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aus Heft 33/2014 Sex

Schmerzdame

Else Buschheuer   Illustration: Yann Kebbi

Die Schriftstellerin Else Buschheuer sucht einen neuen Job unter drei Prämissen: Viel Tagesfreizeit, kein Chef, ausreichend Bewegung - und lässt sich folgerichtig zur Domina ausbilden.



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In dieser Art von Kurs gehören Männer mit Masken zum Unterrichtsmaterial.


Vier bekleidete Frauen und zwei nackte Männer in einem sonnendurchfluteten Raum irgendwo in Berlin. Eine der Frauen zeigt ihre Schätze: Latex-Fesselfäustlinge, Latexmasken (getaucht und geklebt), Latex-Ganzanzüge mit und ohne Schrittreißverschluss und Augenöffnungen. Der Clou: eine orangefarbene Kombi-Maske mit Gasmaskenfunktion, anknöpfbarer Augenbinde, Atemschläuchen mit Riechfilter und diversen Atembeuteln. »Holla, die Waldfee«, sagt die zweite Frau. »Das Ding hab ich im Netz gesehen, über 500 Euro«, sagt die Dritte. Die vierte Frau sagt nichts. Die vierte Frau bin ich.

Fast zwanzig Jahre habe ich meine Existenz von Schriftstellerei und Fernsehmoderation bestritten, jetzt kann ich davon kaum mehr die Miete bezahlen. Was also macht eine gelernte Bibliothekarin mit 48 Jahren, wenn sie viel Tagesfreizeit, keinen Chef und ausreichend Bewegung will?

»Werd doch Domina«, sagte ein Ex-Kollege, »du hast doch damals dieses Buch geschrieben.« Genau, in Ruf!Mich!An!, meinem ersten Roman, gab es ein Domina-Klischee (im Lederanzug Männer auspeitschen). Aber jenseits davon weiß ich nichts. Ich weiß nicht mal, ob der Beruf ins horizontale Gewerbe fällt. Andererseits: Prostituiert sich nicht auch ein Schauspieler, wenn er für Gage auf eine Bühne kackt? Ist nicht jeder Politiker, der sagt, was andere hören wollen, eine Nutte? Gibt nicht eine Prostituierte die Macht an den Freier ab, während die Domina Macht über ihn ergreift?

Wikipedia weiß, dass Domina ein Ortsteil der Gemeinde Krimov in Tschechien, eine rote Rebsorte und ein Begriff aus dem BDSM ist, das steht für Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism. Und dass die BDSM-Domina laut Prostitutionsgesetz als Prostituierte gilt, obwohl sie in der Regel keinen Geschlechtsverkehr mit ihren Kunden praktiziert. Was heißt in der Regel? Wo kann ich lernen, eine Domina zu sein? Das Internet wirft 379 000 Ergebnisse aus. München, Rendsburg, Stuttgart, Hamburg, Berlin. Und da heißt es immer, es gebe keine Ausbildungsplätze.

Einer der beiden nackten Männer hat eigene Fetischkleidung mitgebracht. Stolz zeigt er einen schwarzen Latexschlüpfer mit Penishülle und stöpselartigem »Innen-glied«, außerdem hat er ein Windelhöschen aus durchsichtigem Latex dabei. Auf meine Frage, warum er denn so was gern trage, antwortet er schlicht: »Ich mag Rüschen.« Der andere Mann trägt inzwischen einen schwarzen, eng anliegenden Latexanzug und führt seine maßgeschneiderte Ballonmaske vor. Sie kann nach dem Aufsetzen zu einem Hydrocephalus aufgeblasen werden. Er sieht jetzt aus wie Darth Vader.

»Genau hier«, sagt unsere Ausbilderin Esmeralda und pocht auf den Ballonkopf, »drückt die Gummimaske auf die Schläfen – das gibt nen Extra-Kick.« – »Und am Kopf ist es sowieso intensiver als am Körper«, sagt meine Mitschülerin, eine arbeitslose Kindergärtnerin, die als »Super Nanny« seit einem Jahr freiberuflich Männer verdrischt und nun die Weiterbildung macht. »Das gefällt dir, was?«, ruft ihre Mitschülerin dem Ballonmann ins Ohr. Sie ist Altenpflegerin und möchte sich als »Schwester Rabiata« mit Klinikschwerpunkt in Wuppertal niederlassen. Sie sagt: »Die alten Knacker, die geilen sich richtig am Katheterlegen auf. Warum soll ich es als Krankenschwester für 8,50 die Stunde machen, wenn ich als Domina dafür auch 250 kriegen kann?« Sie versucht immer noch, mit dem Gummimann zu reden. »Er kann dich nicht hören«, sagt Esmeralda. »Aber streichel ihn.«

Streicheln? Wir sind doch nicht im Streichelzoo. Das käme bei mir überhaupt nicht in die Tüte. Ich stelle mir mein Domina-Dasein ganz anders vor. Niemand weiß, wie ich zu erreichen bin. Eine Fama umgibt mich: Schwer zu finden, hochgeschlossen, unnahbar, eiskalt. Der potenzielle Gast würde nackt eintreten und 500 Euro in bar ablegen. Er würde mich siezen, ich ihn duzen. Er wäre bereits belehrt, dass er nur vier Sachen sagen darf: Ja, Herrin, nein, Herrin, bitte, Herrin, danke, Herrin. Ich würde ihn stumm und von allen Seiten betrachten, ihm peinigende Fragen stellen und mir
erst einmal in Ruhe überlegen, ob ich ihn überhaupt nehme. Das Geld wäre in jedem Fall mein.

Esmeralda führt jetzt verschiedene Knebel vor. Es gibt Stoff-, Ball-, Ring-, Penis- und Ballonknebel. Mir gefällt am besten der rote Ballknebel, den Bruce Willis in Pulp Fiction trägt. Esmeralda sagt: »Immer kommunizieren: So, jetzt schön Mund auf!« Der Proband macht den Mund auf. Esmeralda legt einen Knebel mit anmontiertem Gummidildo an. Der Dildo zeigt nach außen. Der Mann gleicht jetzt einem frühzeitlichen Schnabeltier. »Brav«, sagt Esmeralda und streichelt ihn. »Süß siehst du aus!« Zu uns gewandt: »Immer schön loben.«

Esmeralda erhebt nie die Stimme. Trotzdem machen alle, was sie sagt. »Vom Moment an, wo jemand das Domina-Studio betritt, ist er unter meiner Regie: Hier kommen die Klamotten hin, dort das Geld, da sind die Getränke, drüben die Dusche. Das vermittelt ihm: Erstens, hier muss ich nicht denken, zweitens, die hat hier das Sagen.« In Wirklichkeit zahlt der Mann dafür, sich von der Frau temporär schlecht behandeln zu lassen, fühlt sich aber weiter als Chef im Ring. Esmeralda ficht das nicht an. Sie geht ihrer Arbeit mit Freude nach. Sie hat, wie sie es formuliert, ihr Hobby zum Beruf gemacht. »So!«, ruft sie uns aufmunternd zu. »Ihr könnt jetzt alles ausprobieren und die Gummijungs dafür verwenden.«

Bevor ich einen der »Gummijungs verwende«, also in den Latex-Saunasack stecke, der auf dem Latexlaken des Bettes drapiert ist, möchte ich selbst ausprobieren, wie sich »Mumifizierung«, auch »Total Enclosure« genannt, anfühlt. Kreischend schließen Super Nanny und Schwester Rabiata den Drei-Wege-Reißverschluss über mir, stülpen mir eine Latexmaske auf den Kopf und schnallen mich mit vier Gurten fest. Ich fühle mich erst verwegen, nach zehn Sekunden ausgeliefert und nach einer Minute, die mir wie eine Stunde vorkommt, lebendig begraben. Ich wackele panisch in meinem Sack herum und bitte um Befreiung. Die Gummijungs kichern.

Vor zwei Monaten bin ich in eine Welt eingetaucht, in der Wörter wie »bizarr«, »kinky« und »pervers« ausschließlich anerkennend benutzt werden, in eine Welt, in der TV nicht Fernsehen heißt, sondern Transvestit, NS nicht Nationalsozialismus, sondern Natursekt, und SZ nicht Süddeutsche Zeitung, sondern Sklavenzentrale. Die zweimal drei Tage meiner Ausbildung (jeweils morgens Theorie und abends Praxis) kosten 1600 Euro. Zurzeit läuft der zweite Teil des Kurses. Zu behaupten, mein Umfeld hätte meine Umschulung mit Begeisterung aufgenommen, wäre schamlos übertrieben. Für eine im weitesten Sinne bürgerliche Frau kommt der Betrieb eines Domina-Studios nur als letzte Möglichkeit der Erwerbstätigkeit in Frage. Im Geschlechterkampf allerdings ziehe ich den Hammer dem Amboss vor, und als Schriftstellerin kann ich mich immer auf den Tatbestand der Recherche berufen.

Bei den zahlreichen Selbstversuchen meines Lebens (Wie lange halte ich es ohne Essen aus? Werde ich ohnmächtig, wenn ich einen Elektroschocker gegen mich selbst richte? Schmecken Maden unter Umständen genauso gut wie Shrimps? Steck ich mich an, wenn ich mir von einem Leprakranken Tee kochen lasse? etc.) war ich immer gleichzeitig Leiterin des Experiments und weiße Maus. Ich habe nicht viele Interessen und überhaupt keine Hobbys, aber ich bin mein Leben lang von immer derselben Frage getrieben: Was zum Teufel geht in anderen Menschen vor?

In den Sack, dem ich soeben entkommen bin, wird nun einer der Gummijungs gesteckt. Er wirkt, obwohl (oder weil?) er bereits Latexanzug, Latexhandschuhe, Latexfüßlinge und eine Latexmaske trägt, in der bizarren, anonymisierenden, entmenschten Verkleidung vollauf zufrieden. »Heavy Rubber« wird diese Herstellungsart für Zufriedenheit genannt. »Nacktheit kommt da einfach nicht ran«, sagt Esmeralda. »Ich persönlich mag es, wenn jemand was Schönes anhat, ein Halsband zum Beispiel. Oder Latex.«
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Else Buschheuer ließ sich im Zuge ihrer Ausbildung ein rotes Latexkleid schneidern. Es hängt eingepudert und mit Silikonöl gepflegt hinten in ihrem Kleiderschrank und ist bisher nicht zum Einsatz gekommen. Ansonsten verweist die Autorin auf ihr Glossar und die Grundausstattung einer Domina.

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