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aus Heft 40/2014 Kino/Film/Theater

Wie im falschen Film

Patrick Bauer  Fotos: Armin Smailovic

Noch bevor sein neuer Film The Cut in die Kinos kommt, spricht Regisseur Fatih Akin schon von einer »Niederlage«. Was ist passiert?

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Fatih Akin in seinem Kiez, Hamburg-Ottensen. Hier kann er die schlechte Presse aus Venedig ausblenden.


Erst als auch noch der Strom ausfällt, will Fatih Akin nicht mehr. Er steht neben seinem Kumpel, dem Schauspieler Adam Bousdoukos, in einer gelben Holzhütte neben dem großen Zelt, unter das alle vor dem Sturm geflüchtet sind. Akin wollte endlich seine Mucke auflegen, bisschen Soul, bisschen Hip-Hop, wie immer, sie haben im Flugzeug die Lieblingssongs auf dem iPad sortiert. »Ey, Adam«, sagte Akin, »lass mal anfangen, die Ladys wollen tanzen!« Die Ladys tanzen immer, wenn er auflegt, und Fatih Akin hat noch nach jeder Premiere aufgelegt. An diesem Sonntag Ende August wurde Akins neuer Film The Cut auf dem Filmfest von Venedig vorgestellt, auf dem Lido. Es ist jetzt weit nach Mitternacht, das Wasser stürzt vom Dächlein der DJ-Hütte, die Ladys stöckeln durch den Schlamm. »Because Im happy. Clap along if you feel like a room without« – bzzzzzt. Plötzlich ist es dunkel, nur noch das Prasseln ist zu hören und das Donnern und das Ooohhhh der Ladys. Fatih Akin schleudert sein iPad auf das DJ-Pult und rennt in den Regen, als könnte er weit kommen auf dieser schmalen Insel. »Nichts funktioniert mehr«, brüllt er, »nichts!«

Akin hat sich zwölf Stunden zusammengerissen. Aber jetzt ist die Nacht ein noch größeres Desaster geworden als der Tag, den Fatih Akin feiern wollte. The Cut ist Akins erster Spielfilm seit fünf Jahren. Nicht nur deswegen war er ungeduldig erwartet worden, auch wegen des brisanten Stoffs: The Cut erzählt vom Genozid an den Armeniern im Ersten Weltkrieg – den in der Türkei, dem Land, aus dem Akins Eltern stammen, noch heute kaum jemand Genozid nennen will.

Eigentlich hatte Akin das Leben von Hrant Dink verfilmen wollen, jenem armenisch-türkischen Journalisten, der sich für die Aufarbeitung des Völkermords einsetzte und im Januar 2007 in Istanbul von einem Rechtsextremen erschossen wurde. Kurz nach der Tat, im Sommer 2007, reiste Akin nach Camburnu, in das Heimatdorf seiner Großeltern an der türkischen Schwarzmeerküste. Er dokumentierte dort den Bau einer gigantischen Mülldeponie, einen Umweltskandal, von dem sein Film Müll im Garten Eden handelt. Akin war auch in der Türkei längst ein Star, als Gewinner des Goldenen Bären für Gegen die Wand drei Jahr zuvor, und für Auf der anderen Seite war er gerade in Cannes ausgezeichnet worden.

Wenn Akins Filmteam über die Teefelder rund um die Müllhalde schritt, applaudierten die Pflückerinnen. Der Junge aus Hamburg-Altona war nach Hause gekommen, jedenfalls in seine Urlaubsheimat, um für ihre Rechte zu kämpfen. Der türkische Umweltminister ließ Akin damals aus seinem Ministerium werfen. Eines Abends saß Akin in Camburnu auf der Terrasse, und der Bürgermeister sagte: »Fatih, du bist ein Volksheld, kein Staatsheld!« Das gefiel Akin, er war berauscht von seiner neuen Rolle und den vielen Joints und dachte wieder an Hrant Dink: »Vielleicht muss jetzt ein Deutschtürke kommen, der in Deutschland gelernt hat, wie man mit dunkler Geschichte umgeht, um zu helfen, das türkische und armenische Trauma zu bewältigen.« Aber Akin fand keinen türkischen Schauspieler, der Dinks Rolle übernehmen wollte, Freunde rieten ihm von dem Vorhaben ab. »Die Türkei war noch nicht bereit«, sagt Akin heute.

In Camburnu äußerte er einen zweiten Traum: Einen richtigen Western wollte er drehen, er dachte an Sergio Leone, die Filme seiner Jugend, er war in den Monaten zuvor durch die USA gereist. Jetzt, sieben Jahre später, vereint The Cut beide Träume: Es ist ein Western vor dem Hintergrund des Genozids. Nazaret, ein junger Armenier überlebt schwer verwundet und verstummt das Massaker und macht sich auf die lange Suche nach seinen verschollenen Zwillingstöchtern, über Syrien, Kuba, bis nach Nordamerika.

Auf eben diese Route hatte sich Akin gemeinsam mit seiner langjährigen persönlichen Assistentin Nurhan Sekerci zunächst gemacht, auf der Suche nach einem Drehbuch für seinen Traum. The Cut ist Sekercis erste Arbeit als Produzentin. Akin las unterwegs jedes Dokument über den Genozid, traf Historiker, Nachfahren. Selbst sein letzter Spielfilm Soul Kitchen, diese ziemlich erfolgreiche Komödie über Hamburg und die Freundschaft, diente auch der Finanzierung dieses Projekts, das unter dem Sternenhimmel von Camburnu seinen Anfang genommen hatte und mit jedem Jahr gewaltiger wurde.

Akin trennte sich von seinem Geschäftspartner Klaus Maeck, gründete mit seiner Frau Monique für The Cut eine eigene Produktionsfirma, Bombero International. Für den Film wurden insgesamt 15 Millionen Euro eingesammelt, von Geldgebern aus acht Ländern. »Uns kann wirklich nichts mehr schocken«, sagt Akin, »für Gegen die Wand hatten wir noch zweieinhalb Millionen. Wir mussten lernen, größer zu denken.« Wegen des Kriegs in Syrien mussten sie für die Schlüsselszenen in die Wüste von Jordanien ausweichen. Auch dort war es gefährlich, einmal geriet Akin mit seinem Jeep in eine Stammesfehde, er blieb immer cool, das Team nannte ihn spaßeshalber »Wüstenfuchs«.

Um zu erklären, warum der Premierentag in Venedig für Fatih Akin so schmerzhaft wird, muss man das wissen: wie lange er auf diesen Tag hingearbeitet hat.
»Ich habe die besten Jahre meines Lebens mit diesem Film verbracht«, sagt Akin. Er ist 41 Jahre alt, er kifft schon lange nicht mehr, er ist schmaler geworden, leiser. Sein Sohn feiert in Venedig seinen neunten Geburtstag, die Tochter ist zwei Jahre alt. Und doch: Dass The Cut überhaupt in Venedig Premiere feiert, liegt daran, dass Akin in mancher Hinsicht ganz der Alte geblieben ist. Er sagt es so: »Ich werde die Straße nicht so richtig los.«

Eigentlich sollte The Cut beim Filmfest im Cannes debütieren. Aber das Feedback von dort nach der Einreichung des Films lautete: Die Jury ist sich uneins. Die Chancen, dass der Film ins Hauptprogramm genommen wird: 50 : 50. Festivalleiter Thierry Frémaux ließ Akin wissen, er glaube, der Film sei noch nicht fertig. »Das war eine Prügeleisituation«, sagt Fatih Akin. »Und wenn ich eines gelernt habe in der Gang oder auch als Hobbyboxer, dann: Wenn du verprügelt wirst und keine Chance hast zu gewinnen, versuche wenigstens einen Treffer zu landen.«

Er reichte The Cut auch in Venedig ein. Das ist nicht ungewöhnlich. Aber als er aus Venedig hörte, man sei begeistert, da tat Fatih Akin etwas, das nicht im Protokoll vorgesehen ist: Er zog The Cut in Cannes zurück. Und begründete diesen Schritt mit »persönlichen Gründen«. Manche warnten ihn: »Persönliche Gründe«, das wird Fragen aufwerfen, wäre es nicht besser, gar nichts zu sagen? »Aber in solchen Momenten«, sagt Akin, »höre ich nur auf mich. Ich sollte vielleicht häufiger die Fresse halten.«

So war bereits im Vorfeld von Venedig zu hören, mit Akins neuem Film müsse es irgendwelche Probleme geben. Und dann vermeldeten auch noch türkische Nationalisten auf Twitter: »Wir beobachten das mit unseren weißen Mützen.« Eine weiße Mütze trug der Junge, der Hrant Dink erschoss.
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Patrick Bauer lernte Fatih Akin vor sieben Jahren im Heimatdorf von dessen Familie an der Schwarzmeerküste kennen. Akin erinnerte sich gleich: »Du bist der Typ, der sich so übel den Magen verdorben hat!«

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