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aus Heft 32/2014 Politik

Eine Festung in Europa

Christoph Cadenbach  Fotos: Florian Büttner

In Berlin-Kreuzberg durften Flüchtlinge eine leer stehende Schule bewohnen. Auf die Frage, wie wir mit Asylbewerbern umgehen sollen, schien eine neue, liberale Antwort gefunden. Doch dann wurde ein junger Marokkaner von einem anderen Bewohner erstochen. Die Geschichte eines Dramas, das diesmal nicht vor Lampedusa spielt.



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Er kommt zurück. Mohamed hat immer darauf gehofft, die vergangenen neun Jahre lang. Was wollte sein kleiner Bruder Anwar bloß in Europa? Früchte ernten? Da findest du in Marokko doch bessere Arbeit und kannst eine Familie gründen, hat er ihm oft gesagt. Aber Anwar wollte nicht auf ihn hören. Jetzt wartet Mohamed am Luftfracht-Terminal des Flughafens Casablanca auf ihn.

Er hat einen Krankenwagen samt Fahrer gemietet, das Auto parkt rückwärts vor der Laderampe einer grauen Cargo-Halle. Mohamed steht daneben, knetet eine Plastikwasserflasche in seiner Hand und beobachtet das Rolltor, das noch geschlossen ist. Sein Blick ist ernst, nicht traurig. Er ist der Älteste von acht Geschwistern, 49 mittlerweile, und seit der Vater gestorben ist, trägt er die Verantwortung für die Familie Rabouli.

Mit einem Brummen öffnet sich das Rolltor, zwei Männer schieben einen Sarg hinaus, der in schwarze Plastikfolie gewickelt ist, damit kein Geruch nach außen dringt. Mohamed muss die Übergabe nur noch quittieren.

Anwar ist vier Wochen zuvor gestorben, am 25. April 2014, einem Freitag. Er wurde von einem Mann aus Gambia erstochen, vor dem Duschraum der Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg. Seit eineinhalb Jahren war dieses leer stehende Gebäude von Flüchtlingen besetzt, erst illegal, dann von der Bezirksregierung geduldet.

Die Lebensumstände in der Schule wurden von den Berliner Medien oft als Zumutung beschrieben. Es sei ein Ort außerhalb aller Kontrolle, ein »Kriminalitätsschwerpunkt«. Anwars Tod galt als tragische Zuspitzung dieser Entwicklung, und wer Schuld daran hatte, war den meisten Kommentatoren klar: der Bezirk, der seit 2006 von den Grünen regiert wird. »Ideologisch Verblendete«, die ein »Flüchtlingsghetto« errichtet haben, urteilte ein Autor in der Berliner Zeitung. Doch so einfach ist es nicht.

Zwei Monate nach Anwars Tod, im Juni 2014, wurde die Schule dann über Berlin hinaus bekannt: Mehrere hundert Polizisten belagerten das Gebäude neun Tage lang. Sie sollten es räumen, doch einige Besetzer drohten, sich dann umzubringen. Die Schule wurde zum Symbol für den Protest verzweifelter Asylbewerber. In Berlin stellt sich eine alte Frage neu: Wie wollen wir mit Flüchtlingen umgehen?

Was wollte Anwar bloß in Berlin? Mohamed dachte bis vor einer Woche, dass sein kleiner Bruder in Spanien lebt. Dann stand ein Polizist vor seiner Tür und überbrachte die Nachricht. Die Mutter ist seitdem nur noch am Weinen. Mohamed steigt in den Krankenwagen, der Fahrer rast los.

Eigentlich hatten sie Anwar schon viel früher verloren. 2005 war er illegal nach Spanien gereist; wie, hat er nie erzählt. Er war damals 22 Jahre alt. 2007 bekam er eine Aufenthaltsgenehmigung, weil er eine Spanierin geheiratet hatte, von der Mohamed nicht einmal den Namen kennt. 2011 ließ sie sich scheiden, und Anwar war wieder illegal unterwegs. Drei oder vier Mal hatte er bis dahin seine Familie in Marokko besucht und im September 2013 zuletzt bei Mohamed angerufen. Vermutlich lebte er da schon in Deutschland. Die Staatsanwaltschaft in Berlin sagt, dass Anwar unter falschem Namen einen Platz in einem Asylbewerberheim in Werdau, Sachsen, zugewiesen bekommen hatte, dort aber nie eingezogen ist. Die Mordkommission in Berlin brauchte drei Wochen, um seine Identität zu klären. Erst nachdem die Ermittler seine Fingerabdrücke nach Marokko geschickt hatten, erfuhren sie, wie der Tote heißt. Anwar hatte anscheinend gelernt, die Spuren seines alten Lebens gründlich zu verwischen.

In den vier Wochen zwischen seinem Tod und der Überführung lag er im Kühlraum eines muslimischen Bestatters in Berlin-Neukölln, und auch der sagt, dass er seit ein paar Jahren immer häufiger komplizierten Fällen wie diesem begegnet: Flüchtlinge, deren Herkunft niemand kennt, weil sie ihre Papiere weggeworfen und den Kontakt zu ihren Familien abgebrochen haben. Eine verlorene, sich verleugnende Generation. Selbst Anwars Freunde in der Gerhart-Hauptmann-Schule kannten seinen echten Familiennamen Rabouli nicht. Fünf oder sechs Monate vor seinem Tod war er dort angekommen.

Hafid hat den Streit beobachtet: Anwar steht auf dem Flur mit dem Rücken zum Duschraum, Nfamara, der Gambier, kommt auf ihn zu. Schon Minuten zuvor haben die beiden sich angeschrien. Jetzt schubst Anwar Nfamara und beschimpft ihn. Der fasst an seinen Hosenbund und hat plötzlich ein Messer in der Hand. Mehrere Male sticht er zu, Anwar stolpert rückwärts in den Duschraum hinein.

Hafids Worte überschlagen sich, wenn er von dem Streit erzählt. Er sitzt auf einer Bank auf dem Schulhof und dreht hektisch eine Zigarette. Es ist ein Abend Anfang Juni, die Zeit zwischen Anwars Tod und der Polizeibelagerung. Rechts von Hafid steht der Pavillon mit dem Duschraum, in dem die Tat geschah; links liegt der Eingang zur Schule, ein Klinkerbau, an dessen Mauern Efeu wuchert. Etwa 250 Menschen wohnen hier auf vier Etagen in 44 Räumen plus der Aula im dritten Stock. Hafid zeigt, wo er untergekommen ist.

Im Treppenhaus kleben die Schuhsohlen auf dem vor Dreck schwarzen Linoleumboden, die Wände sind mit Graffiti besprüht, in den Ecken liegt Küchenabfall: Reis und Hühnerknochen. Einige Fenster sind zerbrochen, die Toiletten gelb vom Urinstein.

Im ersten Stock leben Senegalesen, Malier und Männer aus dem Tschad, im zweiten Stock, im Mittelgang, viele Sudanesen. Wie Anwar haben sie eigentlich einen Platz in einem Asylbewerberheim irgendwo in Deutsch-land, aber 2012 sind die meisten während eines Protestmarsches nach Berlin gekommen. Damals, im Januar, hatte sich in einem Asylbewerberheim in Würzburg ein Mann aus dem Iran umgebracht, und in den folgenden Monaten demonstrierten Flüchtlinge in ganz Deutschland für eine Veränderung des Asylrechts, das sie für den Suizid des Mannes verantwortlich machten. Sie wollten nicht mehr gezwungen werden, in Heimen zu leben; sie wollten die »Residenzpflicht« abschaffen, die ihnen verbietet, einen bestimmten Umkreis ihrer Unterkunft zu verlassen; und sie wollten arbeiten dürfen. Es war der lauteste Protest, den es von Flüchtlingen in Deutschland bis dahin gegeben hatte. Im September 2012 schließlich wanderten Hunderte von ihnen zu Fuß nach Berlin, auch die Sudanesen aus dem zweiten Stock.

Ihre Heime, erzählen sie, lagen abgelegen in der Provinz. Hier wohnen sie mitten in einem pulsierenden Kiez, ganz in der Nähe des Bundestags, wo die wichtigsten politischen Entscheidungen gefällt werden. Jede zweite Woche gehen sie demonstrieren. Sie können auch selbst entscheiden, wie viele Freunde bei ihnen übernachten und wie sie ihre Zimmer einrichten, hier gibt es keinen Heimleiter, der sie kontrolliert. Wie wollen wir mit Flüchtlingen umgehen? Die Sudanesen aus dem zweiten Stock zeigen, worauf es ihnen ankommt.
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Während der versuchten Räumung der Schule war Journalisten der Zugang zum Gebäude untersagt - der Bezirk hatte dies angeordnet und wurde von den Medien dafür hart kritisiert. Einige Journalisten haben es aber trotzdem in die Schule geschafft, auf versteckten Wegen, darunter unsere Reporter Christoph Cadenbach und Florian Büttner (Fotos).

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