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aus Heft 37/2014 Gesellschaft/Leben

Nass und Gewalt

Patrick Bauer  Fotos: Andy Kania

Messer, Prügel, Polizeieinsätze: Das Columbiabad in Berlin-Neukölln ist das berüchtigtste Freibad Deutschlands. Aber die Bademeister geben noch nicht auf.


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Donnerstag, 18. Juli


Wenn der Schwimmmeister Sven Ahrend, den jeder »Zven« ruft, weil das hier Berlin ist, wissen will, wie viele Sicherheitsleute er anfordern muss, schaut er auf den Wetterbericht. Wird heiß am Wochenende. Überwiegend sonnig und trocken, 28 bis 32 Grad, das macht acht bis zwölf Sicherheitsleute morgen. Zwanzig am Samstag. Au Mann, sagt Sven.

Au Mann, weil: 28 bis 32 Grad, das ist richtiges Badewetter, endlich mal wieder, hat ja nur geregnet seit Pfingsten, sie liegen deutlich unter Vorjahresschnitt, achtzig-, hunderttausend Badegäste brauchen sie pro Sommer. Au Mann aber auch, weil: 28 bis 32 Grad, das ist richtiges Idiotenwetter, hatten sie erst an Pfingsten, eine Hitze, die den Leuten das Hirn durchbrutzelt. Die Presse wartet auf die nächste Schlagzeile, sagt Sven. Letztes Mal haben sie geschrieben: »Anarchie am Sprungturm«.

An Pfingsten musste die Polizei das Bad, das jeder »Batt« nennt, weil das hier Berlin ist, am Sonntag, am Montag und am Dienstag räumen. Sven war nicht da, was nicht heißen soll, dass die Sache nicht passiert wäre, wenn er da gewesen wäre. Um die hundert Jungs hatten an einem Abend den Sprungturm gestürmt, gegen 19 Uhr, eine Stunde vor Badeschluss. Sie sprangen vom Einer, vom Dreier, vom Fünfer, vom Zehner, der in Wahrheit nur neun Meter noch was hoch ist. Durcheinander. Aufeinander. Köpper. Arschbomben. Lebensgefährlich. Die Kollegen hatten keine Chance. Die Security auch nicht, was dürfen die schon, wenn es hart auf hart kommt.

Auf Youtube gibt es von diesem Abend ein Video mit dem Namen »Sommerbad Neukölln Junge schlägt Bademeister«, man sieht in 41 wackligen Sekunden, wie ein Kollege auf dem Einer steht und die Knallköppe festhalten will. Ausgerechnet der Kollege, der ein bisschen was auf den Hüften hat. Opfer, Kartoffel, was die so sagen. Das Gejohle von allen Seiten war schlimm, sagt er. Die Schläge mit den Flipflops, kein Drama, kann er ab. Mehr als 6000 Klicks hat das Video. Er ist ein Star, ruft Oli, noch so einer von denen, die dabei waren an Pfingsten. Jetzt mal im Ernst, sagt Sven, da hört der Spaß auf, im Batt gilt das Grundgesetz und die Haus- und Badeordnung, und mindestens Letztere wurde missachtet. Also gab es nur eine Lösung: Polizei. Alle raus. Mal wieder. Das Revier liegt um die Ecke, den Columbiadamm hoch, Direktion 5, Abschnitt 52, die wissen gleich Bescheid.

Einer der Turmbesetzer schlug einen Beamten und wurde in Handschellen abgeführt. Ansonsten: paar Hausverbote. Paar Anzeigen. Oli war auf der Wache, um seine Aussage zu machen. Typisch Oli, er ist selber ein bisschen ausgetickt, als die Kids ihn bedrängt haben. Er sagt, er habe sie in der Intensivstraftäter-Kartei alle wiedererkannt, die Stammgäste, die Dauernerver, die ganze Bagage, die das Columbiabad bevölkert, das »Culle«, wie sie sagen, die alten und die neuen Neuköllner. »Culle« reimt sich auf »Schulle«, Berlinerisch für Schultheiss, ein Bier, das mehr knallt als schmeckt und das hier am Kiosk ab frühmorgens in die Plastikbecher gezapft wird. »Culle«, das klingt auch wie ein guter Kumpel. Bloß: So wie die sich im »Culle« aufführen, so behandelt man keinen Kumpel.

Oli hat es noch am Pfingstabend, als endlich alle draußen waren, der Chefin ins Gesicht gesagt: Wenn dit so weiterjeht, dann streiken wir. Seit diesem sonnigen, schwarzen Pfingstwochenende, an dem die Familien hastig ihre Decken und Tupperdosen einpackten, weil die Polizistenstiefel über die Liegewiese trabten, hängt am Eingang, der mit seinen hohen Gittern aussieht wie eine EU-Außengrenze, ein kleines Schild, fast versteckt, auf dem in schnörkeliger Handschrift »Familienbad« steht. Es gibt den Wachleuten, auf deren breiten Rücken SICHERHEIT steht, die Möglichkeit, jeden Be-
sucher abzuweisen, der nicht mit seiner Familie kommt. Manche Jungs bringen nun ihre Mütter mit, und die Mütter drehen wieder um, sobald die Jungs im Bad sind. Aber die Sicherheitsmänner kennen die Gesichter der ganz Üblen.

Natürlich hat auch die AfD das Video von Pfingsten gepostet. Natürlich hat irgendein linker Politiker gesagt, dass es nicht okay sei, ganze Personengruppen unter Verdacht zu stellen. Ein unfreies Freibad! Selektion nach Herkunft! Fakt ist, sagt Sven, neunzig Prozent hier haben einen Migrationshintergrund, die meisten denselben, wie soll man sagen: arabisch, vor allem Libanesen, außerdem viele Türken, natürlich hat dann von den Stressmachern die überwiegende Mehrheit einen Migrationshintergrund – und kommt nicht mehr rein. Seit Jahren sorgt das Columbiabad für Diskussionen. Sven kannte das Bad ja auch schon aus einer VOX-Doku, bevor er hier anfing. Schreckensmeldungen aus dem Columbiabad gehören zum Berliner Sommer wie Pommes rot-weiß zum Columbiabadbesuch: »Waffen, Randale: So brutal badet Berlin«, »Clan drohte: Wir machen das Columbiabad platt«, »Bei Schwimmbad-Randale soll der Imam schlichten«. Es geht ihnen gehörig auf die Nerven, sagt Sven, ist nicht alles aus der Luft gegriffen, aber hier ist nicht jeden Tag Krieg.

So was Krasses ist hier nicht Normalität.
Aber die Normalität ist hier krass.

Ey, Herr Bademeister Zven, ich möschte eine Anzeige machen!
Was für eine Anzeige?
Gegen einen von Ihren Kollegen.
Ich bin nicht die Polizei.
Aber ich möschte mich beschweren.
Um wen geht’s denn?
Um Hitler!
Bitte?
Der aussieht wie Hitler! Mit Bart!
Was soll der gemacht haben?
Er hat voll die Pädo-Zeichen gemacht.
Was sind denn Pädo-Zeichen?
Pädophile Zeichen!
Was soll das sein?
Voll die Anspielungen und so. Voll geguckt hat der!

An diesem ersten heißen Wochenende seit Pfingsten also, 28 bis 32 Grad, zwölf bis 20 Securitys, wird sich zeigen, ob das neue Konzept funktioniert. Familienbatt. Das ist der Test, sagt Sven. Die Frage ist, wie es weitergeht mit dem Sommerbad Neukölln, so der offizielle Name, zwischen Tempelhofer Feld und Hasenheide gelegen, mit 83-Meter-Rutsche, 50-Meter-Schwimmbecken, Babybecken und Wasserpilz. 1951 eröffnet zur Abkühlung für die Nachkriegsbengel. Ist viel passiert seitdem. Nebenan landen keine Rosinenbomber mehr, da steht jetzt eine Moschee.

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Nach fünf Tagen Recherche im Freibad wollten Patrick Bauer und der Fotograf Andy Kania zum ersten Mal vom 10-Meter-Turm springen. Vor Publikum trauten sie sich nicht. Als sie abends all ihren Mut zusammennahmen, wurden sie von den Bademeistern enttäuscht: Das Becken wurde gerade gechlort.