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Kino/Film/Theater 13. August 2014

»Die meisten Prachtkerle sind tot«

Peter Bogdanovich (Interview) 

Sein Leben lang hat Peter Bogdanovich männliche Regisseure interviewt. Keine Schauspieler, keine Frauen. Für das SZ-Magazin machte er im Jahr 2002 eine Ausnahme: Sein Gespräch mit Lauren Bacall fand in ihrem New Yorker Apartment auf der Upper West Side von Manhattan statt. An zwei Tagen, insgesamt sieben Stunden lang. Dieses Interview erschien am 16. August 2002 im SZ-Magazin. Anlässlich ihres Todes am 12. August 2014 veröffentlichen wir es erneut.




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Peter Bogdanovich: Deinen ersten Vertrag als Schauspielerin hast du bei Howard Hawks bekommen.

Lauren Bacall: Ja. Charlie Feldman, ein Partner von Howard, war mein Agent, er bekam fünfzig Prozent meiner Gage. Äußerst fair, nicht wahr?

Das war typisch Hollywood.
Dass so was legal war, ist das Sensationelle daran. Ich unterschrieb einen ellenlangen Vertrag, der mir nichts gab und ihm alles. Unglaublich. Ich hab ihn aufgehoben. Aber ich bekam nichts zu spielen. Ich traf Howard immer mal - er nahm mich in seinem Auto zum Essen mit oder wohin auch immer und erzählte mir, wie er mit Carole Lombard umsprang, wie er ihr sagte: "So musst du diese Szene spielen. Du musst spielen, als wärst du ein Mann." Wie er Rita Hayworth am Arm nahm und dies und jenes machte... Er setzte sich natürlich immer durch. Die anderen hatten Unrecht, er hatte Recht. Und von allem, was er sagte, war er felsenfest überzeugt. "Mach Sprechübungen, lies laut. Achte darauf, dass deine Stimme gesenkt bleibt. Es gibt nichts Schlimmeres als eine Frau, die die Stimme hebt, wenn sie sich aufregt."

Arbeit gab er dir erst mal keine?
Nein. Ich war ganz frustriert und wild aufs Spielen. Endlich plante Howard einen Film über Leute, die in Russland aus dem Flugzeug geworfen werden. Ich sollte ein russisches Mädchen spielen und hab mir schon mal zur Probe Zöpfe geflochten. Er hatte die blödsinnigsten Einfälle.

Wie ist Howard auf die Idee gekommen, dich Lauren zu nennen?
Das weiß ich nicht mehr - vor dem ersten Film. Als Fotomodell war ich noch Betty. Aber diese Karriere war sehr kurz. Ich war nie ein gutes Modell.

Dein Foto für Harper's Bazaar ist dennoch sehr berühmt geworden. Wie kam es dazu?
Über Freunde bekam ich einen Termin bei Diana Vreeland, die Anfang der vierziger Jahre noch als Moderedakteurin arbeitete. Ich war ein Kind. Eigentlich glaubte ich gar nicht an mich. Meine Mutter musste mir immer Mut machen. So was sitzt tief, das kann man nicht so leicht verstecken.
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Bei mir hättest du jeden Vorstellungstermin bestanden.
Ich schaffte es ja bei vielen. Aber jetzt bin ich so alt, dass es mir egal sein kann. Die Geschichte mit Harper's Bazaar hätte jedenfalls nicht besser laufen können. Zum Fototermin fuhren wir drei Tage nach Florida. Diana musste meiner Mutter versprechen, dass ich nicht mit irgendeinem Kerl durchbrennen würde. Ich war noch unschuldig, hatte keine Ahnung von Männern. Auf der Rückfahrt, es war Krieg und der Zug voller Soldaten, bekamen wir keine Liegeplätze. Diana gab sich als meine Mutter aus und behauptete, ich sei schwanger. "Vergiss nicht, wer du bist", sagte sie zu mir. "Jetzt hast du deine Chance als Schauspielerin."

Du bist öfter in Harper's Bazaar aufgetaucht.
Etliche Male. Diana hat viel für mich getan. "Betty Bacall, Schauspielerin" hat sie unter die Bilder geschrieben, das war ganz toll von ihr. Sie war eine faszinierende Frau. Ein Arbeitstier, sehr exzentrisch, aber eine echte Persönlichkeit. Dann haben sie mich aufs Cover gebracht.

Und so begann deine Karriere?
Jemand hat die Fotos Hawks gezeigt. "Na, vielleicht probier ich's mal mit ihr", soll er nicht allzu begeistert gesagt haben. Ich wurde aber zu Probeaufnahmen eingeladen. Zur selben Zeit hatte ich allerdings ein Rollenangebot für Es tanzt die Göttin [1944]. Columbia brauchte eine ganze Schar von Mädels für den Film mit Rita Hayworth und Gene Kelly. Mein Onkel Charlie sagte: "Halt dich lieber an Hawks. Ein großer Regisseur." Ich hatte nie von ihm gehört.

Howard Hawks hat dich also nur gesehen und dann entdeckt.
Nein, Charlie Feldman. Er und Hawks holten mich vom Zug in Los Angeles ab. Im selben Zug saß [der Schauspieler] Red Skelton, den ich nicht kannte, der ein Auge auf mich geworfen hatte und mir einen Antrag machte.

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