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aus Heft 37/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Im Restaurant will sich unser Leser mit seinen Freunden die Essensrechnung teilen. Plötzlich zieht einer einen Rabattcoupon aus der Tasche - und behauptet, dass damit sein Anteil beglichen ist. Rechnerisch ist das OK. Aber ist es auch fair?

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Was ist Ihr Freund mit dem Rabattcoupon von Beruf? Ökonom oder Psychologe? Dann könnte es sein, dass Sie unfreiwilliger Teilnehmer eines Experiments geworden sind. Denn die Konstellation erinnert an einen mittlerweile klassischen Versuch in der experimentellen Wirtschaftsforschung.

Beim Ultimatum-Spiel bekommt ein Mitspieler einen Geldbetrag, von dem er einen von ihm zu bestimmenden Teil dem anderen Mitspieler abgeben muss. Der andere Mitspieler kann ihn annehmen – oder ablehnen, dann bekommt keiner von beiden etwas. Wären beide Spieler rein rational, würde der erste Spieler möglichst wenig abgeben, also vielleicht einen Cent, weil er dann am meisten behält, und für den anderen wäre ein Cent immer noch besser als gar nichts. Am fairsten wären 50 Prozent, und zwei Drittel der Vorschläge liegen zwischen 40 und 50 Prozent. Nur vier von hundert Versuchspersonen bieten weniger als 20 Prozent. Berechtigterweise, denn die Ergebnisse zeigen, dass schon mehr als die Hälfte aller Angebote von unter 30 Prozent als unfair abgelehnt werden, obwohl dann beide nichts bekommen.

Ihre verärgerte Reaktion entsprach diesen Ergebnissen: Ihr Freund hatte einen Coupon, der ihm allein 20 Prozent auf sein Essen erbracht hätte. Nur weil Sie mit ihm gemeinsame Rechnung machten, bekam er 100 Prozent. Sie, die anderen, aber haben, rechnet man es nach, wenn Sie zu fünft waren, gar keinen Rabatt erhalten, zu zehnt jeweils ungefähr elf Prozent, jedoch immer weniger als 20 Prozent.

Überträgt man die Ergebnisse des Ultimatum-Spiels auf Ihren Fall, gehört der Couponbesitzer, wenn er für sich den vollen Rabatt beansprucht und Ihnen höchstens 20 Prozent zugesteht, statistisch zu den vier Prozent geizigsten Menschen. Und darüber darf man sich ärgern – besonders im Freundeskreis.
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Literatur:
Martin A. Nowak, Karen M. Page & Karl Sigmund, Fairness Versus Reason in the Ultimatum Game, Science 2000, Volume 289, S. 1773-1775
Karl Sigmund, Ernst Fehr und Martin A. Nowak, Teilen und Helfen - Ursprünge sozialen Verhaltens, Spektrum der Wissenschaft 2002, S. 52-59
Ernst Fehr & Urs Fischbacher, The nature of human altruism, Nature 2003, Volume 425, pp. 785-791
Ernst Fehr & Simon Gächter, Altruistic punishment in humans, Nature 2002, Volume 415, pp. 137-140
Jesse J. Prinz & Shaun Nichols, Moral Emotions, in: John M. Doris & the Moral Psychology Research Group, The Moral Psychology Handbook, Oxford University Press, Oxford 2012, pp. 111-146, esp. pp. 129ff.



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