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aus Heft 38/2014 Männer

»Ich bin immer noch ein Punk, nur habe ich jetzt einen Schneider«

Gabriela Herpell (Interview) 

Der große Melancholiker Nick Cave spricht über Freude.

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Nick Cave hat sich das Leben und die Menschen immer ganz genau angeschaut und anschließend darüber gesungen. Natürlich fielen die Lieder eher düster aus. (Foto: Rapid Eyes Movies)


SZ-Magazin: In 20 000 Days on Earth, einem Film mit Ihnen und über Sie, geben Sie offen Auskunft über sich selbst. Sie werden sogar in einer Therapiesitzung gefilmt. Ihr echter Therapeut?

Nick Cave: Das ist natürlich Fake. Die Gesprächsszenen im Film sind alle konstruiert. Nur so konnte ich überhaupt über mich reden. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre interviewt und gefilmt worden, während ich die Hecke in meinem Garten schneide, hätte ich das schwierig gefunden. Und so antworte ich sehr ehrlich, aber es fühlt sich nicht echt an, sondern als würde ich etwas im Film sagen.

Und der Therapeut ist Schauspieler?
Wieder nein. Er ist ein echter Psychotherapeut. Freudianer. Aber die Praxis ist ein Filmset. Wir haben uns hingesetzt und angefangen zu reden. Wir haben zwei Tage geredet, zehn Stunden am Tag.

Wurde also doch eine Art Therapie daraus?
Es war eine Freude, mit dem Mann zu reden. Er ist klug. Sehr viel klüger als die meisten Therapeuten, denen ich bisher begegnet bin.

Und Sie sind schon vielen Therapeuten in Ihrem Leben begegnet?

Einigen, ja. Ich bin bei keinem geblieben. Ich war ja meistens bei Therapeuten, um die Leute zu beruhigen, die Angst um mich hatten. »Ach, keine Sorge, ich gehe in Therapie«, das war so mein Spruch. So konnten sich alle gegenseitig sagen: Es wird schon gut gehen, er ist ja in Therapie.

Guter Trick. Haben Sie Therapie nie ernst genommen?
Na ja, ich bin wirklich hingegangen und habe mit den Therapeuten geredet. Aber es hat nie richtig gewirkt. Einmal war ich fünf Wochen lang bei einem Jungianer, das war bis jetzt der klügste Mann, mit dem ich je in einem Raum gesessen habe. Er hat sich für mich in dem Sinn gar nicht interessiert, nur für meine Träume. Was er daraus gezogen hat, war allerdings wirklich aufregend.

Hat Ihnen das Einsichten über sich selbst verschafft?
Ich fand es vor allem interessant. Und vielleicht hat es mir auch Einsichten verschafft. Aber ich weiß bis heute nicht, ob diese Einsichten hilfreich waren.

Sie wirken ausgeglichener als früher. Fröhlicher.
Tatsächlich? Ich bin immer noch ein Punk. Ich habe jetzt nur einen Schneider.

Sie sind verheiratet, haben Kinder, nehmen kein Heroin mehr. Haben Sie nicht mehr Freude im Leben als früher?
Ich weiß nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Ich betrachte mein damaliges Leben nicht als traurig. Ich hatte Spaß. Ich hatte dunkle Zeiten, aber jeder hat mal dunkle Zeiten. Jeder sollte dunkle Zeiten haben.

Echt?
Ach, ich habe keine Lust auf diese Story: Er war drogensüchtig und Gott, waren das harte Zeiten. Dann kam er runter, blieb clean, und jetzt ist alles super, Freude, Sonnenschein. Das ist in keiner Weise wahr. Erstens würde ich damit zwanzig Jahre meines Lebens diskreditieren, in denen ich Kinder bekommen und Lieder geschrieben und Frauen geliebt habe. Das Leben ist komplexer als eine solche Formel. Es kann weh tun und dabei schön sein.

Und zweitens?
Zweitens leide ich die gleichen Qualen wie früher, wenn ich Songs schreibe. Sicher, ich nehme kein Heroin mehr, das macht vieles leichter. Aber ich habe gute Tage und ich habe schlechte Tage. Ich habe viele gute Tage.

Hat es Spaß gemacht, Drogen zu nehmen?
Auf jeden Fall. Aufzuhören war kein Spaß. Ich habe lange dafür gebraucht, und es war sehr hart.

Vorstellbar, dass Sie jetzt ein Glas Wein trinken?

Wahrscheinlich schon. Aber ich habe keine Lust, es auszuprobieren. Es macht mir nichts aus, nichts zu trinken. Ich rauche gelegentlich eine Zigarette, obwohl die Leute sagen, ein Suchtmensch könne kein Gelegenheitsraucher werden.

Vielleicht sind Sie aus der Sucht herausgewachsen?

Man sagt, dass das nicht geht.

Wovon hängt es ab, ob ein Tag gut oder schlecht wird?

Ich habe vor langer Zeit festgestellt, dass meine Stimmungen nicht von außen beeinflusst werden. Sie sind in mir, egal was um mich herum geschieht.

Im Film sagen Sie selbstbewusst: »Ich könnte das Wetter mit meinen Stimmungen kontrollieren. Aber meine Stimmungen kann ich nicht kontrollieren.« Soll man das glauben?
Das können Sie glauben. So etwas würde ich natürlich im normalen Gespräch nie sagen. Das ist ein Satz, den ich für den Film geschrieben habe. Aber ich fand es toll, solche aphoristischen Sätze zu sagen, die mir im Gespräch sonst nicht einfallen.

Kann das Wetter Ihren Stimmungen etwas anhaben?
Natürlich. Zum Beispiel die Jahre in Berlin. Man kann nicht in Berlin leben und das Wetter nicht wichtig finden. Die Winter dort sind unfassbar. Ich habe mich gefragt, wie Deutschland solche Winter überhaupt zulassen kann. Man hätte Berlin doch eine Mütze überziehen können, um es etwas zu wärmen. Aber insgesamt nervt mich dieses ganze In-Sich-Reingehöre. Irgendwann habe ich beschlossen, dass Gefühle mich nicht mehr interessieren.

Was meinen Sie jetzt damit?
Ich erlaube meinen Gefühlen nicht mehr, mich an meiner Arbeit zu hindern. Das macht im Grunde jeder so, nur Künstler nicht. Jemand, der morgens seinen Laden aufmacht, fragt sich ja nicht beim Aufwachen: Fühle ich mich nach Arbeit heute? Nur das habe ich gemeint: Ich stehe morgens auf und gehe an die Arbeit, egal wie es mir geht.

Der Mann, der im Geschäft steht, erzählt vielleicht den Leuten, die einkaufen kommen und fragen, wie es ihm geht: Nicht so gut.
Okay. Vergessen wir den Typen, der im Laden steht. Der Chirurg. Der Chirurg muss operieren, ohne dass Gefühle oder Stimmungen seine Arbeit beeinflussen. So fühlt es sich für mich an.

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Gabriela Herpell hatte den Roman Und die Eselin sah den Engel von Nick Cave dabei, um sich eine Widmung von ihm zu holen. Cave schlug das Buch auf und fand auf Seite 32 ein Lesezeichen. »Sind Sie nur so weit gekommen?«, fragte er und grinste. »Trösten Sie sich: Ich kennen niemanden, der weiter gekommen ist.«

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