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aus Heft 37/2014 Wirtschaft/Finanzen

Flaschengeld

Lars Reichardt  Illustration: Jean Michel Tixier

Sie trinken Whisky? Dann gehen Sie an die Sache ganz falsch heran.

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Na bitte, geht doch. Endlich mal ein Anlagetipp, der leicht nachzuvollziehen ist. Selbst von Leuten, die nichts von Futures oder geschlossenen Immobilienfonds verstehen: Whisky aus Schottland, Single Malt, unverschnitten aus einer Brennerei. In ganz normalen Glas-flaschen, am besten den ganzen Keller voll.

Er wird nicht schlecht, er ist einfach zu lagern, viel einfacher als Wein: stehend, nicht im Liegen, nur dunkel sollte es sein, trocken und zwischen 8 und 16 Grad kühl. Frappierend an diesem Investment ist vor allem, dass es kaum schiefgehen kann. Jede Flasche, die irgendwo auf der Welt geöffnet wird, steigert automatisch den Wert jeder weiteren verschlossenen Flasche derselben Brennerei.

Die Angst vor der großen Wirtschaftskrise treibt die Anleger zum Whisky. Die richtig große Krise steht nämlich erst noch bevor, und der Euro verschwindet über kurz oder lang: Da sind sich einige Ökonomen sicher. Auch Matthias Weik und Marc Friedrich, die sich im Klappentext ihres Buches Der Crash ist die Lösung: Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten damit brüsten, schon frühere Wirtschaftskrisen vorausgesagt zu haben. Sie schreiben: Die Flucht in Sachwerte habe bei moderner Kunst zu Rekordpreisen und bei Immobilien zu Blasen geführt, bei Whisky zu beidem noch nicht. Wer sich vor der drohenden Superinflation nach dem Zusammenbruch retten wolle, sollte sich einige Flaschen in den Keller legen. Schon die günstigsten für dreißig Euro erfüllten ihren Zweck.

Klingt zu schön, um wahr zu sein? Süffige Metaphern liegen einem auf der Zunge. Aber die beiden Autoren sind nicht die einzigen Whisky-Liebhaber unter Ökonomen. Sogar die Wirtschaftswoche rät neben Steiff-Teddys zu Single Malts – ab 100 Euro für Flaschen aus den namhaften Destillerien könne man kaum etwas verkehrt machen: Macallan, Glenmorangie, Lagavulin, Bowmore, Ardbeg.

Ganz so einfach ist es dann natürlich doch nicht. Glenmorangie etwa füllt jedes Jahr rund drei Millionen Liter Whisky ab, den billigsten, The Original, »unlimitiert« und ohne Ausgabejahreszahl. Man bekommt ihn für etwa dreißig Euro, und es gibt viel zu viel davon, als dass sein Preis steigen könnte. Selbst jetzt nicht, da die Chinesen nach dem Rotwein auch den Whisky für sich entdeckt haben. Weniger wird ein Original allerdings auch nicht wert. Erst recht nicht, falls es irgendwann mal wieder zu einer nennenswerten Inflation kommen sollte. Auch nicht, wenn Schottland nächste Woche für seine Unabhängigkeit stimmt, was die Preise wahrscheinlich leicht steigen ließe.

Interessanter für Sammler und Investoren sind limitierte Sonderabfüllungen wie die Glenmorangie Private Edition. Die Destillerien geben sie mit Jahreszahl und in begrenzter Menge aus. Der Handel kann die Preise frei gestalten. Der Ardbeg Auriverdes kam erst im Frühjahr auf den Markt und liegt im Wert jetzt schon 70 bis 100 Prozent über seinem Ausgabepreis. Barkeeper raten deshalb grundsätzlich zu Whisky aus kleinen Brennereien. Alte Single Malts werden teilweise vierstellig gehandelt, in Ausnahmefällen sechsstellig.

Etwas weniger als 100 Brennereien gibt es in Schottland. Einige mussten in den vergangenen 250 Jahren schließen. Littlemill ging 1994 in die Insolvenz. Die letzten Flaschen kommen erst jetzt in den Handel. Der 21-jährige Whisky soll nur wenig über 100 Euro kosten. Sammler hoffen, dass sich der Preis in fünf Jahren verdoppelt hat.

Selbst leere Flaschen werden unter Sammlern versteigert. Für eine 4,5-Liter-Flasche Galileo von Ardbeg kann man auf Auktionsplattformen wie whiskyauction.com oder Ebay ein-, zweihundert Euro bekommen. Der Markt ist sogar für Fälscher interessant geworden: Sie kaufen leere Flaschen von Sonderabfüllungen und gießen billigen Fusel nach.

Investoren schicken inzwischen Barkeeper, die sich mit Whisky auskennen, zu Auktionen oder beauftragen sie als persönliche Anlageberater. Es sind schlechte Zeiten für einfache Sammler, die Anleger verderben ihnen die Preise. Schlechte Zeiten auch für Trinker.
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Lars Reichardt gönnt sich in schwierigen Lebenslagen in der Münchner Bar »Les Fleurs du Mal« den irischen Whiskey »Writers Tears«.

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