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aus Heft 32/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Ist es naives Gutmenschentum, gefundenes Geld dem Eigentümer zurückzugeben?

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»Ich bin Studentin und stets sehr knapp bei Kasse. Nun fand ich eine Brieftasche mit Papieren und 120 Euro Bargeld. Nach kurzer Überlegung schickte ich alles an den Besitzer zurück. Danach sagten einige meiner Freunde, ich sei naiv, es würde doch jeder das Geld behalten. Jetzt fühle ich mich irgendwie dumm. Bin ich wirklich ein ›naiver Gutmensch‹?« Jana T., Berlin



Nein, Sie sind kein »naiver Gutmensch« und auch nicht dumm, sondern ganz einfach ehrlich. Sie haben richtig gehandelt. Und ich versichere Ihnen, es ist nicht so, dass jeder das Geld behalten würde. Zwar vielleicht so mancher, aber (glücklicherweise) nicht jeder. Das Geld zu behalten, entspräche dem Prinzip Homo homini lupus, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Diesem bekannten Zitat des englischen Philosophen Thomas Hobbes zufolge verhält sich angeblich, wenn der Staat nicht ordnend eingreift, jeder Mensch seinen Mitmenschen gegenüber raubend wie ein Wolf. Das aber ist eine Gesellschaft, eine Art des Zusammenlebens, die man nicht möchte. Zumindest möchte ich sie nicht und ich vermute, Sie auch nicht.
Man könnte auch mit der goldenen Regel argumentieren, dass Sie sich auch gefreut hätten, Ihre Brieftasche mit Geld zurückzuerhalten. Aber ich glaube, es geht um mehr, eben in die Richtung, wie man möchte, dass das Zusammenleben insgesamt aussehen soll. Ich halte das für eine Voraussetzung auch des eigenen guten Lebens: Selbst so zu handeln, wie man möchte, dass die Gesellschaft aussehen soll. Nur dann lebt man ohne innere Widersprüche und auf Dauer besser.
Zudem kann man davon ausgehen – oder zumindest hoffen –, dass ein Verhalten wie das Ihre abfärbt. Ich bin der festen Überzeugung, dass derjenige, der die Brieftasche zurückerhalten hat, und andere, die davon hören, das nächste Mal ebenfalls dazu neigen, sich richtig zu verhalten. Fühlen Sie sich also bitte nicht dumm, sondern gut. Nicht im Sinne eines besonders guten Menschen oder Wohltäters, sondern in dem Sinne, ganz einfach das einzig Richtige getan zu haben. Und vielleicht wäre das in Ihrem eigenen Interesse auch ein guter Anlass, die Zusammensetzung Ihres Freundeskreises einer kritischen Überprüfung zu unterziehen.

Literatur:

Das Zitat „Homo homini lupus“ hat Thomas Hobbes in der Widmung seines Werkes De Cive formuliert. Es geht zurück auf Plautus, Asinaria 495. Dort heißt es: Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.

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