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aus Heft 39/2014 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Ist man zu Recht verärgert, wenn man mittels einer automatischen Abwesenheitsnotiz dazu aufgefordert wird, sein Anliegen nochmal vorzubringen, wenn der Empfänger aus dem Urlaub zurück ist?

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»Bei einer der vielen automatischen Antwortmails wegen Urlaubs las ich nach dem Hinweis auf die Dauer der Abwesenheit: ›Bitte senden Sie mir Ihr Anliegen danach erneut zu.‹ Einerseits ist das sinnvoll, weil sich vieles von allein erledigt haben wird, andererseits fühle ich mich düpiert, weil man sich lapidar weigert, mein Anliegen anzunehmen. Zu Recht?« Franz H., Weilheim

»Kill your mails before they kill you«, könnte man die Diskussion überschreiben, die es gerade um das Nichtannehmen von E-Mails gibt. In manchen Firmen werden abends die Server abgeschaltet, damit die Mitarbeiter nach Dienstschluss ihre Ruhe haben. In anderen können die Betroffenen entscheiden, ob sie nach dem Urlaub ein leeres Postfach vorfinden wollen, die Mails also gelöscht werden. Das erscheint sinnvoll, weil sich vieles von allein erledigt und zudem jegliche Urlaubserholung rasant verfliegt, wenn man tagelang nur noch Mailstapel abarbeitet. Andererseits zeigen Sie die Kehrseite auf: Dem Gegenüber wird zugemutet, sich noch einmal zu melden, die Annahme seiner Mail schlicht verweigert. Ist das vertretbar?

Das Problem gründet nicht nur in der apokalyptischen Mailflut, sondern auch darin, dass die E-Mail eine Zwischenform zwischen Brief und Anruf darstellt. Als Text und in punkto Archivierbarkeit ist sie dem Brief verwandt, in der elektronischen Verbindung sowie der Unmittelbarkeit von Ankunft und Rückmeldungsmöglichkeit dem Anruf. Man empfände es zu Recht als absurd und unerhört, bekäme man einen Brief mit dem Hinweis zurück, der Empfänger sei im Urlaub, man möge doch bitte das Schreiben später erneut senden. Auf der anderen Seite nimmt es wohl niemand übel, wenn ein Anrufbeantworter Urlaub verkündet und bittet, danach wieder anzurufen.

Man kann also nur abwägen. Und obwohl auch ich es liebe, wenn mit einer gesendeten E-Mail mein Part erledigt ist, muss man zugeben, dass das eine Form der Vorgangsoptimierung darstellt, dem hier das Wohlbefinden von Menschen und deren berechtigter Anspruch auf echte, anhaltende Erholung gegenüberstehen. Und wenn man es so sieht, neigt sich die Waagschale zugunsten der Bitte um neuerliches Senden.


Literatur:

Einen klugen wie amüsanten Überblick über Probleme auch der digitalen Kommunikation und das richtige Verhalten dabei bietet:
Adriano Sack, Manieren 2.0 – Stil im digitalen Zeitalter, Piper Verlag München 2007, Leider nur noch antiquarisch erhältlich, jedoch keinesfalls überholt oder veraltet, sondern immer noch aktuell und treffend.

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