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aus Heft 33/2014 Gesellschaft/Leben

Luxus - Export

Christoph Cadenbach  Fotos: Jörg Brüggemann

Wohin verschwinden die Autos, die in Deutschland gestohlen werden? Von den teuren Modellen taucht ein großer Teil im fernen Tadschikistan wieder auf. Eine Reise dorthin zeigt, dass das mit vielen korrupten Zöllnern zu tun hat - und dem merkwürdigen Herrscher des Landes.


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Es ist sein Range Rover, Otto Addo erkennt ihn sofort wieder. An der Heckklappe ist bei diesem Modell normalerweise eine silberne Leiste montiert, Addo hat sie sich schwarz lackieren lassen, wie den gesamten Geländewagen. Auch die Felgen sind schwarz und die Ledersitze. An der Frontscheibe links unten klebt noch die grüne Umweltplakette, auf der das deutsche Kennzeichen HH G 2555 eingetragen ist – Addos Kennzeichen, es gibt also keinen Zweifel. 2011 hatte sich Addo den Range Rover gekauft, für rund 80 000 Euro, zwei Jahre später, im November 2013, wurde er in Hamburg vor seiner Haustür gestohlen. Auf den Fotos, die er nun vor sich liegen sieht, parkt der Wagen in einer Seitenstraße in Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans, 4700 Kilometer von Hamburg entfernt.

Otto Addo war Fußballprofi. Er hat 2002 mit Borussia Dortmund die deutsche Meisterschaft gewonnen, danach spielte er für Mainz 05 und den Hamburger SV. Seit 2010 ist er dort Cheftrainer der U19-Jugendmannschaft. Und nun ist er zufällig Teil dieser Geschichte geworden.

Ein Reporterteam des Süddeutsche Zeitung Magazins und ARD Panorama hat Addos Geländewagen am 22. Juni 2014, einem Sonntagmorgen, in Duschanbe entdeckt und fotografiert. Es war eine Reise in ein Land, das deutsche Strafverfolgungsbehörden als einen »Hauptabnehmer« für gestohlene Luxusautos bezeichnen. Ein Gutteil der hochpreisigen Wagen lande in Tadschikistan, sagen Mitarbeiter des Berliner Landeskriminalamtes, die deutschlandweit als Experten gelten; prozentual werden die meisten Autos in Berlin geklaut. Von mehr als tausend Fällen gehen die Berliner Ermittler inzwischen aus, also in Deutschland gestohlenen Autos, die nach Tadschikistan verschoben worden sind.

Ende 2013 hatte ein Bericht der Bild-Zeitung für Aufregung unter Diplomaten gesorgt. In dem Artikel ging es um 200 nach Tadschikistan verschobene Fahrzeuge. Die Mehrzahl davon befinde sich im Besitz von Personen, die wirtschaftlich und familiär mit der Familie des tadschikischen Präsidenten verbunden seien, hieß es. Der tadschikische Botschafter in Berlin sprach daraufhin von einer »Provokation«. Ein Sprecher des tadschikischen Außenministeriums sagte, dies sei »ein Versuch, dem Image Tadschikistans einen Schlag zu verpassen«.

Bis dahin war das zentralasiatische Land kaum in den deutschen Medien erwähnt worden. Es erschienen ein paar Reisereportagen, in denen die spektakuläre Landschaft beschrieben wird: Der größte Teil Tadschikistans ist von Bergketten durchzogen, 6000, 7000 Meter hoch, besonders der Osten des Landes, wo das Pamir-Gebirge in den Himalaja übergeht. Tadschikistan grenzt im Osten an China und im Süden an Afghanistan. Diese geografische Lage hat es zum Transitland für den Opiumschmuggel gemacht. Als 1990 die Sowjetunion zusammenbrach, erklärten die Tadschiken ihre Unabhängigkeit. Es folgte ein dreijähriger Bürgerkrieg; seit dessen Ende regiert bis heute derselbe Mann das Land: der Staatspräsident Emomalii Rahmon.

Wie kommen in Deutschland gestohlene Luxusautos nach Tadschikistan? Und warum haben die neuen Besitzer offenbar keine Angst, dass ihnen die Fahrzeuge von den tadschikischen Behörden abgenommen und zurück nach Deutschland gebracht werden könnten? Sie machen sich ja nicht einmal die Mühe, die Umweltplakette mit dem deutschen Kennzeichen von der Frontscheibe zu kratzen.

Otto Addo wohnt am Stadtrand von Hamburg, in Poppenbüttel, einer Gegend mit vielen Einfamilienhäusern, deren üppig bepflanzte Vorgärten den Blick vom Haus auf die Straße behindern. Lukas Paksas würde diese Gegend einen »perfekten Ort« nennen. Paksas war Autodieb und sitzt deswegen nun in Berlin im Gefängnis. Dreieinhalb Jahre hat er bekommen, es ist nicht seine erste Haft. Insgesamt acht Jahre hat der 32-Jährige hinter Gittern verbracht, in Deutschland und in Litauen, seinem Heimatland. Lukas Paksas ist nicht sein echter Name, er möchte auch nicht fotografiert werden.

Die beste Zeit für einen Autodiebstahl sei werktags zwischen zwei und vier Uhr nachts, sagt er, an Wochenenden ein wenig später. Wenn die Besitzer dann morgens ihr Haus verlassen, sei ihr Wagen längst über die Grenze in Polen – und eine Anzeige komme viel zu spät. Auch Otto Addo ist sein Range Rover über Nacht gestohlen worden, und als er am nächsten Tag zur Polizei ging, sagten die Beamten, er sei nicht das erste Opfer, das heute zu ihnen komme. Es war wohl eine Bande in Poppenbüttel unterwegs.

Paksas war Teil einer solchen Bande. Sein Heimatland Litauen gilt bei europäischen Polizeibehörden als Drehkreuz für Autodiebstahl und Hehlerei. 2007 ist Paksas nach Berlin gezogen, um dort die Diebstähle zu organisieren, erzählt er. »Ich habe von Zeit zu Zeit einen Anruf aus Litauen bekommen, und meine Partner haben mir gesagt, welche Modelle sie gerade suchen.« Dann ist er nach Charlottenburg, Zehlendorf oder Grunewald gefahren, wo die Straßen ruhig sind und die Menschen Geld haben. Sobald er sicher war, dass der Wagen, der ihn interessiert, jeden Abend in derselben Straße geparkt stand, kontaktierte er einen Kurier und einen Computerspezialisten. Moderner Autodiebstahl funktioniert arbeitsteilig und ist technisch anspruchsvoll.

Rund 18 000 Pkw wurden 2012 in Deutschland gestohlen, 2002 waren es noch knapp 35 000. Die Zahlen sind seit Jahren rückläufig, allerdings nimmt die Schadensumme, die den Versicherungen entsteht, nicht im gleichen Maße ab. Das bedeutet: Es werden weniger Autos geklaut, aber dafür teurere.

Das höchste Diebstahlrisiko tragen im Moment Besitzer eines BMW. Vor allem der X6, ein Geländewagen, ist bei Dieben beliebt und führt die Rangliste der meistgeklauten Autos an: Von 1000 kaskoversicherten Fahrzeugen wurden 2012 rund 26 gestohlen. Der Durchschnittswert aller Pkw in Deutschland liegt bei 0,5 pro tausend Autos.

Der X6 ist im Inneren mit allerhand Computertechnik ausgestattet, die einen Diebstahl eigentlich verhindern soll, einer elektronischen Wegfahrsperre zum Beispiel. Autodiebe wie Paksas haben aber Wege gefunden, die Technik für ihre Zwecke zu nutzen. Das Handwerkszeug dafür können sie im Internet bestellen, so einfach wie ein Buch bei Amazon. Auf der Seite eines bulgarischen Anbieters etwa gibt es einen »Jammer« für verschiedene BMW-Modelle zu kaufen. Dieses Gerät kann die Funkverbindung zwischen Schlüssel und Auto stören. Wenn der Fahrzeugbesitzer seinen Wagen verlässt und per Knopfdruck aus der Ferne die Türen verriegeln will, passiert: nichts. Die Türen bleiben offen. Es blinkt auch nicht, aber wenn der Besitzer unaufmerksam ist, bemerkt er dies nicht. Die häufigste Methode, um in ein Auto einzubrechen, ist aber immer noch der Weg über den Schließzylinder an der Fahrertür, der mit einem Schraubenschlüssel aufgehebelt wird, das sagen sowohl Paksas als auch die Ermittler vom Berliner LKA.

Im Fahrzeuginnenraum nutzen die Diebe die On-Board-Diagnose-Buchse, die sich meistens unter dem Lenkrad befindet, um per Computer in das elektronische System des Wagens einzudringen. Über diese Buchse werden in der Autowerkstatt normalerweise die Fahrzeugdaten ausgelesen: Abgaswerte, Reifendruck, Fehlermeldungen. Die Diebe schaffen es, über diese Verbindung einen neuen Schlüssel für das Auto zu programmieren. Nach ein paar Sekunden können sie den Wagen starten.
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Auch Christoph Cadenbach begegnete in Duschanbe der behördlichen Querfinanzierung: Ein Polizist erbot sich, ein Foto von ihm zu machen - als das Bild geschossen war, wollte er zwanzig Somoni dafür, drei Euro. Cadenbach zahlte. Über den Weg der gestohlenen Luxusautos nach Tadschikistan ist auch ein Fernsehbeitrag entstanden. Sie finden ihn auf der Internetseite unserer ARD-Kollegen unter www.panorama.de