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aus Heft 40/2014 Wissen

Gute Mine, böses Spiel

Till Krause  Illustration: Luca Schenardi

Zwei Forscher hatten eine revolutionäre Idee: Pflanzen, die Metall aus dem Boden holen. Umweltfreundlich, günstig und ziemlich einfach. Warum ist Phytomining immer noch unbekannt?

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Ob Kupfer, Nickel oder Zink (von links nach rechts): Diese Schwermetalle können von manchen Pflanzen in den Wurzeln gespeichert werden. So lassen sich Bodenschätze fördern, die sonst kaum abzubauen wären.


In einem Gewächshaus in Bochum wachsen 3000 Pflänzchen, die helfen könnten, einige der größten Sorgen der Menschheit in den Griff zu bekommen: Umweltverschmutzung, Rohstoffknappheit, Mangelernährung, auch Armut und Regenwaldzerstörung könnte man mit ihnen bekämpfen. Das Problem ist nur: Man darf nicht.

Ute Krämer, Professorin für Pflanzenphysiologie an der Ruhr-Universität mit Doktor aus Oxford und buntgeringeltem Poloshirt, steht zwischen den Pflanzen und pult Schädlinge von den Blättern. Schön sind die Pflanzen nicht: Sie erinnern an zu klein geratenen Löwenzahn und vertrocknete Balkonkräuter, zehn Zentimeter hohes, blütenloses Blattwerk. Doch die Hallersche Schaumkresse, Arabidopsis halleri, hat fast schon übernatürliche Fähigkeiten: Sie gedeiht auf Böden, die so verseucht sind, dass dort eigentlich nichts wachsen dürfte.

Schaumkresse gehört zur Gruppe der Hyperakkumulatoren, kaum erforschte Pflanzen, die Schwermetalle aus dem Erdreich holen und in ihren Blättern speichern können: Zink und das krebserregende Cadmium entzieht sie dem Boden in so großen Mengen, dass man kontaminiertes Brachland damit wieder fruchtbarer machen könnte. Ein Bio-Staubsauger für Bodengifte. »In Deutschland gibt es in der Nähe von alten Bergwerken Zehntausende verseuchte Felder, die durch solche Pflanzen wieder nutzbar gemacht werden können«, sagt Krämer. Dann seufzt sie. »Aber so schnell wird das nichts.«

Warum die Pflanzen kaum zum Einsatz kommen, ist ein großes Rätsel. Es geht um Geld, Patente und die Frage: Was muss passieren, damit sich eine
revolutionäre Idee durchsetzt?

Die Pflanzen können ja nicht nur staubsaugen. Zwei Wissenschaftler namens Alan Baker und Rufus Chaney haben ein Verfahren entwickelt, mit dem sich die Pflanzen, vollgesogen mit Bodenmetallen, zu Geld machen lassen. Eine spezielle Zucht, die sich leicht ernten und verbrennen lässt – und in der Pflanzenasche findet sich dann so viel hochwertiges Erz, dass man daraus Metall herstellen kann. Baker, britischer Botaniker, und Chaney, amerikanischer Agrarwissenschaftler, gaben ihrer Idee den Namen Phytomining, übersetzt in etwa: pflanzlicher Erzabbau. Weil der Preis von Zink sich in den vergangenen fünf Jahren fast verdoppelt hat, könnte Phytomining ein lukratives Geschäft sein.

Doch die Technik liegt brach wie verseuchter Boden. Nichts wächst, nichts passiert: Die Patente für Phytomining gehören der texanischen Investmentfirma Viridian Environmental, sie hat vor mehr als zwanzig Jahren erkannt, was für ein Potenzial in Phytomining steckt. Viridian hat Baker und Chaney schon früh mit Geld unterstützt – und sich dafür die Patente für alle eventuellen Erfindungen gesichert. Das Patent mit der Nummer 5711784, eingereicht am 6. Juni 1995, ist das Problem. Denn die Geldgeber haben jede kommerzielle Nutzung verboten. Viridian Environmental forscht nicht, sie bringen Phytomining nicht zur Marktreife, sie lassen das Patent einfach liegen. Warum, weiß niemand, sie selbst wollen es nicht erklären. Alle Anfragen des SZ-Magazins blieben unbeantwortet.

»Dass die Firma die Patente nicht verwendet, ist rechtlich einwandfrei«, sagt Alan Baker, einer der Erfinder von Phytomining, »aber für uns Forscher ist es ein Albtraum.« Baker war Professor für Botanik, mittlerweile ist er fast siebzig und im Ruhestand. Er ist als Student beim Spazierengehen durch ein stillgelegtes Bergwerk in England auf die Pflanzen aufmerksam geworden, die dort prima gedeihen, in hochgradig verseuchter Erde. Seitdem kennt seine wissenschaftliche Karriere nur ein Ziel: herauszufinden, was es mit diesen Pflanzen auf sich hat.

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Till Krause hat die Forscher gefragt, ob sich per Phytomining auch Edelmetalle aus dem Boden holen lassen. Und tatsächlich: Gold kann so gewonnen werden - wenn auch mit viel Aufwand und in kaum rentablen Mengen. Ein neuseeländischer Wissenschaftler hat herausgefunden, dass das mit der Senfpflanze am besten klappen würde.

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