeley, Kalifornien, er ist schon seit ein paar Wochen tot, als ich die letzten Bilder von ihm auf Youtube sehe, aber auch das weiß ich da noch nicht. Am Ende wird sein Leben, wird sein grünes Auto mir noch ein paar Jahrzehnte Amerika erklären, wie eine Zeitmaschine.

Dale Miller heißt der Mann, den Namen habe ich in den alten Papieren des Porsche gefunden. Im Spätsommer 2013 ist er seinem Lymphkrebs erlegen, es war klar: Ich würde ihn nicht mehr kennenlernen. Aber in einer Münchner Garage parkt nun dieses alte Auto, das seine Geschichte erzählt. Und da drüben in Berkeley in Kalifornien, da wohnt seine Witwe, die Anwältin Terry Helbush, in einem schönen alten Haus am Hang, in dem noch Dales Gitarren stehen und im Keller ein paar Büchsen Motoröl für den alten Porsche liegen, einen Wagen, den Dale sich in den Neunzigern gebraucht gekauft hatte. Als er wusste, dass man sich manche Träume noch erfüllen sollte.

Vor allem, wenn sie so grün sind: »Olivgrün« hatte Porsche, hatte die Fabrik in Stuttgart, den Farbton genannt. »Avocado« hatte Dale gesagt, das passte besser in seine kalifornische Welt, seine kalifornische Weltsicht. Und die hatte er sich erkämpft, mit den Gitarren, der Musik und einer sanften Revolte, denn sein Vater, Dale Senior, kam noch aus einer anderen amerikanischen Welt, aus einer olivgrünen, aus einer Uniformwelt. Dale Senior war ein Berater von Präsident Lyndon B. Johnson, jenes Präsidenten, der von Kennedy in den frühen Sechzigern ein Problem in Vietnam geerbt hatte – und schließlich so verzweifelt diesen Krieg um Hanoi und Saigon führte, aus dem Weißen Haus heraus, jahrelang.

Aber wie sollte ich das wissen, als ich den grünen Porsche zum ersten Mal sah, bei einem Oldtimerhändler in der bayerischen Provinz zwischen München und Augsburg? Wie sollte das überhaupt jemand wissen? Auch Matthias Pinske, ein zurückhaltend freundlicher Autohändler, der den Porsche aus Amerika übernommen hatte, auch er hatte keine Ahnung, was dieser grüne Fleck erlebt hatte. Aber er hatte ein Gespür dafür, dass ein avocadogrüner Porsche aus Kalifornien nicht die üblichste aller Geschichten mit sich bringen würde. Pinske gehört sicher nicht zu den Menschen, die glauben, dass die Dinge eine Seele haben, aber er weiß, dass alten Autos etwas anhaften kann. Also inserierte er den Porsche so: »Evergreen, 911 mal anders«. Und das war der Porsche ganz sicher, ohne dass es irgendwer da schon beweisen konnte.

Ein paar Monate später, als Dale Miller längst tot war, da würde seine Frau Terry die Geschichte erzählen, wie sie mit dem Porsche nach Mexiko in die Wüste gefahren sind, viele Meilen weit, in die Canyons und Sandeinöden, wie am Ende die Mexikaner um den grünen Porsche standen und Alemania, Alemania riefen, also Deutschland. Sie würde erzählen, wie Dale, der Porschefahrer, auf seiner Gitarre zum Sonnenuntergang für sie, seine Frau, spielte. Und sie erinnerte sich, wie sie dann einfach tanzte, im letzten Licht auf einem Hügel. Aber so weit war die Geschichte noch nicht. Noch war da nicht mehr als ein alter Porsche in meiner Garage, ein ziemlich stabiler Sportwagen, den ich zum Preis eines gebrauchten Golfs gekauft hatte, so wie ich Zeit meines Lebens eher alte Autos gekauft habe, vielleicht auch deshalb, weil man sich in ihnen manchmal noch so fühlt wie früher. Ich vermute, Dale hätte ich das nicht erklären müssen. Auch nicht, dass manche Dinge, und seien sie auch nur ein Auto, die flüchtigen Momente von Jahrzehnten in sich tragen, für immer.

An jenem Abend, als ich Dale Miller auf dem You-tube-Video seine letzten Lieder singen sah, die Finger sanft auf den Saiten der Gitarre, da war mir plötzlich klar, wieso in dem Porsche eine so gute Musikanlage mit Blaupunkt-Lautsprechern installiert war. Ich hatte das Auto eines Gitarristen gekauft, eines Fingerpickers, der seit den Siebzigern LPs und CDs machte, wunderbare Platten, hätte man früher gesagt. Und manchmal, wenn er vom Studio nach Hause nach Berkeley fuhr, dann hörte er das, was er gerade eingespielt hatte, in seinem Porsche. Der Motor des 911 war nicht zu laut, er lief kultiviert und übertönte die Gitarren nicht. Das war Dale wichtig. Mit ein paar Klicks habe ich dann an diesem späten Abend zwei CDs von Dale Miller bestellt. Sie hatten schöne Titel: Fingerpicking Rags & Other Delights, Time Goes By. Melancholische Titel.
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Jochen Arntz, stellvertretender Ressortleiter der Seite 3 der SZ, hat auf Youtube noch eine besondere Aufnahme von Dale Miller entdeckt: Am 1. Juli 2011 spielte Miller in einem Konzertsaal in Berkeley die amerikanische Nationalhymne. Selten hat man sie so schön gehört. Hier das Video: sz.de/miller