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aus Heft 40/2014 Stil leben

Geld kann man nicht essen? Von wegen

Hans Gerlach und Lars Reichardt   Fotos: Daniel Delang

Die Bauern haben das Crowdfunding entdeckt - und ihre Investoren werden von den Zinsen satt. Zwölf leckere Anlagetipps.

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Werner Haases Gänse haben viele neue Abnehmer aus der Stadt gefunden - der gesteigerte Direktverkauf ist das größte Plus des neuen Geschäftsmodells.


Zweiundzwanzig Kilogramm Käse für 500 Euro. Das Geld jetzt, den Käse nach und nach. Klingt nach einem interessanten Geschäft. Alexander Agethle, der Verkäufer, weiß allerdings nicht, ob es sich für ihn einmal rechnen wird. Seine Käufer ebenso wenig. Die haben das Geld schon bezahlt, dafür haben sie »Englhörner« erhalten: vom Verkäufer entworfene Gutscheine, nach seinem Hof in Südtirol benannt. Die Käufer können die Englhörner verteilt über die nächsten zehn Jahre bei Agethle einlösen. Der Bauer wollte die Käserei renovieren, 230 000 Euro benötigt er dafür, 110 Käufer haben 150 000 Euro vorgestreckt. Den Rest hofft Agethle im Winter aufzutreiben, für die letzten Schönheitsarbeiten. Im Oktober wird in der Käserei wieder gearbeitet werden – und damit begonnen, den Kredit zu tilgen.

Sollte die Inflation im Schnitt der nächsten zehn Jahre drei Prozent betragen, könnten seine Käufer am Ende einen Gewinn von mehr als dreißig Prozent machen – Agethle wäre wohl ruiniert. Seine Kunden sind durch die feste Käsemenge in jedem Fall geschützt. Im Augenblick sieht es aber so aus, als würden die Englhörner für alle Beteiligten ein gutes Geschäft: Die Inflationsrate ist niedrig, und man kann die Englhörner inzwischen auch im Münchner Restaurant »Broeding« einlösen und im »Hotel Greif« in Mals, nicht weit von Agethles Ort entfernt. Die Englhörner sind Genussscheine, mit denen Bauern eine Art Crowdfunding betreiben; darüber hinaus haben sich die Englhörner zu einer kleinen Ersatzwährung entwickelt.

Agethle ist Kleinbauer in der Südtiroler Region Vinschgau. Auf der Wiese am Dorfeingang von Schleis landen Paraglider von den umliegenden Hängen. Der Bauernhof liegt mitten im Dorf, Agethles Vater hat ihn vor acht Jahren an den Sohn übergeben. Zwölf Milchkühe stehen im Stall, weitere zwölf aus der Nachbarschaft liefern Milch für die kleine Käserei. Zwei Kinder toben über den Hof, die Ehefrau backt das Brot selbst, die Großeltern wohnen im ersten Stock, an einer Theke kann man die Sorten Arunda, Tella oder Rims kaufen, benannt nach den umliegenden Gipfeln: Käse, der so gut schmeckt, dass die Betreiber des Münchner Restaurants »Broeding« unbedingt einmal den Produzenten persönlich kennenlernen wollten.

Der Bauer hätte es sich einfach machen können in seinem Südtiroler Idyll. Hätte weiter 1200 Kilogramm Kraftfutter pro Kuh und Jahr zukaufen können, so wie der Vater es zu tun pflegte, der so aus acht Kühen mehr Milch rausgeholt hat als jetzt der Sohn aus zwölf. Hätte zur Bank im Nachbardorf gehen können, um einen Kredit aufzunehmen. Aber Agethle hat in Florenz Agrarwissenschaften studiert, sich in Kalifornien mit den Folgen der industrialisierten Rinderzucht beschäftigt, im Kosovo beim Wiederaufbau der Landwirtschaft geholfen. Und so geht Agethle aus Überzeugung unbequeme Wege: Er kippt die Milch langsam in den Kessel der Käserei, weil er fürchtet, dass jeder Kontakt mit einer Pumpe sie belastet. Er hat das erste Volksbegehren in Südtirol gegen den Einsatz von Pestiziden angeregt, sogar gewonnen, und streitet sich deswegen auch mit dem eigenen Schwager – Agethles Schwester hat einen reichen Obstbauern geheiratet. Auch die Englhörner hat er vor allem aus ideologischen Gründen erfunden. »Die Menschen haben keine Lust mehr, in irgendwelche asiatischen Fonds einzuzahlen«, sagt Agethle. »Sie wollen die Welt im Kleinen verbessern.« Alexander Agethle glaubt daran, das mit seinem Käse zu tun. Und offenbar glauben das auch viele Kunden; manche von ihnen kommen aus Hamburg, um sich ihren Käse abzuholen, und hängen gleich einen Urlaub dran.

Werner Haase, ein Bauer im oberbayerischen Fischbachau, hatte erst mal nur einen günstigen Kredit im Sinn, als er 2010 Genussscheine in Höhe von 99 500 Euro ausgab. Die Haases hatten gerade viel Geld in den Ausbau von Ferienwohnungen auf dem Hof gesteckt und bekamen kein weiteres Geld von der Bank. Petra Wähning, eine befreundete Soziologin und Slow-Food-Aktivistin aus München, brachte sie dann auf die Idee mit den Genussrechten. 99 Menschen ermöglichten die Renovierung des Hofladens im Leitzachtaler Ziegenhof. Dass Haase über die Genussrechte auch kostenlose Mundpropaganda und bald einen ganz neuen Kundenstamm bekommen würde, ahnte er da noch nicht.

Geld gegen Naturalien – der Tausch bringt für Verbraucher und Bauern neben wirtschaftlichen auch soziale Vorteile: Städter kommen aufs Land, Bauern öffnen ihre Ställe, zeigen, wie gesund oder ökologisch sie produzieren, und binden gleichzeitig den Kunden an sich. Denn wer einem Bauern Geld geliehen hat, kauft in der Regel auch dann bei ihm ein, wenn er gerade keine Genussscheine einlöst. Werner Haase freut sich über einen gesteigerten Direktverkauf an viele neue Kunden. Petra Wähning, die Soziologin, freut sich, »dass die anonyme Geldwirtschaft ausgehebelt wird«. Aufgrund der guten Erfahrungen hat sie in München die Genussgemeinschaft »Städter und Bauern« gegründet, die auf der Homepage genussgemeinschaft.de Investoren vermittelt und Kleinbauern bei der Ausgabe von Genussrechten berät. Die Bauern brauchen Hilfe, um für ihren Betrieb maßgeschneiderte Lösungen zu finden: Es gilt, die Länge der Kreditlaufzeit zu entscheiden und die Frage, ob nur der Zins oder auch das Darlehen mit Naturalien getilgt werden sollen. Meistens wollen die Bauern nur die Zinsen mit Milch, Fleisch oder Gemüse zahlen.
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Hans Gerlach wurde im Zuge der Recherchen Mitglied bei »Platanenblatt« - und schenkte die Hälfte seines Olivenöls dem Co-Autor Lars Reichardt zum Geburtstag.

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