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aus Heft 30/2014 Essen & Trinken

Gelbsorgen

Malte Herwig  Foto: Kristin Kerscher

Wird es bald keine Bananen mehr geben? Eine Seuche droht die beliebteste Exportfrucht der Welt auszurotten. Im Wettlauf gegen die Zeit versuchen Forscher eine neue Superbanane zu entwickeln.

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Alles Cavendish:
Das große Bananengeschäft hängt an einer einzigen Sorte.


Gert Kema steht in seinem Gewächshaus in Wageningen, Niederlande, und macht ein sorgenvolles Gesicht. Vor ihm stehen mehrere Dutzend Bananenstauden auf langen Tischen aufgereiht. Ihre Blätter sind gelblich-braun verfärbt, viele bereits verdorrt. Grand Nain, großer Zwerg, lautet der seltsame Name der traurigen Frucht. Sie ist eine Variante der Sorte Cavendish, der mit Abstand beliebtesten Exportbanane der Welt. Der kümmerliche Zustand der Grand Nain liegt nicht an Licht- oder Wassermangel. Sprinkler berieseln die Gewächse alle paar Augenblicke, und Lampen sorgen für ausreichend Licht. In den Töpfen stecken Zettel mit Zeitangaben: 5 Minuten, 10 Minuten, 15 Minuten. So lange tunken Kema und seine Mitarbeiter die Pflanzen in eine infizierte Lösung – um herauszufinden, wie widerstandsfähig die Gewächse gegen Erreger sind.

Ein Blick auf die toten Stauden genügt, um die Antwort zu erraten: gar nicht. Und das ist das Problem. »Es ist völlig außer Kontrolle geraten«, sagt Kema und stöhnt. »Und das Schlimmste ist: Wir haben kein Gegengift.«

Gert Kema, Pflanzenwissenschaftler an der Universität Wageningen, ist einer tödlichen Seuche auf der Spur, die innerhalb kürzester Zeit ganze Bananenplantagen dahinrafft. Der Name des Übeltäters: Fusarium oxysporum f. sp. cubense, ein besonders heimtückischer Pilz, der sich in den Boden einnistet und auch unter dem Namen Tropical Race 4 (TR4) oder Panama-Krankheit bekannt ist.

Im April schlug auch die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) Alarm. »Wir müssen sofort handeln«, sagte der FAO-Mitarbeiter Fazil Dusunceli, »wenn wir das Worst-Case-Szenario verhindern wollen: die Vernichtung eines Großteils der weltweiten Bananenernte.«

Gert Kemas Experimente haben gezeigt, dass bereits eine Konzentration von einer Spore pro Milliliter genügt, um die Pflanzen mit dem tödlichen Pilz zu infizieren. »Eine Spore – das ist gar nichts«, sagt Kema. »In normaler Erde findet man leicht 1500 Sporen pro Milligramm.«

Entsprechend schnell breitet sich TR4 über die Welt aus. Bananen sind das beliebteste Exportobst der Welt. Da genügt es, wenn sich kleinste Mengen in Bananenkisten oder an den Schuhsohlen von Plantagenarbeitern auf die Reise machen. Auf den Philippinen, in Taiwan, Indonesien, Malaysia, China und Australien wütet der Bananenkiller bereits, der Ende der 1980er-Jahre in Asien entdeckte wurde. In Indonesien eroberte der Pilz innerhalb von einem Jahr ein Gebiet von 100 Kilometern Länge. Seit er 2006 auch im Nahen Osten gesichtet wurde, sind bereits 80 Prozent der dortigen Produktion befallen. 2013 erreichte er den afrikanischen Kontinent: Mosambik.

Gert Kema ist ein Gemütsmensch, schwer aus der Ruhe zu bringen, aber die Not der Menschen wühlt auch ihn auf: »Ich habe Bananenbauern auf den Philippinen gesehen, denen die Tränen kamen«, erzählt Kema. Denn die Ausbreitung des tödlichen Erregers bedroht nicht nur den Lebensunterhalt von Farmern. In Entwicklungsländern gehören Bananen neben Reis, Weizen und Mais zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln. Vor allem in ostafrikanischen Staaten wie Uganda sind sie die wichtigste Ackerfrucht – und Ernährungsgrundlage für Millionen von Menschen.

Auf der Jagd nach dem Killerpilz reist Kema ständig um den Globus: Costa Rica, Kolumbien, Philippinen – seine Familie sieht der Vater von sieben Kindern die Hälfte des Jahres nicht. Gerade ist er aus Ecuador zurückgekommen. Noch hat TR4 den amerikanischen Kontinent nicht erreicht. »Aber das Tempo ist unglaublich besorgniserregend«, sagt Kema. Allein in den vergangenen neun Monaten sei der Pilz in drei neuen Ländern außerhalb Südostasiens entdeckt worden. »Ich fürchte, es wird nicht mehr lange dauern, bis er auch in Lateinamerika auftaucht.«

Auf den Philippinen schrumpft die Produktion von Bananen aufgrund von TR4 schon jetzt jährlich um sieben Prozent. Eine Ausbreitung der Bananenseuche in die Hauptanbaugebiete in Süd- und Mittelamerika wäre eine Katastrophe. Allein Ecuador produziert sechs der insgesamt 18 Millionen Tonnen Bananen für den globalen Verkauf. »Der Pilz ist kaum zu kontrollieren, und wir haben noch keinen Ersatz für die Cavendish. Wenn TR4 in Lateinamerika ankommt, wird es in absehbarer Zeit keine Bananen mehr in unseren Supermärkten geben«, sagt Kema. Ein Obstregal ohne Bananen? Der Gedanke scheint unvorstellbar. Für westliche Konsumenten ist die exotische Frucht längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Obwohl asiatische Bauern bereits vor 7000 Jahren die ersten Bananen pflanzten, blieb die Frucht in Europa bis zum Ende des 19. Jahrhunderts unbekannt. Die meisten der rund 1000 verschiedenen Varianten sind ungenießbar und haben Kerne, an denen sich selbst gesunde Menschen die Zähne ausbeißen können. Die Indonesier benannten sogar eine heimische Sorte – Pisang Klutuk Wulung – nach dem bedrohlichen Geräusch, das ihre Kerne beim Kauen machten: »Klutuk«.

Dann geschah ein genetischer Glücksfall. Durch Mutation entstand in Südostasien eine große, süße und kernlose Banane, die im frühen 19. Jahrhundert entdeckt wurde. Die »Gros Michel« genannte Frucht hatte einen weiteren Vorteil: Alle Bananen an einem geernteten Büschel reiften gleichzeitig. Ihre Schale war dicker als die heutiger Bananen und damit weniger empfindlich beim Transport. Ihr Geschmack galt als unvergleichlich süß und cremig.
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Malte Herwig fragte sich schon lange, warum er bei Bananen nur eine Sorte kaufen kann. Während des Studiums in Mainz wohnte er als Mieter bei einem Obstbauern am Lerchenberg - und konnte jedes Jahr zwischen zwölf verschiedenen Apfelsorten wählen.

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